Leben
23.01.2018

Was Demokratie geflüchteten Akademikern bedeutet

Drei Erfahrungen: Sie sind vor Krieg und dem Terror in ihrer Heimat geflüchtet.

Kunafah! "Bitte kosten Sie", eröffnet Hisham Hawat. "Das ist eine Nachspeise aus meinem Heimatland. Sie wird mit Nüssen, Teig, Käse und Zuckersirup zubereitet und warm serviert."Kunafah! Das Leben kann schön sein. Und süß!

Der 27-jährige Unternehmer, der sich in der syrischen Hauptstadt Damaskus Bachelor für Wirtschaftswissenschaften nennen darf, hat – so wie seine Landsfrauen, die auch auf dieser Seite zu Wort kommen, vor kurzem an der Wirtschaftsuni Wien ein Praktikum absolviert, das für junge Menschen mit Fluchterfahrung eingerichtet wurde.

Er wollte nicht fliehen

Dass Hisham Hawat einmal ein Süßwarengeschäft in Wien-Ottakring führen wird, hätte er sich im Jahr 2011 auch nicht erträumt. Damals begann in seiner Heimat der Krieg – und er begann zu studieren. Nebenbei hat er als Buchhalter und Financial Manager in einem Metall verarbeitenden Betrieb und als Banker gearbeitet. "Um Erfahrungen zu sammeln und mein Studium zu finanzieren."

Er wäre heute vermutlich ein angesehener Doktor der Ökonomie, hätten sich in seinem Land die Demokraten durchgesetzt. Haben sie aber nicht. Als man ihn vor drei Jahren zur Armee einziehen wollte, verabschiedete er sich schweren Herzens von seiner Frau, seiner Familie und von seiner beruflichen Karriere. "Ich wollte nicht auf die eigenen Leute schießen."

Odyssee

Er wollte auch nicht fliehen, doch seinen Versuch, legal im Ausland zu studieren, vereitelten damals die deutschen Behörden. Seine mehrmonatige Odyssee führte ihn über den Libanon, die Türkei, das Mittelmeer und die Balkanroute nach Österreich. Hier wurde er zunächst zum Warten gezwungen.

Den Tag, an dem er nach sieben Monaten Anspannung seinen positiven Asylbescheid in Händen hielt, wird er so schnell nicht vergessen. "Das war ganz unglaublich", erzählt er, während sein Mitarbeiter in mehreren Sprachen einen Kunden nach dem anderen bedient.

Und wir sollten Hisham Hawat zuhören, wenn er zum 100-jährigen Jubiläum der Ausrufung der Republik in Österreich spricht und dabei sehr präzise den besonderen Wert der Demokratie beschreibt: "Österreich ist ein kleines, aber reiches Land. Es ist auch deshalb reich, weil sich die Menschen in diesem Land frei bewegen und ihre Meinung sagen können." Auch die Golfstaaten wären reich, fügt er hinzu, aber für deren Bewohner "bei weitem nicht so lebenswert".

Dabei sieht der Jungunternehmer (und damit Steuerzahler) nicht nur die Rosinen in seiner neuen Heimat. Zur derzeit angesagten Politik erklärt er: "Wer andere in ihren Rechten einschränken möchte, zerstört damit die Demokratie."

Herr Hawat betont, dass für ihn persönliche Freiheit ein wichtiges Gut ist. Um sie zu erlangen, setzte er nicht nur sein Leben aufs Spiel: "Nach meiner Flucht aus Syrien war ich von meiner Frau mehr als ein Jahr lang getrennt. Ein Wiedersehen mit meinen Eltern, Freunden und Kollegen ist für mich leider weiterhin nicht möglich."

"Sie brauchen nicht viel"

Jene in dieser Republik, die gegen ihn und andere Flüchtlinge Ressentiments schüren, kann er nicht verstehen: "Viele von uns wollen etwas aufbauen. Sie brauchen nicht viel, nur ein bisschen Unterstützung, dann kann dieses reiche Land mit ihrer Hilfe noch reicher werden. Und man darf durchaus auch Respekt haben, wenn ein Dreißigjähriger bereit ist, hier noch einmal von ganz vorne zu beginnen." Dass heute bereits jeder zweite Kunde in seinem Ottakringer Zuckerlgeschäft ein Hiesiger ist, registriert er mit Freude und Stolz. Der Back-Kunst ihre Freiheit! Sein Kunafah geht weg wie die warmen Semmeln.

Nicht nur ihr entspanntes Lächeln bei einem Spaziergang im Schlosspark Schönbrunn beweist: Die angehende syrische Juristin Dania Kabil hat in Österreich eine neue Heimat gefunden. Dabei hat auch Kabil klare Vorstellungen, warum sie das Leben in einer Demokratie für wichtig erachtet. Auf Nachfrage präzisiert sie: „Demokratie bedeutet für mich, dass man seine eigene Meinung sowohl im privaten Umfeld als auch in der Öffentlichkeit sagen kann, ohne dass man sich Sorgen machen muss, wer einem zuhört oder was andere davon halten.“

Wo die Freiheit fehlt

Dania Kabil hat ihre Heimat verlassen, weil diese ihr die Werte der Aufklärung nach dem Ausbruch eines brutalen Krieges nicht mehr bieten konnte. Die Syrerin lebt heute in Wien, wo sie in Zukunft als Anwältin arbeiten möchte. Ihre berufliche und ihre Lebenserfahrung sollten ihr dabei helfen: „Ich habe schon in Syrien Jus studiert und arbeite jetzt – ehrenamtlich – im Rechtsbereich.“
In einem nächsten Schritt möchte sich die junge Frau ihre syrischen Zertifikate nostrifizieren lassen. Das ist keine einfache Aufgabe: die Rechtssysteme in Syrien und Österreich sind nicht eins zu eins kompatibel. „Dazu kommt auch noch die Sprachbarriere“, beschreibt Kabil ihren aktuellen Prüfungsstress.

Geholfen habe ihr in jedem Fall das Praktikum, das sie an der WU absolvieren konnte. Ihr Resümee ist eindeutig positiv: „Ich habe dort viel Erfahrung gesammelt und einen Einblick in die Arbeitswelt erhalten. Das sollte mir die Vorbereitung auf den künftigen Job erleichtern.“

Auf die Frage, was ihr in Syrien konkret gefehlt hat, erklärt sie: „Wenn ich in einem Land nicht das sagen und tun darf, was ich möchte, fehlt mir die Freiheit und die Sicherheit. Außerdem fühlt man sich in einer restriktiven Gesellschaft unerwünscht und unterdrückt.“ Sie ist sich sicher: Wenn jemand permanent darunter leidet, kann das „in seiner Entwicklung zu negativen Folgen führen“.

Sie arbeitet derzeit als Teilzeit-Verkäuferin in einer Parfümerie am Flughafen Wien, um sich ihr Dolmetsch-Studium zu finanzieren. Nouil Ghliouni ist heute 24 Jahre alt und spricht fünf Sprachen, darunter auch Deutsch. Und es ist kaum zu glauben, wenn man ihr zuhört: „Ich kam am 1. Juli 2015 in Österreich an. Damals verstand ich noch kein Wort.“

Zuvor hat die junge Syrerin drei Jahre lang im Libanon gelebt und an der Universität in der Hauptstadt Beirut studiert. Der Grund für ihre Migration: „Im Libanon ist es für uns auch nicht so einfach“, erklärt Ghliouni. Sie weiß das aus erster Hand, und sie weiß auch, dass sich daran wenig geändert hat: „Meine Eltern und meine beiden Brüder leben immer noch in Beirut.“

Ihre bisherigen Erfahrungen in Syrien, im Libanon und auch in Österreich lassen sie zweifeln, ob es Demokratie in Reinkultur überhaupt gibt: „Viele Länder bezeichnen sich zwar als Demokratie, aber in der Praxis ist es sehr schwer, diese Staatsform perfekt umzusetzen.“

Immerhin hat die angehende Dolmetscherin mit Österreich ein Land gefunden, das ihren Ideal-Vorstellungen einigermaßen nahe kommt: „Ich habe meine Familie schon einmal im Libanon besucht. Das Wiedersehen war natürlich sehr schön, doch am Ende wollte ich schon wieder zurück nach Wien, worüber meine Mutter gar nicht so glücklich war.“

Preisgekrönt

Vor kurzem wurden an der Wiener Wirtschaftsuni zum dritten Mal Praktika für Menschen mit Fluchterfahrung vergeben, unter den elf Praktikanten im neuen Turnus sind auch vier Frauen, was Rektorin Edeltraud Hanappi-Egger ausdrücklich begrüßt. Für ihr Engagement gewann die Rektorin zuletzt einen Preis, den sie umgehend an eine, die es schwieriger hat als sie, weiter gereicht hat: Nouil Ghliouni.