Leben
01.06.2018

Zum Islam konvertiert: "Eine radikale Zäsur“

Die Buchautorin Susanne Kaiser berichtet über junge Menschen, die ihre geistige Heimat im Islam fanden.

Sie wollte jenen eine Stimme geben, die sonst nie gehört werden, erzählt die Berliner Journalistin und Buchautorin Susanne Kaiser über ihr Buch „Die neuen Muslime“, das soeben in einem Wiener Verlag erschienen ist. Im Gespräch mit dem KURIER beschreibt Kaiser, was junge Menschen dazu antreibt, zum Islam zu konvertieren, wie das Kopftuch das Leben der Frauen verändert, was die Männer erleben – und, warum die Hinwendung zum Islam für alle Befragten eine radikale Zäsur in ihrem Leben bedeutete.

KURIER: Die nächste Veröffentlichung zum Aufregerthema Nummer eins. Geht es auch Ihnen um die Radikalisierten?

Susanne Kaiser: Keineswegs. Durch die hohe mediale Aufmerksamkeit ist der Eindruck entstanden, der Islam sei grundsätzlich extremistisch. Dabei sind die allermeisten Konvertiten ziemlich normal, auch wenn ihr Übertritt eine radikale Zäsur in ihrem Leben darstellt.

Was bewegt junge Frauen dazu, ihr Leben radikal zu ändern?

Neben der klassischen Sinnsuche geht es den Frauen, mit denen ich gesprochen habe, vor allem um Selbstbestimmung, vielleicht sogar um Selbstermächtigung. Sie wollen nicht länger Objekte einer männlich dominierten Konsumkultur sein, in der sie nur als hübsches Beiwerk vorkommen. Sie wollen mit Respekt behandelt werden.

Und diese Selbstermächtigung finden die Frauen ausgerechnet im Islam?

Im Islam finden sie insofern Gleichberechtigung, als die religiösen Regeln ebenso für die männlichen Gläubigen gelten. In der Debatte über Musliminnen wird das zumeist nicht gesehen. Frauen mit Kopftuch erscheinen fast automatisch als unterdrückte, stimmlose Wesen. Würden wir weniger über sie und mehr mit ihnen sprechen, würden wir ein anderes Bild gewinnen.

Können Sie dafür ein konkretes Beispiel geben?

Nehmen wir Mareike aus meinem Buch: ihre Kleidung ist nah an der Vollverschleierung. Von ihrem Mann lässt sie sich jedoch nichts sagen, weil er die strengen Regeln nicht so rigoros einhält wie sie. Er schafft es – im Gegensatz zu ihr – nicht immer, den Frauen seinen Handschlag zu verweigern. In diesem Punkt ist sie ihm moralisch überlegen.

Einmal abgesehen davon, dass viele Musliminnen bei uns nicht vollverschleiert sind, ist zu sagen: Das Verweigern des Handschlags gilt in aufgeklärten Gesellschaften nicht unbedingt als moralische Überlegenheit.

Im Glauben von Mareike ist das nicht so.

Zu den Männern in Ihrem Buch: warum sind sie konvertiert?

Vielleicht, weil sie sich selbst zu einem respektvolleren Umgang mit anderen Menschen erziehen wollen. Ben etwa hat Frauen immer als Objekte gesehen und gewissermaßen „konsumiert“. Als Muslim hat er andere Werte kennengelernt.

Ben, die löbliche Ausnahme?

Also ich persönlich kenne mehr muslimische Männer, die so denken wie er. Pauschale Aussagen können wir nicht treffen, weil wir bisher zu wenig nachgefragt haben.

Wie schwer ist es den jungen Leuten gefallen, zum Islam zu konvertieren?

Die Konversion ist oft ein jahrelanger Prozess, Konvertiten haben es auch schwer: Sie müssen sich alles selbst beibringen, zum Beispiel: Wie bete ich und wann? Was ist erlaubt, und was nicht?

Wie reagiert das Umfeld?

Bens Eltern haben den Kontakt abgebrochen, Ele wird mit ihrem Kopftuch ständig schief angesehen oder offen angefeindet. Wenn Ele in eine Moschee geht, die wie die meisten türkisch oder arabisch ist, bleibt sie dort die Deutsche – die, die nicht wirklich dazugehört.

Wie hat das Kopftuch das Leben der Frauen verändert?

Zum einen werden sie ganz anders wahrgenommen. Nämlich zuerst als Musliminnen und nicht mehr als das, was sie auch noch sind: sportlich, elegant, lässig. Ele musste ihre Arbeit als Managerin aufgeben. Heute arbeitet sie in einem Kindergarten. Gleichzeitig gelingt es den Frauen, sich mit dem Kopftuch zur Frömmigkeit, Schamhaftigkeit und Demut zu erziehen.

Schamhafte, demütige Frauen gelten in aufgeklärten Gesellschaften als Rückschritt.

Das sehe ich grundsätzlich auch so, allerdings ist ja diese Entwicklung derzeit auch in der katholischen Kirche zu beobachten. Eine pluralistische Demokratie sollte das in jedem Fall aushalten.

Bereuen die Menschen, die Sie trafen, ihre Veränderung?

Das glaube ich nicht. Dazu haben sie zu viel gewonnen: Sinn, inneren Frieden, eine erfüllende Aufgabe. Ben warf seinen gut bezahlten Job als Anwalt hin, weil er nicht mehr nur sinnlos „Geld maximieren“ wollte, wie er es nennt. Er hilft heute gefährdeten Jugendlichen.

Hat die äußere auch zu einer inneren Veränderung geführt?

Davon gehe ich aus. Alleine durch die fünf Gebete am Tag. Bei jedem Mal wird der Körper vorher rituell gewaschen. Da überträgt sich dieser Zustand der Reinheit leicht auch auf das Innere.

Waren andere Religionsgemeinschaften kein Angebot für Ihre Interviewpartner?

Die Protagonisten meines Buchs kommen aus christlicher, jüdischer oder atheistischer Tradition. Im Übertritt zum Islam manifestiert sich wohl auch eine Kritik an den ausgehöhlten Werten.

Inwiefern hat das Buch Ihre Einstellung zum Islam verändert?

Ich war überrascht, wie selbstbewusst, wie selbstreflektiert mir die jungen Leute gegenüber getreten sind, wie sie unsere Gesellschaft sehen und wie sich selbst einbringen wollen. Auch wenn ich viele Positionen nicht teile, kann ich sie nachvollziehen. Ich habe jedenfalls Respekt vor ihrer Entscheidung.