Leben
01.06.2018

Unbekannte Muslime: Vom Ministranten zum Moslem

Kein Einzelfall: Ein Niederösterreicher trat als Student zum Islam über – nicht zur Freude seiner Eltern und Freunde

Die Islamische Fachschule für Soziale Bildung in Wien-Neubau will einen Bogen zwischen Abend- und Morgenland spannen. Auch ihr Namensgeber wurde mit Bedacht gewählt: Dr. Carl Eduard Hammerschmidt, 1801 in Wien geboren, 1874 als Dr. Abdullah Bey in Istanbul gestorben, gilt als Gründer des Pendants zum Roten Kreuz, des Roten Halbmonds.

In dieser Schule unterrichtet Gernot Galib Stanfel Musik. In österreichischem Deutsch. Keine Zauberei: Der 49-Jährige ist in Pressbaum bei Wien aufgewachsen, in christlicher Tradition: „Mein Vater ist evangelisch, meine Mutter katholisch, ich selbst war jahrelang Ministrant.“

Eine neue Perspektive

Schon als Student ist Stanfel zum Islam übergetreten. Als bis dato einziger unter den in Österreich lebenden Konvertiten, die der KURIER in den vergangenen Wochen um Auskunft gebeten hat, plaudert der Pädagoge offen über seine persönlichen Motive und Erfahrungen.

Doch auch der Vater von zwei Buben und zwei Mädchen hat vor dem Interview Bedenken: „Das politische Klima in diesem Land ist derart aufgeheizt, dass es mir schwer fällt, unbelastet über mein religiöses Bekenntnis zu sprechen.“

Seinen Weg zum Islam beschreibt Stanfel nüchtern: „Ich habe mich als junger Mensch in der katholischen Kirche intensiv mit theologischen Fragen auseinandergesetzt, und es blieb für mich einiges unbeantwortet.“ Sein Studium habe ihm eine neue Perspektive eröffnet: „Unser Professor hat uns von einer alten musiktherapeutischen Methode aus dem islamischen Kulturraum berichtet.“ Und er habe mit einigem Erstaunen festgestellt: „Dass man in Bagdad schon vor 1000 Jahren psychisch Kranke mit Musik systematisch behandelt hat.“

Im spirituellen Islam fand Stanfel dann Menschen, die ihm Antworten auf seine Fragen geben konnten. Die Entscheidung, sich auf eine andere Religion einzulassen, habe er sich nicht leicht gemacht: „Das war ein Prozess, der bei mir mehr als zwei Jahre lang gedauert hat.“

So wie die Buchautorin Susanne Kaiser (Die neuen Muslime, siehe Interview) spricht auch er von einer radikalen Zäsur in seinem Leben: „Ich habe durch die Annahme des Islams meinen Freundeskreis bis auf ganz wenige Ausnahmen verloren.“ Die meisten Freunde seiner Jugend, aus der Kirche, aus dem Jugendzentrum und aus der Musikszene, hätten sich von ihm abgewandt.

Der verloren geglaubte Sohn

Als noch bedrückender empfand er das Unverständnis seiner Eltern: „Mit dem Übertritt haben sie automatisch eine kulturelle Entfremdung befürchtet.“ Die allerdings nie stattgefunden hat, wie der verloren geglaubte Sohn heute betont: „Mein Glaube war immer derselbe, nur der Ausdruck hat sich verändert. Mein Glaube ist für mich exakter geworden.“

Heute hat Gernot Galib Stanfel auch wieder Freunde und Bekannte in der evangelischen und katholischen Kirche. Gemeinsam mit ihnen bemüht er sich um einen ehrlichen Dialog zwischen den unterschiedlichen Konfessionen, unter anderem an der Kirchlich-pädagogischen Hochschule in Wien und Krems. Dort ist er in der Aus- und Fortbildung der islamischen Religionslehrer tätig.

Sorgen bereiten ihm die Attacken gegen seine Glaubensgemeinschaft und deren Akzeptanz: „Wenn jemand ,Islam raus!’ an die Wand unserer Schule schmiert, ist das für mich eine tief gehende Verletzung, die ans Eingemachte meiner Identität geht.“ Was den Moslem aus Pressbaum dabei besonders schmerzt: „Dass ich mich – so wie die große Mehrheit der Muslime – als Teil dieses Landes sehe, der zum Gelingen der Demokratie seinen Teil beitragen möchte.“

Der Pädagoge würde sich wünschen, „dass wir wenigstens versuchen, uns gegenseitig zuzuhören.“ Das gelte selbstverständlich auch für all jene seiner Glaubensbrüder und -schwestern, die bisher kein Interesse an der anderen Kultur hatten.

Wünschen würde er sich auch ein Unterrichtsfach Bürgerkunde, in dem Schüler unaufgeregt etwas über die jeweils anderen Religionen erfahren können: „Der Islam ist heute immerhin die zweitgrößte Religion im Land. Und die sollte nicht nur per Gesetz als ein integraler Bestandteil gesehen werden, sondern auch von den Menschen.“