Leben
05.03.2018

"In Auschwitz entdeckte ich meine inneren Quellen"

Edith Eva Eger tanzte für Josef Mengele. Heute hilft die Psychologin (91) traumatisierten Menschen. Darüber hat sie nun ein Buch geschrieben - das Interview dazu.

Wenn sie lächelt, funkeln ihre Augen. Und auch, wenn Dr. Edith Eva Eger mit 91 Jahren als eine der letzten Überlebenden des Holocaust in Interviews, auf Youtube oder bei Vorträgen vom Grauen im Konzentrationslager Auschwitz erzählt, verschwindet dieses Strahlen nie. Trotz der Trauer, die darin mitschwingt. Als Psychologin und Traumaexpertin hilft sie ihren Patienten, wieder ihre innere Freiheit zu erlangen. Unter anderem berät sie das US-Militär bei der Behandlung von Soldaten mit posttraumatischem Belastungssyndrom.

Jetzt hat diese außergewöhnliche Frau ein Buch geschrieben. Es trägt den Titel "Ich bin hier, und alles ist jetzt. Warum wir uns jederzeit für die Freiheit entscheiden können". Es ist nicht nur eine bedrückende Erinnerung an die Shoa, sondern vor allem ein Dokument, das zeigt, wie sich ein Mensch vom "Konzentrationslager im Kopf" befreit und so über das ihm Widerfahrene siegt. Für Philip Zimbardo, emeritierter Psychologieprofessor an der Stanford University, zeichnet es den "Weg vom Trauma zum Triumph". Die renommierte US-Tageszeitung New York Times schrieb: "Ein wichtigeres Buch für die heutige Zeit kann man sich kaum vorstellen."

Wir kontaktieren Dr. Eger per Mail, sie ist nach einer Not-OP im November 2017 noch rekonvaleszent. Ihre Antworten folgen dennoch prompt. Darin erzählt Dr. Eger über Vergebung, die Heilkraft innerer Freiheit und was sie über den Antisemitismus im 21. Jahrhundert denkt.

KURIER: Sie schreiben in Ihrem Buch und sagen auch immer wieder, dass Sie alles, was Sie sind und wissen, durch Auschwitz gelernt haben. Sind diese Erfahrungen einer der Hauptgründe, weshalb Sie schlussendlich Psychologin und Trauma-Expertin wurden?

Edith Eva Eger: Auschwitz wurde für mich zum Klassenzimmer, in dem ich meine inneren Quellen, meinen inneren Reichtum entdecken konnte - wer ich bin. Und diese Lektionen sind heute Teil meiner professionellen Sitzungen. Indem ich Menschen zeige, die Antworten im Inneren zu finden. Nichts kommt von Außen. Ich hatte die Wahl, die Aufseher anzugreifen und daraufhin erschossen zu werden, oder in den Stacheldraht zu laufen, wo mich ein Stromschlag getötet hätte. Doch schlussendlich hatte ich etwas, das nicht durch meine Umstände beeinflusst werden und mir niemand nehmen konnte. Meinen Geist. Ich ließ nicht zu, dass er ermordet wurde – in diesem Sinne hat mir Auschwitz ermöglicht, jene Dinge zu entdecken, die ich heute bei meinen Patienten anwende. Eines der Punkte, an die ich meine Patienten stets erinnere ist, dass die Abhängigkeit von Sachen, die außerhalb von uns liegen, Depressionen fördern und erzeugen. Wir müssen vielmehr nach Innen schauen.

Da denkt man an Viktor Frankls „Und trotzdem Ja zum Leben sagen.“ – offensichtlich hatte es Auswirkungen auf Sie.

Ich kam in die USA und erzählte niemandem etwas von mir – bis ich dieses Buch las. Frankl war mein Mentor, mein Kollege und ich wurde schließlich diplomierte Logotherapeutin. Ich sehe mich selbst als Lotse, damit sich Menschen aus der Opferhaltung hin zur Selbstermächtigung bewegen können, aus der Dunkelheit ins Licht. Ich helfe Menschen, sich von sich selbst zu befreien, aus dem Konzentrationslager in ihrem Kopf. Damit sie die Antworten bei sich selbst, in ihrem Inneren finden können.

Viktor Frankl wurde Ihr Freund und Mentor – was war das Wichtigste, das Sie von ihm lernten?

Ich sehe mich selbst als die weibliche Stimme Viktor Frankls. Und ich zitiere seine Töchter, die sagten, dass uns alles weggenommen werden kann (was mir ja genauso passierte), außer unsere Haltung. Die Art und Weise, wie wir alles betrachten. In Auschwitz habe ich meine innere Kraft entdeckt. Dr. Frankl war im Konzentrationslager ein fertiger Arzt in seinen Dreißigern. Ich war eine romantische Sechzehnjährige, die zu sich selbst sagte, wenn ich heute überlebe, werde ich morgen bei meiner ersten Liebe auftauchen können, die mir einst sagte, ich hätte schöne Augen und Hände. Dieses „Morgen“ wurde zu meinem besten Begleiter und Freund.

Aus Ihrer Sicht ist Trauma kein Schicksal, das ein Leben für immer kaputt machen muss. Was sind die zentralen Strategien, um eine kaputte "Seele" zu reparieren?

Ich werde das mir Widerfahrene nie vergessen, aber ich habe mich damit arrangiert. Sich mit einem Trauma zu arrangieren, heißt aber, dass man viele Schritte tun muss – das ist harte Arbeit. Ich kann nur wenige Punkte nennen: Es gibt kein Vergeben ohne Wut. Es ist wichtig, den Kreislauf anzuerkennen, in dessen Rahmen man die Möglichkeit hat, zu trauern, zu fühlen und zu heilen. Holen Sie sich Ihre Unschuld zurück, weisen Sie dem Täter die Scham und die Schuld zu, gehen Sie durch die Phase von Zorn und Wut, gehen Sie durch das Tal des Schattens und Todes. Aber richten Sie sich dort nicht ein, stecken Sie nicht fest. Leben Sie in der Gegenwart. Schaffen Sie sich eine fürsorgliche Umgebung, die Ihnen erlaubt, ein Leben zu leben, mit Freude und Leidenschaft. Suchen Sie nach dem Geschenk, das in allem zu finden ist.

Warum gibt es so viele Überlebende, die ihre Traumata nicht überwinden können. Was unterscheidet Sie von anderen?

Der Unterschied liegt vielleicht darin, dass ich als Kind sehr viel Zeit alleine mit mir verbracht habe. Ich hatte die Möglichkeit, meine innere Kraft zu entdecken. Wer alleine nicht glücklich sein kann, wird mit niemandem anderen glücklich sein können. Alles beginnt bei der Selbstliebe – und damit meine ich nicht Narzissmus. Es geht darum, gut zu sich selbst zu sein, sich zu bemuttern. Nicht als strafender Elternteil. Es ist wichtig „Ja, und“ zu sagen statt „Ja, aber“. Denn mit dem Wort „aber“ löscht man alles zuvor Gesagte aus.

Vergeben ist eine der wichtigsten Zutaten für innere Heilung. Kann ein Mensch vergeben lernen?

Vergebung ist ein Geschenk, das man sich selbst schenkt, indem man einem anderen Menschen nicht erlaubt, dass er sich in Ihrem Körper und Geist breitmacht. Was Sie nicht stärker macht, beutet Sie aus. Erlauben Sie niemandem, Ihren Geist auszubeuten.

Und warum ist es oft so schwer, zu vergeben?

Weil es von anderen als Gewähren und Vergessen interpretiert werden kann.

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Einschub: Eger ist 16 Jahre alt, als sie mit ihren Eltern Ilona und Lajos sowie ihrer Schwester Magda nach Auschwitz deportiert wird. Als sie aus dem Viehwaggon steigt, begegnet sie Josef Mengele – das erste Mal. Er dirigiert ihre Mutter nach links, Eger folgt ihr. Mengele packt sie und sagt: "Du wirst deine Mutter bald wiedersehen, sie geht nur duschen." Dann stößt er sie zurück in die andere Reihe. Weder ihre Mutter noch ihr Vater überleben.

Auf ihn trifft Eger ein zweites Mal, als er in den Baracken nach "Talenten" sucht. "Kleine Tänzerin", sagte Dr. Mengele, "tanz für mich". An dem Morgen, an dem ihre Mutter ins Gas geht, muss die 16-Jährige für ihren Peiniger tanzen. Dabei erinnert sie sich an das, was ihr ihre Mama auf dem Weg ins Lager sagte: "Wir wissen nicht, wohin wir fahren und wir wissen nicht, was mit uns passiert. Aber erinnere dich immer daran, dass man dir nicht nehmen kann, was in deinem Kopf ist." Als die junge Edith Eva tanzt, stellt sie sich vor, dass sie das auf der Bühne der Budapester Oper tut. Diese innere Vorstellungskraft rettet sie. "Ich bin frei in meinem Kopf, was er niemals sein kann. Er wird immer mit dem leben müssen, was er getan hat. Er ist gefangener, als ich es bin. Als mein Programm mit einem letzten anmutigen Spagat endete, bete ich, doch ich bete nicht für mich. Ich bete für ihn. Ich bete ihm zuliebe dafür, dass er nie die Notwendigkeit sehen wird, mich töten zu müssen", erinnert sie sich. Mengele wirft ihr danach einen Laib Brot zu.

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Sie haben allen Tätern vergeben, sogar Josef Mengele

Es liegt nicht an mir alleine, anderen Menschen und ihren Taten zu vergeben. Ich habe keine göttlichen Kräfte. Rache kann Befriedigung schenken, aber nur vorübergehend. Ich persönlich bin lieber glücklich als recht zu haben. Ich möchte ein erfülltes Leben führen, freudvoll – es wäre unmöglich gewesen, hätte ich mich nicht von mir selbst als Gefangene befreit, als Geißel der Vergangenheit. Am Zorn festzuhalten, hätte mich eines erfüllten Lebens beraubt. Meine Form des Vergebens gibt mir die Freiheit, jeden Moment des Lebens zu genießen und in der Gegenwart zu leben.

Stichwort Gegenwart: In Europa, in Deutschland auch in Österreich, nimmt der Antisemitismus wieder zu, laut Medienberichte häufen sich die Übergriffe auf Juden. Macht Ihnen das Angst?

Angst erzeugt mehr Angst und unser größten Feinde sind Ignoranz und Unwissenheit. Ich hoffe, die Menschen erkennen, dass die Geschichte dazu tendiert, sich zu wiederholen. Deshalb mache ich alles, das in meiner Macht steht, damit unsere Kinder und Enkelkinder niemals erleben und erfahren müssen, was ich erleben und erfahren musste. Wir sind gute Menschen, die geboren wurden, um zu lieben und um eine große Familie zu bilden, die einander bestärkt.

Menschen – das sehen wir immer wieder und wieder, können so grausam sein, ohne Empathie und Gefühle. Liegt das in seiner Natur oder ist das sozialisiert?

Ich denke nicht, dass wir geboren werden, um zu hassen. Wir lernen Angst, wir lernen, zu verurteilen. Aber egal, was wir auch immer gelernt haben – wir können lernen, gute Eltern für uns selbst zu sein. Warum können wir uns nicht selbst zur Welt bringen – als jenes Wesen, als das wir gemeint waren? Gott baut keinen Mist, sagen wir in Amerika. Ich denke das in gewissem Sinne auch. Gott hat uns mit der Fähigkeit erschaffen, zu lieben oder gut zu sein UND so zu sein, wie Hitler war. Für welche Möglichkeit wir uns entscheiden, liegt an uns.

Wie wichtig ist der spirituelle Aspekt in Ihrer Arbeit. Glauben Sie an Gott?

Ja, mein Gott war und ist ein liebender Gott, den ich in Auschwitz entdeckt habe. Er half mir, meinen Hass auf die Wachen und Aufseher in Mitgefühl und Mitleid zu verwandeln. Ich habe sogar für sie gebetet.

Sie schreiben: „Wir haben die Fähigkeit zu hassen und die Fähigkeit zu lieben. Wofür wir uns entscheiden, liegt an uns.“ Wer sich im Moment in den sozialen Medien umsieht, begegnet viel Hass und vielen Schwarz-Weiß-Malereien. Wie sehen Sie das, was kann jeder einzelne dagegen tun?

Ich glaube an Zusammengehörigkeit, Ganzheit. In diesem Sinne hoffe ich, dass wir eines Tages alle zusammenfinden – in Liebe und Güte, um eine große Menschenfamilie zu erschaffen, auch durch Kommunikation. Das bedeutet, dass wir aufeinander hören und Respekt füreinander zeigen müssen. Es gibt überall auf der ganzen Welt Menschen, die auf diesem Gebiet viel positive Arbeit leisten, indem sie Menschen und Gruppen zusammenbringen. Damit sie aufeinander hören und einander verstehen. Ich wünsche mir, dass wir uns immer daran erinnern, worauf Hass basiert: Hass entsteht durch Angst und Angst ist erlernt. Und häufig ist das, wovor wir uns fürchten gar nicht real. Doch das alles kann rückgängig gemacht werden. Einer der nachhaltigsten Wege, zu lernen, ist, etwas selbst zu erfahren, um es dann zu verstehen. Deshalb ist es so wichtig, dass Menschen auf „neutralem“ Boden aufeinander zugehen können – das kann sehr heilsam sein und von Vorurteilen und Ängsten befreien. Jeder kann seinen Beitrag leisten, um eine große Familie zu gründen, die diese von Gott erschaffene Welt, überlebt. Jeder von uns zählt

Nachsatz: Egers Assistentin Katie übermittelt uns die Antworten von Dr. Eger. Sie schreibt: "Ich arbeite schon sehr viele Jahre für Dr. Eger und möchte Ihnen aus eigener Erfahrung sagen, dass sie keine Abneigung gegen oder gar Hass auf Deutsche und Österreicher empfindet." Offenbar ist ihr das wichtig, denn auch über den Verlag lässt Eger ausrichten, wie sie zu Deutschland steht, in das sie 1980 das erste Mal nach Kriegsende zurückgekehrt ist: "Die Rückkehr an den Schauplatz meines eigenen Traumas half mir, mich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, sie loszulassen und zu vergeben."

Edith Eva Eger: „Ich bin hier, und alles ist jetzt. Warum wir uns jederzeit für die Freiheit entscheiden können“, btb Verlag. ca. 288 Seiten, 20,60 Euro.

Dr. Edith Eva Eger

Schicksal. Dr. Edith Eva Eger wurde am 29. September 1927 in Košice, ab 1938 Kassa, Ungarn, geboren. Vor ihrer Deportation nach Auschwitz lernt sie Ballett und Kunstturnen. Im Mai 1944 wird sie gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer Schwester Magda nach Auschwitz deportiert, Schwester Klara bleibt, sie wird versteckt. 1945 wird Eger in Gunskirchen/ Mauthausen befreit. 1949 geht sie in die USA. In Kalifornien arbeitet sie als Psychologin, unterrichtet an der Uni und hält auf der ganzen Welt Vorträge. Sie ist Mutter, Großmutter und Urgroßmutter.