Die Soziologin Laura Wiesböck  forscht an der Uni Wien zu Ursachen und Formen sozialer Ungleichheit.

© Kurier/Juerg Christandl

Leben
09/25/2018

Warum sich Menschen anderen überlegen fühlen wollen

"Toleranz ist, wenn's weh tut", sagt die Wiener Soziologin Laura Wiesböck im Gespräch mit dem KURIER.

von Elisabeth Mittendorfer

Die "bessere" Gesellschaft – das ist in der allgemeinen Vorstellung die Elite, die auf weniger Privilegierte herabschaut. Doch selbstgerechte Blicke auf andere gibt es von Arbeit bis Migration in vielen gesellschaftlichen Bereichen, wie Laura Wiesböck, Soziologin an der Uni Wien, in ihrem neuen Buch erklärt. Mit dem KURIER sprach sie darüber, warum der selbstkritische Blick nach innen sinnvoller ist als der selbstgerechte nach außen.

KURIER: Ist die Sehnsucht nach Überlegenheit und Abgrenzung dem Menschsein inhärent?

Laura Wiesböck: Abgrenzungen und pauschalisierende Abwertungen passieren in allen Milieus, unabhängig vom Bildungsstand und dem sozialen Hintergrund. Auch ein körperlich arbeitender Mensch kann sich moralisch besser fühlen, weil er aus seiner Sicht einer ehrlicheren Arbeit nachgeht als Leute, die im Büro sitzen und als Nichtstuer wahrgenommen werden. Andererseits schauen Menschen, die sich in ihrem Job kreativ selbstverwirklichen, auf jene herab, die einem Beruf vorrangig ausüben, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Andere Menschen legen sich prestigeträchtige Konsumgüter zu – wie ein teures Auto – um sich einen höheren Wert zu verleihen.

Warum wollen Menschen das?

Abgrenzungen dienen dazu, ein positives Selbstbild aufzubauen. Gleichzeitig haben Menschen ein Bedürfnis nach Gruppenzugehörigkeit, einem Wir. Zwei Mechanismen, die sich auch gegenseitig bedingen.

Das heißt, die Gleichheit der Menschen ist ein Mythos?

Sie ist das Idealbild, auf dem Demokratien und auch die Aufklärung beruhen. Soziale Gemeinschaften bauen darauf auf, zwischen einem "Wir" und den "anderen" zu unterscheiden. Das Problem entsteht, wenn andere nicht mehr als andersartig, sondern als minder- oder höherwertig eingestuft werden.

Kann die Grenzziehung zwischen dem "Wir" und den "anderen" gefährlich werden?

Ja, wenn gewissen Gruppen der Zugang zu politischer Mitbestimmung oder sozialer Absicherung verwehrt wird und man ihnen die Menschenrechte abspricht. Dann ist das demokratische Grundprinzip gefährdet.

Wo ist das so? In Bezug auf Arbeit werden hart erkämpfte Rechte infrage gestellt und ausgedünnt. Das betrifft zum Beispiel den 12-h-Arbeitstag oder den Zugang zu sozialer Absicherung. Die Spaltung erfolgt heute auch stark nach der nationalen und nicht nach der sozialen Herkunft.

Gibt es ein weiteres Beispiel für eine Spaltung innerhalb einer Interessensgruppe?

Wenn Migranten die FPÖ wählen. Für sie ist es ein identitätsstiftender Akt, eine Partei zu wählen, die gegen Ausländer ist, die sich nicht integrieren wollen. Dadurch macht man sich selbst zur integrierten Person oder zum Österreicher.

Wie gespalten ist die Gesellschaft heute?

Es treten zwei dominante Pole hervor, die sich als Feinde wahrnehmen. Das progressive und das rechtspopulistische Milieu werten sich gegenseitig stark ab, verfolgen aber häufig dieselben Prinzipien. Zu sagen, dass alle Migranten Sozialschmarotzer sind, ist es exakt dasselbe Prinzip, wie zu sagen, dass alle rechtspopulistischen Wähler dumm sind. Statt selbstgerechte Blicke nach außen zu werfen, wäre ein selbstkritischer Blick nach innen sinnvoll.

Ein schmerzhafter Prozess ...

Absolut. Es ist extrem anstrengend, sich ständig zu hinterfragen, die eigenen Werte, Meinungen und Haltungen zu überprüfen. Das gilt auch für Toleranz. Sie manifestiert sich nicht darin, in gewissen Bezirken nur unter seinesgleichen zu leben, sich aber als tolerant und weltoffen zu wähnen. Sie zeigt sich in der Auseinandersetzung und im Umgang mit anderen – und das ist mitunter schmerzhaft, anstrengend und mühsam.

Wie kann man also nicht nur so tun, als sei man tolerant?

Viele Studien zeigen, dass es hilfreich ist, in Kontakt mit Bevölkerungsgruppen zu kommen, über die man Vorurteile hat. Wichtig ist auch zu erkennen, dass hinter gewissen Haltungen auch Erfahrungen stecken, die man verstehen wollen sollte. Das bedeutet nicht, Verständnis dafür zu haben. Aber man sollte verstehen, wie es zu diesen Haltungen gekommen ist und dass es außerhalb der eigenen Lebenswelt Probleme gibt, mit denen man sich vielleicht noch nicht befasst hat.

Buchpräsentation

Am Donnerstag, 27. September, präsentiert Laura Wiesböck im Gespräch mit der Journalistin Nina Horaczek ihr Buch "In besserer Gesellschaft  – Der selbstgerechte Blick auf die Anderen"; Veranstaltungsort ist die Buchhandlung Thalia auf der Mariahilfer Straße 99 in Wien; 19.00 bis 20.30 Uhr; Eintritt frei 

Buchtipp: 

"In besserer Gesellschaft – Der selbstgerechte Blick auf die Anderen" von Laura Wiesböck, Verlag Kremayr & Scheriau. 208 Seiten. 22,00 Euro.

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