Leben 15.04.2018

„Der Marathon ist der Mount Everest des Bergsteigers“

© Bild: Kurier/Franz Gruber

VCM-Organisator Wolfgang Konrad über die größten Erfolge und die schlimmste Tragödie in seiner 30-jährigen Karriere.

Seine Augen leuchten noch immer auf, wenn er daran zurückdenkt, wie er es geschafft hat, den „LaufgottHaile Gebrselassie zum Marathon nach Wien zu holen. „Mit Geld kann man viel machen, aber man muss eine gute Idee haben“, erzählt Wolfgang Konrad, der kommenden Sonntag, 22. April, zum 30. Mal den Vienna City Marathon (VCM) organisiert und ihn seit 1989 zur größten Sportveranstaltung Österreichs gemacht hat.

Er lockte Gebrselassie 2011 mit dem „Catch me, if you can“-Prinzip nach Wien: „Das hat es noch nie zuvor in der Form gegeben. Wir haben Marathonläufer mit einem nach einem Algorithmus berechneten Vorsprung von ca. zwei Minuten vorne wegstarten lassen und Haile musste ihnen nachlaufen und versuchen, sie auf der ersten Hälfte einzuholen. Diese Idee hat ihn so begeistert, dass er nach Wien gekommen ist.“ Das Event und die Stadt überzeugten ihn sogar so sehr, dass er danach noch zwei Mal mitgelaufen ist.

Gebrselassie gewann beim VCM 2011 den Halbmarathon
© Bild: APA/HERBERT NEUBAUER

Theater der Emotionen

Der Marathon als „Theater der Emotionen“ – im KURIER-Gespräch wünscht sich Konrad, dieses Motto wäre ihm schon vor 35 Jahren eingefallen. „Der ganze Marathon ist Emotion, ein Theater. Jeder Teilnehmer hat sein eigenes Drehbuch und seine eigene Geschichte.“

Wie passend, dass das Ziel des Marathons vom Heldenplatz vor das Burgtheater an die Ringstraße verlegt wurde. Weil das Parlament umgebaut wird, ist der Heldenplatz zum provisorischen Ausweichquartier der Politik umfunktioniert worden. „Wir sind mit der Ringstraße eigentlich glücklicher, weil es da größer und weitläufiger ist“, sagt Konrad und hat keine Ambitionen, mit der Veranstaltung an den Heldenplatz zurückzukehren, wenn er nach Beendigung der Bautätigkeiten wieder frei wird.

Doch warum tun sich Menschen dieses Theater überhaupt an? Warum läuft jemand freiwillig 42,195 Kilometer? „Der Mensch will die Grenzen seiner Möglichkeiten ausloten – er fliegt auf den Mond, jetzt überlegt man auf den Mars zu fliegen, man will die Tiefen des Meeres erkunden und ich glaube, der Mensch will als einziges Individuum auch die Grenzen seiner Belastbarkeit feststellen.“

Über die Grenzen seiner Belastbarkeit kam jener Teilnehmer, der den Tiefpunkt der Karriere von Konrad markiert: Beim zehnten VCM 1994 brach ein 28-jähriger Vorarlberger im Zieleinlauf zusammen und starb. „Da bekomme ich jetzt noch Gänsehaut. Wir waren damals jung, waren nicht auf diese Situation vorbereitet. Das war ziemlich schlimm.“

Doch bei so einer großen Veranstaltung mit so vielen Teilnehmern sei ein Unglück nicht auszuschließen. „Der Marathon ist der Mount Everest des Bergsteigers und wenn man die begeisterten Gesichter im Ziel sieht, wenn die Leute es geschafft haben, sind das schon schöne, tolle Bilder.“

Runners cross the Danube river at Reichsbruecke bridge minutes after the start of the Vienna City Marathon in Vienna, Austria
© Bild: REUTERS/HEINZ-PETER BADER

Weltweite Bewegung

Um Begeisterung geht es auch, wenn er mit den ganz Großen mithalten will – mit London, Berlin, New York. „Im internationalen Vergleich sind wir noch immer in der 2. Liga – ich will eine Goldmedaille.“

Als Bürgermeister Helmut Zilk 1984 den Startschuss zum ersten „Wiener Frühlingsmarathon“ abgab, wurden die 794 Teilnehmer noch belächelt – mittlerweile melden sich über 42.000 zum Event an. „Der Laufsport ist zu einer weltweiten Bewegung geworden“, ist Konrad, der heuer 60 wird, überzeugt und hat keine Angst vor „Modeerscheinungen“ wie Yoga. „Vor 15 Jahren dachte man, Inlineskaten wird der große Boom. Heute redet kein Mensch mehr darüber. Aber, die Leute kommen dadurch zum Sport.“ Auch die Konkurrenz der vielen Fun-Läufe wie Colour-Runs, Dirt-Runs oder etwa den Spartacus-Race fürchtet er nicht. „Das ist gut, das spricht neue Leute an. Irgendwann landen sie beim Marathon und das ist gut für uns.“

Lesen Sie morgen: Die anderen Rekordteilnehmer – Franz Gschiegl ist bisher jeden Marathon in Wien mitgelaufen.

( kurier.at , lada ) Erstellt am 15.04.2018