Leben 10.06.2018

Was die 68er-Bewegung den Frauen brachte

Befreiung: Aktivistinnen der Frauenbewegung warfen öffentlich ihre BHs ins Eck © Bild: UPI / dpa Picture Alliance / picturedesk.com

Emanzipation: Gebildet und selbstbewusster begannen Frauen bereits zu Beginn der 1960er, sich anders zu verhalten

’68 begann als Männerbewegung. Er schwang große Reden, während sie bei Diskussionen Kaffee kochte und Flugblätter druckte. Auch im linken Milieu der ’68er wurden die Probleme der Frauen nicht ernst genommen. Sämtliche Aufmüpfige waren ausgesprochene Machos.

Dennoch sagt die Londoner Historikerin Christina von Hodenberg heute: „Die stärkste Wirkung, die von ’68 ausging, war die Emanzipation der Frauen. Darin bestand die eigentliche Revolution dieser Jahre.“ Und die Genderforscherin und Historikerin der Universität Wien, Maria Mesner, stimmt zu: „Die Gesellschaft wurde mit Gesetzen langfristig verändert – mit Fristenlösung und Familienrechtsreform, nach der Männer nicht mehr länger das Haupt der Familie waren.“

Es waren Schriftstellerinnen, die das Feld bereiteten: In Frankreich verfasste Simone de Beauvoir schon 1949 „Das andere Geschlecht“, das weltweit unzählige Frauen zu ihrer Bibel machten. In den USA schrieb Betty Friedan 1963 „Der Weiblichkeitswahn“, in dem sie mit der typischen Frauenrolle abrechnete. Nein: Frauen sind nicht von Natur aus unterwürfig, unselbstständig und hilflos. „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht“, betonte Beauvoir. Und in den späten 1960er Jahren begannen ihr die jungen Frauen zu glauben.

In den USA verbrannten Aktivistinnen öffentlich ihre BHs. In Amsterdam kniffen die „Dollen Minnas“ Männer in den Po. In Rom sangen Frauen auf einer Demonstration: „Tremate, tremate, le streghe son tornate!“ („Zittert, zittert, die Hexen sind zurückgekehrt!“). In Deutschland warf Sigrid Rüger drei Tomaten in Richtung Podium, weil die Männer im Studentenbund wieder mal nicht hören wollten, was die Frauen zu sagen hatten. Zwei davon klatschten einem der „Obergenossen“ ins Gesicht.

In Großbritannien legten 200 Näherinnen der Ford-Werke monatelang die Arbeit nieder, um für Lohn-Angleichung zu protestieren. Der Streik war erfolgreich: 1970 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das Unternehmen zur Auszahlung von gleichem Lohn für gleiche Arbeit unabhängig vom Geschlecht verpflichtet. Vielerorts eröffneten Frauenhäuser für misshandelte Frauen.

Und in Österreich, wo angeblich nichts los war? „Frauen begannen bereits zu Beginn der ’60er, sich anders zu verhalten“, berichtet Mesner.

„Weibliche Jugendliche gingen in viel höherer Zahl in AHS und BHS, begannen vermehrt zu studieren. Diese Generation war nach dem Abschluss ihrer Ausbildung nicht mehr bereit, sich mit der Position abzufinden, die ihr die Gesellschaft zuwies.“ Und weiter: „Die Frauenbewegung war eigentlich in Opposition zu dem, was gemeinhin ,68’ heißt. Frauen starteten überall Aktionen, die gegen Studentenführer gerichtet waren, es gab Schreiduelle, weil die sie nicht zu Wort kommen lassen wollten und Kritik an Machogehabe und Sexismus. Alleine der Spruch: ,Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment’ wäre heute nicht mehr denkbar, zeigt aber auch die Gedankenwelt. Es hieß nie: ,Wer zweimal mit demselben pennt...’“

Zu den Wurzeln der ’68er-Bewegung meint Mesner: „Eigentlich handelt es sich um eine Generationenfrage, denn die ’68er waren die erste Generation, die den Zweiten Weltkrieg nicht mehr aus eigenem Erleben gekannt hat. Nach dem Krieg ging es ständig bergauf, die Gesellschaft war stabil, um nicht zu sagen inflexibel. Auf dieser Grundlage hat sich die nächste Generation gegen die Einschränkungen der Gesellschaft gewehrt.“

Besonders gegen das Familienrecht aus 1811 (!): Der Mann war demnach das Oberhaupt der Familie, die Frau musste ihm an seinen Wohnort folgen, ihn fragen, wenn sie berufstätig sein oder für die Kinder einen Pass beantragen wollte. „Als das Mitte der ’70er abgeschafft wurde, war das bereits ein klarer Anachronismus. Da hat das Familienrecht die gesellschaftliche Realität längst nicht mehr abgebildet“, sagt die Historikerin. „Die Abschaffung des Mannes als Familienoberhaupt war keine Revolution, sondern ein überfälliges Nachziehen.“

Fragt man Mesner, was von damals geblieben ist, meint sie: „Man kann nicht mehr in Frage stellen, dass Frauen dieselben Rechte haben. Auch das Verfügungsrecht über Frauenkörper hat sich gewandelt. Männer dürfen Frauen gegenüber nicht mehr gewalttätig sein, auch nicht im Privaten. Und es ist auch nicht mehr so einfach, sexistisch zu sein. Das ist die grundsätzliche Veränderung, die es vor Ende der ’60er-Jahre nicht gegeben hat.“susanne Mauthner-Weber

( kurier.at ) Erstellt am 10.06.2018