Leben
30.11.2017

Wenn Männer Opfer werden

Männer sind nicht nur die häufigsten Täter, sondern auch die häufigsten Opfer von Gewalt. Darüber zu sprechen fällt ihnen schwer, es mangelt außerdem an Stellen, wo sie das tun können.

Ein anzüglicher Spruch hier, eine scheinbar zufällige Berührung da: Irgendwann war es Alex leid, unangemessenen Annäherungsversuchen des eigenen Chefs ausgesetzt zu sein. Das ging auch an den Kolleginnen nicht unbemerkt vorbei, denn der Vorgesetzte war in dieser Angelegenheit kein unbeschriebenes Blatt. Sie ermutigten Alex dazu, das Thema offen bei der Unternehmensleitung anzusprechen, was eine Kündigung des Vorgesetzten zur Folge hatte. Obwohl Alex wusste, das Richtige getan zu haben und sich nichts vorwerfen zu müssen, machten sich Schuldgefühle breit.

Bis zu diesem Punkt wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, dass Alex keine Frau, sondern ein Mann ist.

Tabubehaftet

Geschuldet ist das der Tatsache, dass Frauen in ihrem Leben weitaus häufiger sexueller Belästigung ausgesetzt sind – unter anderem in ihrem Arbeitsumfeld. Doch es gibt sie: Männer, die sexualisierte Gewalt erfahren. In der ersten österreichischen Prävalenzstudie über Gewalterfahrungen von Männern und Frauen (erschienen 2011) gaben neun Prozent der Männer an, von sexualisierter Gewalt betroffen zu sein, bei den Frauen waren es 30. Bei einer Befragung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes in Deutschland aus dem Jahr 2015 sagten sieben Prozent der Männer, dass sie mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz konfrontiert waren; bei den Frauen waren es 17.

Um besser mit dieser Erfahrung umgehen zu können, entschied sich Alex dazu, die Männerberatung in Wien aufzusuchen – eine Einrichtung, die Männer sozial, psychologisch und rechtlich berät. Hubert Steger, der dort den Bereich Opferschutz und Prozessbegleitung von Buben und Männern leitet, könnte noch von vielen weiteren Fällen wie dem von Alex erzählen.

Auch Männer, die Opfer massiver sexueller Übergriffe geworden sind, wenden sich an die Männerberatung. Dabei falle es Männern laut Steger besonders schwer, über Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt zu sprechen. Viele Burschen, die missbraucht wurden, könnten den Missbrauch als solchen überhaupt nicht benennen. "Manchen gelingt es erst im Erwachsenenalter darüber zu sprechen", sagt Steger. Wenn überhaupt – denn sexualisierte Gewalt würde gemeinhin nicht der wahrgenommenen Lebenserfahrung von Männern entsprechen. Viele würden darauf mit Verdrängungsmechanismen oder Funktionalität im Alltag reagieren.

Randthema

Auch in der aktuellen Debatte rund um den Hashtag #metoo, unter dem Frauen weltweit über ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Gewalt berichten, spielen Männer als Opfer eine Nebenrolle. Obwohl im Rahmen der Kampagne öffentlich bekannt wurde, dass beispielsweise US-Schauspieler Kevin Spacey Jungen und Männer sexuell belästigt und missbraucht haben soll. "Männliche Betroffene sind in der Debatte zwar weniger sichtbar, sie ist aber trotzdem wichtig. Es geht nicht darum, Frauen und Männer gegeneinander auszuspielen oder Erfahrungen aufzurechnen", sagt Dieter Schmoll, der seit 1988 Täterarbeit bei der Männerberatung leistet. Obwohl die Kriminalstatistik jedes Jahr aufs Neue belegt, dass Männer bei Gewalttaten nicht nur die häufigsten Täter, sondern auch ihre häufigsten Opfer sind, ist Gewalt gegen Männer noch immer ein Randthema.

Während es in Österreich in den vergangenen Jahren immer wieder Studien über Gewalt gegen Frauen gab, ist die Situation von Männern diesbezüglich weitgehend unerforscht. Unter anderem deshalb, weil die Opferrolle bei Männern im Widerspruch zur gesellschaftlichen Vorstellung von Männlichkeit und damit einhergehenden Attributen wie Stärke oder Überlegenheit steht.

Vom Opfer zum Täter

Dass Opfer selbst zu Tätern werden, ist laut Schmoll wahrscheinlich, müsse aber nicht unbedingt so sein. Wenn es so ist, geht man von drei Szenarien aus: Der Täter hat sich etwas abgeschaut, beispielsweise wenn der Vater gegenüber der Mutter gewalttätig war. Er wurde in der Vergangenheit selbst von einer Vertrauensperson geschlagen und macht durch seine Gewaltausübung aus seinem Trauma einen Triumph. Oder es findet eine Identifikation mit dem Aggressor statt. Bedeutet, dass der Täter das gewalttätige Verhalten einer ihm nahestehenden Person relativiert und in weiterer Folge selbst Gewalt ausübt. Dass es für Männer schwieriger ist als für Frauen, als Opfer und somit als schwach und hilflos wahrgenommen zu werden, berichtet auch Dina Nachbaur von der Verbrechensopferhilfe Weisser Ring. Weil Männer diese Zuschreibungen nicht mit ihrem Selbstbild vereinbaren können, wenden sie sich viel seltener an Beratungsstellen. "Aus diesem Grund gehen Männer auch seltener zu medizinischen Vorsorgeuntersuchungen, weil es für sie eine Form ist, Schwäche zu zeigen", sagt Nachbaur.

Dabei vermutet sie gerade bei Gewalttaten eine hohe Dunkelziffer an männlichen Opfern. Um diese zu erreichen, richtet sich der Weisse Ring seit rund zwei Monaten mit einer eigenen Kampagne an junge Männer. Denn auf diese Gruppe entfällt laut Nachbaur der größte Prozentsatz von Opfern außerhäuslicher Gewalt. "Gewalt gegen Männer im öffentlichen Raum ist ein Problem, das häufig verdrängt wird", sagt Nachbaur. Sie habe immer wieder mit Männern zu tun, denen schwere Verletzungen zugefügt wurden. Mit dem Slogan "Ich bin kein Opfer" will man den betroffenen Männern vermitteln, "dass sie Rechte haben, statt ihre Ohnmacht durch einen Opferstatus einzuzementieren", erklärt Nachbaur.

Genau wie Schmoll und Steger von der Männerberatung sieht sie ein zu geringes Beratungsangebot für Männer. Das erkläre, dass es weniger nachgefragt wird und führe letztlich auch dazu, dass es zu wenig Bewusstsein für die Verknüpfung von Männlichkeit und Gewalt gibt. Dieses Zusammenspiel manifestiert sich bereits im Kindesalter, zum Beispiel, wenn Buben miteinander raufen. Gewalt wird dann laut Schmoll bei Männern zu einer Normalität, die nicht als solche konnotiert ist.

Auf die Frage, wie solche Gewaltstrukturen aufgebrochen werden können, nennen Schmoll und Steger die Etablierung von Alternativentwürfen für traditionelle männliche Rollenbilder. "In Bezug auf Vaterschaft hat sich beispielsweise sicher schon etwas getan." Der Schlüssel liege aber in der Gleichstellung der Geschlechter, sagt Schmoll und zitiert David Gilmore frei aus seinem Werk "Mythos Mann" (1991): "Je patriarchaler und je weniger egalitär eine Gesellschaft ist, desto mehr Gewalt gibt es."

Weisser Ring

Unter dem vom Justizministerium installierten Opfer-Notruf 0800 112 112 erhalten Opfer von Straftaten kostenlos und rund um die Uhr Hilfe. Der Weisse Ring berät, begleitet und unterstützt Opfer, damit sie zu ihren Rechten kommen;.Europäische Hotline: 116 006

www.weisser-ring.at

Männerberatung Wien

Psychologische, psychotherapeutische, soziale und juristische Hilfe

www.maenner.at

MEN Männergesundheitszentrum für Burschen und Männer

www.men-center.at