Leben
08.05.2017

Warum Selbermachen boomt

Österreich gilt bei Insidern als Do-it-yourself-Dorado. Kreativität und Hand-Werken machen glücklich.

Alles begann mit einer Gitarre. Clemens Mayer baute sie, weil er spielen wollte. "Doch dann kam ich drauf, dass mir das Machen viel mehr Spaß machte als das Spielen." Heute ist der 30-Jährige ein "extremer Maker", wie er selber sagt: "Ich baue jede Woche was und stelle ein Video davon ins Internet auf YouTube, das genau zeigt, wie es geht." Schließlich sollen auch andere Selbermacher etwas davon haben.

Do it yourself, inzwischen lässig zu DIY abgekürzt, ist die gängige Bezeichnung für die Lust, wieder selbst Hand anzulegen – beim Brotteig, der Gartenerde, der Stricknadel oder dem Computer. Und diese Lust boomt.

Cooler Kult

Nach dem Krieg war Selbstgemachtes ein Indiz für Mangel. Den wollten unsere Großeltern, als das Wirtschaftswunder kam, rasch vergessen: Wer es sich leisten konnte, schneiderte und zimmerte nicht mehr selbst, sondern kaufte Hosen und Möbel von der Stange. Heute aber ist DIY cool und Kult. Lange nur in Amerika, jetzt aber auch in Österreich.

Maker Faire Vienna

In zwei Wochen versammeln sich die Selbermacher auf der Maker Fair in Wien, der wichtigsten heimischen DIY-Messe. Etwa 900 Maker zeigen am 20. und 21. Mai 2017 kreative Ideen rund um Technologie, Kunst, Wissenschaft und Handwerk – vom Retro-Gameboy-Kit, das selbst zusammengebaut werden kann, bis hin zu Upcycling Schmuck aus defekten Computern. Zu den Höhepunkten des DIY-Festivals zählt ein Fruchtgummi-3D-Drucker, den Besucher mit ihren eigenen Designs füttern können. Oder sie drucken sich selbst als "Sweet Selfie" in acht verschiedenen, veganen Geschmacksrichtungen aus. Dauer der süßen Reproduktion: maximal fünf Minuten.

Österreich als DIY-Dorado

Österreich sei in Europa ein Maker-Dorado. Das zeige sich schon an der Dichte der Veranstaltungen. Die Szene sei jung, weiß Maker Clemens Mayer und erzählt von einem 13-Jährigen, der seinen eigenen Wettersatelliten gebaut hat. "Die meisten sind aber zwischen 20 und 35 Jahre alt." Ausreißer nach oben nicht ausgeschlossen: "Es gibt auch Leute, die mit über 70 draufkommen, dass ihnen das Selbermachen Spaß macht." Wie jener 76-Jährige, der einen 3-D-Drucker entwickelt und gebaut hat. Vielleicht hat das alles ein wenig mit Evolution zu tun: Zur Zeit leben 7,4 Milliarden Menschen auf der Erde – und jeder einzelne ist der Nachfahre von Handwerkern. Bis vor 250 Jahren, als die Industrielle Revolution alles veränderte, wurde jedes Kleidungsstück, jedes Gerät von Hand hergestellt. Das prägte unsere Art.

Motivation

"Viele Leute suchen einen Ausgleich zum Beruf", sagt die Psychologin, Wirtschafts- und Kommunikationstrainerin Natalia Ölsböck. Kopfarbeit schreit nach Handarbeit. Und nach einem haptischen Beweis für das Werken. Sich in der Hand-Arbeit zu verwirklichen, macht glücklich, schafft Zufriedenheit. Ein ansehnliches Ergebnis der Anstrengung möbelt das Selbstbewusstsein auf.

Darüber hinaus wird der kreativen Ader Genüge getan, der schöpferische Geist bleibt in der technologisierten Arbeitswelt oft auf der Strecke. Genau so wie die Anerkennung. Das Hand-Werken sei ein wichtiger Gegenpol zur Digitalisierung. "Viele sitzen am Computer und arbeiten vor sich hin", sagt Ölsböck. Das habe nichts Sinnliches, manche empfinden die Tätigkeit sogar als sinnlos. Neue Projekte sind neue Herausforderungen: "Das ist das beste Hirntraining."

Freiheit

Der Do-it-yourself-Boom ist also auch ein Protest gegen die Degradierung der Hände. Und es ist ein Statement gegen die Wegwerfgesellschaft. Wer repariert und umgestaltet, macht sich frei: "Das Selbermachen ist eine Form der Unabhängigkeit. Ich will mich nicht von einem Unternehmen bevormunden lassen, das mir Software verkauft – ich mache sie mir selber. Ich will volle Kontrolle über meinen Computer", rebelliert Mayer. Zwanglosigkeit im Kleinen lockert das beengende Korsett im Großen. Das Leben ist reglementiert genug. Gesetzliche Bestimmungen auf Landesebene, Richtlinien von der EU – "man will sich nichts vorschreiben lassen. Da pfeif ich drauf, nicht nur beim Renovieren, sondern auch beim Garteln", analysiert Psychologin Ölsböck, die sich mit den Selbermacher-Motiven beschäftigt hat.

"Der Do-it-yourself-Boom begann mit der Wirtschaftskrise und der Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Diese Sorgen sind nach wie vor sehr präsent", sagt sie. Wer Paradeiser und Zucchini pflanzt, muss das Gemüse nicht kaufen. Wer die Wände streicht, muss keine Maler zahlen. Viele Selbermacher machen sich mittlerweile mit ihrem Hobby selbstständig und gewinnen so Sicherheit und Kontrolle zurück. Dazu gesellt sich das Glücksgefühl von "ich kann machen, was ich gerne tue". Selbst Rückschläge bringen voran: Überwundene Hürden machen doppelt Freude.

Wissen ist Macht

Ölsböck hat weitere gute Gründe für den DIY-Boom gefunden: "Viele Konsumenten glauben nicht mehr alles, was ihnen vorgegaukelt wird". Wer Marmelade einkocht, weiß, was er isst. Wer die Naturholz-Kommode streicht, weiß, ob die Farbe bio-zertifiziert oder giftig ist. Wer sich an die Nähmaschine setzt, weiß, dass keine Kinder genäht haben. Kontrolle schafft Sicherheit – eine positive Emotion.

Apropos positive Emotion: "Die Unterstützung der Selbermacher untereinander ist gewaltig – egal, ob es darum geht, einen Bilderrahmen selber zu machen oder eine eigenständige PC-Architektur zu entwickeln", ergänzt Mayer.

Zusammenarbeit

In Amerika gebe es einen Star-Kult rund um die Selbermacher. Hierzulande geht es mehr um das Gruppenerlebnis. "Früher hat man seine Werke im Keller versteckt, heute zeigt man sie gerne her und arbeitet miteinander." Neid und Angst vor Patent-Klau sei den Makern fremd, ist Mayer überzeugt. "Geheimniskrämerei ist verpönt. Man profitiert von der Zusammenarbeit."

Fünf Selbermacher erzählen, was DIY für sie bedeutet.

Am 20. und 21. Mai 2017 versammeln sich die Selbermacher auf der Maker Fair in Wien, der wichtigsten heimischen DIY-Messe. Etwa 900 Maker zeigen kreative Ideen rund um Technologie, Kunst, Wissenschaft und Handwerk. Fünf Tüftler erzählen schon jetzt, was sie am DIY fasziniert:

Gerhard Fließ, Deskbreeze

Die Liebe zum Basteln und Modellbauen begleitet Gerhard Fließ bereits ein Leben lang. „Ich finde es einfach cool, wenn man eine Idee hat und die auch umsetzen kann.“ Die Idee hatte der 43-Jährige vor drei Jahren: Ein kleiner, einfacher Windkanal, der auf jeden Schreibtisch passt, muss her. Fleiß wollte die aerodynamischen Verhältnisse und die Physik hinter dem Segeln erklären. Natürlich hat er seinen Deskbreezel selbst gebaut. Was nicht so schwer sei, wenn man wie er eine Elektrotechnik-HTL abgeschlossen hat und in einer Softwarefirma arbeitet – Trockeneis, Schifferl rein und los geht’s.

Auf der Maker Fair wird er seinen Windkanal ausstellen. Mehr noch: „Der Sinn und Zweck ist, dass man damit herumspielen kann.“ Darum sind ihm Kinder durchaus willkommen. „Da machen wir einen Crashkurs im Segeln. Halse, Wende etc.“

Fleiß beobachtet einen Trend zum Selbermachen und auch zum Reparieren.„Das gibt Befriedigung, denn sonst müsste man alles wegschmeißen und etwas Neues kaufen.“ Das Schöne aber sei, seine Leidenschaft mit anderen zu teilen: Darum besucht Fleiß Maker-Messen, wann immer möglich, und freut sich, wenn sich andere Maker an seinen Ideen erfreuen.

Alexandra Parger, NANAdesign

„Ein 3-D-Drucker ist zickig. Man drückt leider nicht auf Play, sondern das ist eine Spielerei.“ Wenn Alexandra Parger die teure Hochleistungsmaschine in Gang setzt, beginnt für das Gerät die Aufwärmphase – für die 25-jährige Schmuckproduzentin, im Hauptberuf Studentin der Architektur an der TU Wien, beginnt das Beobachten und Zittern. Eine Halskette aus Kunststoff braucht etwa drei Stunden, beim ersten Patzer ist es vorbei. Manchmal stürzt das Programm ab. Gelingt das Werkstück, kostet es ab 22 Euro.

Vor drei Jahren war von der Oktaeder-Kette noch keine Spur – dafür die Faszination für die Technik. „Ich wollte unbedingt einen 3-D-Drucker ausprobieren. Ich war gepackt von der Idee, ein Produkt sofort mittels Computer zu programmieren und ein paar Stunden später in der Hand zu halten“, erinnert sich Parger an die Anfänge. Erst im nächsten Schritt entschied sich die Schmucklieberhaberin für Ketten, Broschen und Anstecker, die sie Kragenzeichen nennt. Mittlerweile zählen auch kleine Übertöpfe für Kakteen zum Sortiment von NANAdesign (erhältlich auf der Maker Faire).

„Ich versuche, so wenig wie möglich nachzuarbeiten. Ich will, dass man die Rillen vom Drucker sieht. Der Produktionsweg soll nicht versteckt werden“, sagt die kreative Selbermacherin seit Kindertagen. Die technischen Möglichkeiten des Schicht-auf-Schicht-Verfahrens beeinflussen das Ergebnis, logische Planung muss sein. Auch der Preis für Diamanten aus Kunststoff, Ringe und Firmenlogos, ist scharf kalkuliert. Für Alexandra Parger ist ihre Do-it-yourself-Leidenschaft Spaß und Sprungbrett ins Arbeitsleben.

Natascha Muhic und Christoph Freidhöfer, Vinylograph

Zuerst war „die Faszination, es zu bauen, zu nutzen und zu haben“. Jetzt sei es aber auch schön festzustellen, dass es einen Bedarf dafür gibt, sagt Christoph Freidhöfer über den Vinylographen, den er gemeinsam mit Natascha Muhic entworfen hat.

Vinylograph? Das ist ein Automat, der die mit dem Mikrofon eingefangenen Töne nicht aufnimmt, sondern sofort auf eine Schallplatte schneidet.

Die Idee hat Muhic, die ihre Diplomarbeit darüber geschrieben hat, in der Vergangenheit ausgegraben: „Damals waren öffentliche Tonaufnahme-Kabinen beliebt. Das muss man sich wie einen Passbild-Automaten vorstellen“, erzählt sie. „Man wirft Geld hinein, bekommt dafür 1 Minute 40. Das, was man in der Zeit singt oder spricht, wird auf Schallplatte geschnitten, die man dann mitnehmen kann. Einer dieser Apparate stand in der Wiener Burggasse.“

Voice-O-Graphen und Record Booths waren vor allem in den 1950er- und 1960er-Jahren in den USA populär. Elvis Presley nahm der Legende nach ein Geburtstagsständchen für seine Mutter auf so einem Gerät auf und wurde prompt entdeckt.
Ein Unikat als Geburtstagsgeschenk ist auch jetzt wieder möglich – dem Vinylographen sei Dank. Transparent gestaltet, damit man den Schneideprozess beobachten kann, wurde er von Muhic und Freidhöfer seit 2014 nach dem Motto „Versuch und Irrtum“ perfektioniert. Muhic: „Mittlerweile klingen die Aufnahmen so, dass wir zufrieden sind.“

Stefan Oberpeilsteiner, Helloplant

Die Anfänge liegen lange zurück. Stefan Oberpeilsteiner wollte einen Blumentopf bauen, der selber gießt. Vor zwei Jahren war der Prototyp fertig – und erwies sich als zu teuer. Der technikaffine Tüftler plante um und feilte an einer App, einem zigarrengroßen Sensor und an Wissenskärtchen mit biologischen Eckdaten. Das Ergebnis: Ein Pflanzensensor namens helloplant (helloplant.eu), der via Smartphone darüber informiert, wann das Gewächs gegossen werden will, und ob Licht und Temperatur dem Gedeihen zu- oder abträglich sind.

„Ich will nichts großartig Neues erfinden. Ich interessiere mich für Innovationen, wie man Technik sinnvoll kombiniert“, sagt der 30-jährige Elektrotechniker, der schon in der Mühlviertler Werkstatt seines Vaters das Basteln, Zerlegen und Durchschauen für sich entdeckt hat. Ihn begeistern am modernen DIY die unbegrenzten Möglichkeiten. Innerhalb kürzester Zeit rauscht eine Idee, übers Internet verbreitet, rund um den Globus und kommt angereichert mit Vorschlägen, Meinungen und Einschätzungen für die Markt-Tauglichkeit zurück.

30 Geräte sind derzeit im Testbetrieb. Alles funktioniert nach Plan. Die Serienproduktion läuft trotzdem erst an, wenn potenzielle Käufer 30 Euro vorstrecken. „Dieses Produkt hat viele Möglichkeiten“, freut sich Oberpeilsteiner. Eines Tages könnte das Smartphone das Umtopfen mit Stimme anregen. Auch in der Landwirtschaft und für Versicherungen könnte die App sinnvoll sein. Der Tüftler bleibt jedenfalls dran.