Leben 10.05.2018

Was Eltern belastet und was sie dagegen tun können

In Familien wird es nie langweilig. Das kann schön sein, aber auch sehr anstrengend werden. © Bild: Getty Images/iStockphoto

Warum unser Familienleben für alle Beteiligten oft viel anstrengender ist, als es sein müsste.

Wenn der Wecker wieder einmal viel zu früh läutet, man über im Wohnzimmer verstreute Legosteine stolpert, sich die Älteste wegen Liebeskummer im Bad eingeschlossen hat und noch immer nicht geklärt ist, wer den Junior nach der Schlagzeugstunde abholt, ist das nichts Außergewöhnliches. Alles Routine, denn nichts ist auf Schiene.

Etwa so spielt sich das auch in Paulas Familienalltag ab. Bis sie eines Tages beschließt, dass es so nicht weitergehen kann. „Ich bin ständig außer Atem, zerreiße mich zwischen Job, Kindern und meinem Mann. Wir leben alle nur noch nebeneinander her“, beschreibt sie ihre Situation. Als sie ihren Mann an einem der raren Abende, an denen die Kinder bei den Großeltern sind, darauf anspricht, merkt sie schnell, dass es ihm ähnlich geht. Gemeinsam beschließen sie, zu einem Familientherapeuten zu gehen.

Hilfeschrei

An diesem Punkt sind auch Paare, die in die Praxis von Natascha Vittorelli kommen. Meist stehen sie unter großem Druck. Wer Leitlinien für ein besseres Zeitmanagement bekommen möchte, ist hier falsch. „Die Frage ist, ob es für Familien ein wirkliches Zeitmanagement gibt. Ich bezweifle das. Dafür sind die Variablen, die den Alltag bestimmen, zu vielfältig. Eltern sollten vielmehr akzeptieren, dass ein Familienalltag eben nicht kontrollierbar ist“, sagt Vittorelli. Ein wesentlicher Punkt ist es, herauszufinden, was wirklich wichtig und was unwichtig ist. „Auch zu ergründen, wer den Stress verursacht. Ist es ein gesellschaftlicher Druck, der mich dazu bringt, möglichst bald wieder in den Job einzusteigen oder meine Kinder in alle möglichen Kurse zu stecken, um sie früh zu fördern? Oder setze ich mich selbst unter Druck, weil ich meinen Kindern ständig das Beste bieten möchte“, erklärt sie.

Das Beste sei gar nicht immer nötig. Gepaart mit einer gewissen Unsicherheit darüber, was man in Sachen Erziehung wirklich möchte, führe das oft zu Vergleichen mit anderen. Dann kommt es zu einem gegenseitigen Aufschaukeln von Erwachsenen, wer mehr für sein Kind tut. Ein Teufelskreis beginnt, der alle Beteiligten massiv unter Druck setzt. „Aus dieser Spirale auszusteigen, erfordert Zeit und auch den Willen, sich als Eltern damit auseinanderzusetzen, worum es bei der eigenen Erziehung in erster Linie gehen soll“, so die Expertin. Dafür bietet sie Raum und stellt die richtigen Fragen. Besonders hilfreich ist es, sich zu fragen, was für ein Kind wollen wir? Wie hat es zu sein? Was hat es zu können, zu wissen oder zu leisten? Und natürlich auch, was für Eltern wollen wir sein? Was sollen unsere Kinder einmal über uns sagen, welche Eltern wir für sie waren?“, meint Vittorelli.

Natascha Vittorelli, Therapeutin © Bild: privat

Perspektivenwechsel

Wer versucht, den Alltag einmal mit den Augen der Kinder zu sehen, wird unter Umständen schnell merken, wo es zu viel des Guten ist. „Weniger ist auch hier mehr. Es fehlt an unverplanter Zeit miteinander“, meint die Expertin. Aus der Überlegung heraus, dem Nachwuchs alles bieten zu müssen, wird so lange geplant und verplant, bis am Ende keiner mehr genießen kann und alle nur noch erschöpft sind. Die Kinder ihrerseits brauchen diese Überangebote gar nicht. Zeit mit den Eltern zu verbringen, steht für sie im Vordergrund. Ob dabei gespielt, gemeinsam ein Film geschaut oder einfach nur geredet wird, ist meist gar nicht so wichtig.

Auch die Angst vor Fehlern und falschen Entscheidungen treibt viele in die Praxis von Natascha Vittorelli. „Oft wollen sich Eltern nur eine Bestätigung abholen, dass das Verhalten ihres Kindes noch im grünen Bereich ist“, so die Therapeutin. In vielen Fällen haben die Erwachsenen ganz hohe Erwartungen an das Funktionieren der Kinder. Dann erzählen ihr aufgeregte Eltern, dass sie ein bestimmtes Verhalten problematisch finden und dieses in Zukunft vielleicht Schwierigkeiten bereiten könnte.

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Weniger ist mehr – mehr unverplante Zeit führt zu mehr Lebensqualität © Bild: Getty Images/iStockphoto/scyther5/IStockphoto.com

Dabei geht es in vielen Fällen um Emotion. Überschwängliche Freude ist selten ein Problem, bei Wut schaut es hingegen ganz anders aus. Der Umgang mit ihr ist schwierig. Ist das Kind über einen längeren Zeitraum aggressiv oder schädigt sein Verhalten andere, müssen natürlich entsprechende Schritte unternommen werden. Ein gelegentlicher Wutausbruch des Nachwuchses bedeutet jedoch nicht gleich, dass dieses zum Problemkind wird. Viele Eltern sind einfach sehr schnell besorgt und unsicher. Das gilt es in erster Linie ernst zu nehmen, und in einem zweiten Schritt zu relativieren. „Ein Vier- oder Sechsjähriger hat seinen Gefühlshaushalt nicht im Griff. Das schaffen ja nicht einmal die Erwachsenen“, so Vittorelli.

Dazu kommt, dass Verhalten naturgemäß auch immer entwicklungsbedingt und deshalb auch einer ständigen Veränderung unterzogen ist. Es gibt Phasen, die zur ganz normalen Reifung gehören und sich auch wieder ganz von selbst legen.

Und dann wäre da noch die Sache mit den sozialen Medien. Natürlich beklagen viele Eltern, dass ihre Kinder ständig an den diversen Devices herumhängen. Ein Problem ist allerdings, dass die Erwachsenen es oft selbst nicht besser vormachen. Da darf man sich dann auch nicht großartig wundern, wenn im Bett fröhlich weiter gechattet wird, anstatt zu schlafen. Die persönliche Toleranzschwelle ist hier allerdings sehr individuell. Was manche schon als störend empfinden, ist für andere ganz normal. „Am besten ist es, sich gemeinsame Regeln auszumachen – zum Beispiel am Esstisch ist Handyverbot oder ab einer gewissen Uhrzeit gibt es kein Handy mehr“, so die Expertin. Wenn man den Kindern erklärt,warum man das haben möchte, ist das oft schon nach kurzer Zeit gar kein Thema mehr.

Wie so manches im Leben. Man muss nur den Mut haben, es anzusprechen. Weil das immer der erste Schritt ist, damit Veränderung möglich wird.

Vier entspannende Übungen unter fünf Minuten

Entspannen braucht nicht immer viel Zeit. Hier sind einige Tipps für zwischendurch.

  1. Atmen Tief in den Bauch einatmen und etwa doppelt so lange ausatmen, wie man eingeatmet hat. Einige Male wiederholen.
  2. Stress abschütteln Bei Sportlern funktioniert es bestens. Einige Male alle Gliedmaßen und den Körper durchschütteln. Das bringt alle Muskelgruppen in die Entspannung.
  3. Zeitlupe Wenn der Stress wieder einmal besonders groß ist,  für zwei Minuten alle Bewegungen ganz fließend und  langsam ausführen, wie in Zeitlupe.
  4. Gedankenreise Eine entspannte Position einnehmen, die Hände  vor das Gesicht halten und die Augen schließen. Holen Sie sich schöne Bilder aus Ihrer Erinnerung. Von einer Urlaubsreise, netten Menschen oder aus der Natur. Atmen Sie dabei bewusst ein und aus.

Interview: Was Eltern belastet und was sie dagegen tun können

Ein Gespräch über die Angst vor falschen Entscheidungen, schlechtes Gewissen und kindliche Entwicklung mit Harald Werneck vom Institut für angewandte Psychologie der Universität Wien.

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Oft ist Familienleben mehr ein Nebeneinander als ein Miteinander © Bild: Getty Images/iStockphoto/Kerkez/IStockphoto.com

KURIER: Eine Forsa-Studie hat ergeben, dass  für Eltern nicht mehr der Spagat zwischen Job und Familie  den meisten Stress verursacht, sondern  vor allem die hohen Erwartungen an sich selbst. Inwiefern spielt da auch die Angst vor falschen Entscheidungen mit hinein?
Harald Werneck:
Von modernen Müttern wird erwartet, dass sie einerseits natürlich ihre Mutterrolle voll und ganz und möglichst perfekt wahrnehmen, andererseits aber auch – zumindest nach einer kurzen „Auszeit“ – sich beruflich etablieren. Von modernen Vätern wird ebenso erwartet, dass sie einerseits die klassische Rolle als Versorger der Familie wahrnehmen können, anderseits aber auch für ihre Kinder präsent und verfügbar sind. Mütter wie Väter neigen dazu, alle diese Erwartungshaltungen zu internalisieren. Gerade wenn es um die Familiengründung und familiäre Werte geht, die in unserer Gesellschaft nach wie vor einen hohen Stellenwert genießen, neigen wir oft zu überhöhten Ansprüchen, auch an uns selbst, und wollen alles möglichst perfekt schaffen. Verstärkt wird dieser Anspruch oft dann, wenn es sich um ein Einzelkind handelt, in welches viele Wünsche, Erwartungen und Hoffnungen projiziert werden. Gerade dann wollen sich Eltern möglichst keine Fehler erlauben, was die in der Erziehung manchmal nötige Gelassenheit nicht eben erleichtert.

Wie können Eltern in dieser Hinsicht mehr Sicherheit gewinnen?
Von Donald Winnocott, einem berühmten britischen Kinderarzt, stammt das Konzept der „good enough mother“, womit er im Wesentlichen meinte, dass es eine gute Entwicklung des Kindes fördert, wenn die Mutter ausreichend auf die Bedürfnisse des Babys eingeht. Wichtig ist es aber, die enge Verbindung zwischen Mutter und Baby sukzessive angemessen aufzulösen – wichtig für eine gute Entwicklung sowohl des Kindes, als auch der Mutter. Die entlastende Botschaft an die Mütter, aber auch an die Väter ist, dass man auch als Elternteil nicht immer perfekt sein muss und es legitim ist, weiterhin auch eigene Bedürfnisse wahrzunehmen.

Haushalt, Job – Eltern haben oft das Gefühl, zu wenig Zeit für die Kinder zu haben, und ein schlechtes Gewissen deshalb.  Bedeutet mehr Zeit mehr Qualität?
Ein gewisses Ausmaß an miteinander verbrachter Zeit ist wohl Voraussetzung, um die Zeit auch qualitativ hochwertig zu nützen. Gerade Kinder brauchen oft eine gewisse Zeit, um sich überhaupt einmal zu „öffnen“, bis Dinge zur Sprache kommen, die sie gerade beschäftigen oder die ihnen am Herzen liegen. Es gilt aber nicht automatisch: Je mehr Zeit Eltern mit Kindern verbringen, desto besser für die kindliche Entwicklung. Natürlich kommt es auch darauf an, wie die verfügbare Zeit genützt wird. Je weniger Zeit Eltern für ihre Kinder zur Verfügung haben, desto wichtiger ist es, diese bewusster und kindorientiert zu nützen. Das muss aber nicht die „supercoole Action“, der Ausflug in den Wurstelprater oder ähnliches sein, das kann auch einmal ein gemeinsamer Nachmittag in der Sandkiste sein, wo man sich einfach intensiv und möglichst ungestört dem Kind widmet, mit ihm spielt, plaudert, erzählt oder einfach zuhört.

Ass.-Prof. Mag. Dr. Harald Werneck, Psychologe,Institut für angewandte Psychologie der Universität Wien © Bild: privat

Schule stresst oft Kinder und Eltern gleichermaßen. Das „Gut-Durchbringen“ bestimmt den Alltag. Wie geht man am besten vor?
Ein Patentrezept, wie man Kinder und auch deren Eltern stressfrei durch die Schulzeit bringt, ist leider noch nicht erfunden. Das liegt auch an den höchst unterschiedlichen Ausgangsbedingungen, wie verschiedene Begabungen, Persönlichkeiten und Temperamente der Kinder, unterschiedliche Erziehungsstile der Eltern, Persönlichkeit der Lehrerinnen und Lehrer usw. Manche Kinder brauchen und wollen z.B. regelmäßige Erinnerungen und Kontrolle, um ihre Potenziale gut nützen zu können, bei anderen löst dies nur Widerstand und Widerwillen aus. Es muss hier also letztlich wohl individuell in jedem Einzelfall ein gemeinsamer Weg gefunden werden, der für alle zumindest akzeptabel ist. Und manchmal wirkt es vielleicht entlastend für Kinder und Eltern, sich bewusst zu machen, dass es ja angeblich Menschen geben soll, die ihr Leben auch ohne Vorzugszeugnis im Gymnasium gemeistert haben – wie z.B. Albert Einstein, dem sein Klassenlehrer prophezeite, dass nie in seinem Leben etwas Rechtes aus ihm werde …

Auch Freizeitstress – Stichwort Helikopter-Eltern – spielt heute eine große Rolle. Doch Eltern merken mitunter gar nicht, wie gestresst ihre Kinder sind. Was sind Anzeichen?  
Vielfältige Freizeitangebote, diverse Kurse, Vereine, etc. sind als zusätzliche Möglichkeit, individuelle Interessen und Talente zu fördern, natürlich einerseits sehr zu begrüßen, können aber tatsächlich insofern zur Falle werden, als sich Eltern oder auch die Kinder selbst Druck machen, davon Gebrauch machen zu müssen, und nicht erkennen, wann es zu viel des Guten ist.  Woran man sich orientieren kann und sollte, sind Gespräche und Rückmeldungen der Kinder selbst, was ihnen Spaß macht, und auffällige Verhaltensänderungen oder auch psychosomatische Probleme, die häufig auf Überforderungen hindeuten.

Im schlimmsten Fall kann ein hoher Erwartungsdruck traumatisch werden und zu Ängsten, Depressionen oder Burn-out bei Kindern und  Eltern führen. Wie können Eltern  den Umgang mit ihren Kindern entstressen?
Patentrezepte wären unseriös. Aber Prinzipien könnten sein: z. B. sich selbst als Elternteil und die Kinder beobachten; hellhörig und offen Alarmsignale wahrnehmen; im Gespräch bleiben, gegebenenfalls Konsequenzen ziehen, Kurse stornieren oder die  Schule wechseln. Und möglichst immer auch ausreichend Zeit einplanen, die eben nicht verplant ist.

( kurier.at ) Erstellt am 10.05.2018