In Familien wird es nie langweilig. Das kann schön sein, aber auch sehr anstrengend werden.

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Leben
05/10/2018

Was Eltern belastet und was sie dagegen tun können

Warum unser Familienleben für alle Beteiligten oft viel anstrengender ist, als es sein müsste.

von Barbara Stieger

Wenn der Wecker wieder einmal viel zu früh läutet, man über im Wohnzimmer verstreute Legosteine stolpert, sich die Älteste wegen Liebeskummer im Bad eingeschlossen hat und noch immer nicht geklärt ist, wer den Junior nach der Schlagzeugstunde abholt, ist das nichts Außergewöhnliches. Alles Routine, denn nichts ist auf Schiene.

Etwa so spielt sich das auch in Paulas Familienalltag ab. Bis sie eines Tages beschließt, dass es so nicht weitergehen kann. „Ich bin ständig außer Atem, zerreiße mich zwischen Job, Kindern und meinem Mann. Wir leben alle nur noch nebeneinander her“, beschreibt sie ihre Situation. Als sie ihren Mann an einem der raren Abende, an denen die Kinder bei den Großeltern sind, darauf anspricht, merkt sie schnell, dass es ihm ähnlich geht. Gemeinsam beschließen sie, zu einem Familientherapeuten zu gehen.

Hilfeschrei

An diesem Punkt sind auch Paare, die in die Praxis von Natascha Vittorelli kommen. Meist stehen sie unter großem Druck. Wer Leitlinien für ein besseres Zeitmanagement bekommen möchte, ist hier falsch. „Die Frage ist, ob es für Familien ein wirkliches Zeitmanagement gibt. Ich bezweifle das. Dafür sind die Variablen, die den Alltag bestimmen, zu vielfältig. Eltern sollten vielmehr akzeptieren, dass ein Familienalltag eben nicht kontrollierbar ist“, sagt Vittorelli. Ein wesentlicher Punkt ist es, herauszufinden, was wirklich wichtig und was unwichtig ist. „Auch zu ergründen, wer den Stress verursacht. Ist es ein gesellschaftlicher Druck, der mich dazu bringt, möglichst bald wieder in den Job einzusteigen oder meine Kinder in alle möglichen Kurse zu stecken, um sie früh zu fördern? Oder setze ich mich selbst unter Druck, weil ich meinen Kindern ständig das Beste bieten möchte“, erklärt sie.

Das Beste sei gar nicht immer nötig. Gepaart mit einer gewissen Unsicherheit darüber, was man in Sachen Erziehung wirklich möchte, führe das oft zu Vergleichen mit anderen. Dann kommt es zu einem gegenseitigen Aufschaukeln von Erwachsenen, wer mehr für sein Kind tut. Ein Teufelskreis beginnt, der alle Beteiligten massiv unter Druck setzt. „Aus dieser Spirale auszusteigen, erfordert Zeit und auch den Willen, sich als Eltern damit auseinanderzusetzen, worum es bei der eigenen Erziehung in erster Linie gehen soll“, so die Expertin. Dafür bietet sie Raum und stellt die richtigen Fragen. Besonders hilfreich ist es, sich zu fragen, was für ein Kind wollen wir? Wie hat es zu sein? Was hat es zu können, zu wissen oder zu leisten? Und natürlich auch, was für Eltern wollen wir sein? Was sollen unsere Kinder einmal über uns sagen, welche Eltern wir für sie waren?“, meint Vittorelli.

Perspektivenwechsel

Wer versucht, den Alltag einmal mit den Augen der Kinder zu sehen, wird unter Umständen schnell merken, wo es zu viel des Guten ist. „Weniger ist auch hier mehr. Es fehlt an unverplanter Zeit miteinander“, meint die Expertin. Aus der Überlegung heraus, dem Nachwuchs alles bieten zu müssen, wird so lange geplant und verplant, bis am Ende keiner mehr genießen kann und alle nur noch erschöpft sind. Die Kinder ihrerseits brauchen diese Überangebote gar nicht. Zeit mit den Eltern zu verbringen, steht für sie im Vordergrund. Ob dabei gespielt, gemeinsam ein Film geschaut oder einfach nur geredet wird, ist meist gar nicht so wichtig.

Auch die Angst vor Fehlern und falschen Entscheidungen treibt viele in die Praxis von Natascha Vittorelli. „Oft wollen sich Eltern nur eine Bestätigung abholen, dass das Verhalten ihres Kindes noch im grünen Bereich ist“, so die Therapeutin. In vielen Fällen haben die Erwachsenen ganz hohe Erwartungen an das Funktionieren der Kinder. Dann erzählen ihr aufgeregte Eltern, dass sie ein bestimmtes Verhalten problematisch finden und dieses in Zukunft vielleicht Schwierigkeiten bereiten könnte.

Dabei geht es in vielen Fällen um Emotion. Überschwängliche Freude ist selten ein Problem, bei Wut schaut es hingegen ganz anders aus. Der Umgang mit ihr ist schwierig. Ist das Kind über einen längeren Zeitraum aggressiv oder schädigt sein Verhalten andere, müssen natürlich entsprechende Schritte unternommen werden. Ein gelegentlicher Wutausbruch des Nachwuchses bedeutet jedoch nicht gleich, dass dieses zum Problemkind wird. Viele Eltern sind einfach sehr schnell besorgt und unsicher. Das gilt es in erster Linie ernst zu nehmen, und in einem zweiten Schritt zu relativieren. „Ein Vier- oder Sechsjähriger hat seinen Gefühlshaushalt nicht im Griff. Das schaffen ja nicht einmal die Erwachsenen“, so Vittorelli.

Dazu kommt, dass Verhalten naturgemäß auch immer entwicklungsbedingt und deshalb auch einer ständigen Veränderung unterzogen ist. Es gibt Phasen, die zur ganz normalen Reifung gehören und sich auch wieder ganz von selbst legen.

Und dann wäre da noch die Sache mit den sozialen Medien. Natürlich beklagen viele Eltern, dass ihre Kinder ständig an den diversen Devices herumhängen. Ein Problem ist allerdings, dass die Erwachsenen es oft selbst nicht besser vormachen. Da darf man sich dann auch nicht großartig wundern, wenn im Bett fröhlich weiter gechattet wird, anstatt zu schlafen. Die persönliche Toleranzschwelle ist hier allerdings sehr individuell. Was manche schon als störend empfinden, ist für andere ganz normal. „Am besten ist es, sich gemeinsame Regeln auszumachen – zum Beispiel am Esstisch ist Handyverbot oder ab einer gewissen Uhrzeit gibt es kein Handy mehr“, so die Expertin. Wenn man den Kindern erklärt,warum man das haben möchte, ist das oft schon nach kurzer Zeit gar kein Thema mehr.

Wie so manches im Leben. Man muss nur den Mut haben, es anzusprechen. Weil das immer der erste Schritt ist, damit Veränderung möglich wird.

Entspannen braucht nicht immer viel Zeit. Hier sind einige Tipps für zwischendurch.

  1. Atmen Tief in den Bauch einatmen und etwa doppelt so lange ausatmen, wie man eingeatmet hat. Einige Male wiederholen.
  2. Stress abschütteln Bei Sportlern funktioniert es bestens. Einige Male alle Gliedmaßen und den Körper durchschütteln. Das bringt alle Muskelgruppen in die Entspannung.
  3. Zeitlupe Wenn der Stress wieder einmal besonders groß ist,  für zwei Minuten alle Bewegungen ganz fließend und  langsam ausführen, wie in Zeitlupe.
  4. Gedankenreise Eine entspannte Position einnehmen, die Hände  vor das Gesicht halten und die Augen schließen. Holen Sie sich schöne Bilder aus Ihrer Erinnerung. Von einer Urlaubsreise, netten Menschen oder aus der Natur. Atmen Sie dabei bewusst ein und aus.