Leben 10.03.2018

TOTAL VERSPIELT: Reportage im Spiele-Cafe

Originalbild von Franz Gruber, 16.2.18, Brot & Spiele © Bild: KURIER/Franz Gruber

Echte Menschen am Tisch und Gegner auf Augenhöhe – altmodische Brettspiele feiern eine fröhliche Renaissance. Lokalaugenschein in einem der immer beliebteren „Spiele-Cafés“.

"Du Scheiß-Opportunist! Warum greifst du jetzt Europa an?" – "Wir haben nie von einem immerwährenden Nichtangriffspakt gesprochen. Meine Interessen haben sich eben verändert." – "Ja, ja, so sind Schwächlinge halt: Wollen immer das Alphamännchen zu Fall bringen." Tobias schüttelt empört den Kopf. Daniel und Ben grinsen. Die drei spielen Risiko, einen Brettspielklassiker aus den 1960ern. "Egal wie alt das Spiel ist – hier werden Emotionen frei", sagt Daniel. Wir sitzen im "Brot & Spiele" in der Laudongasse, seit mehr als zwölf Jahren das Stammlokal der drei Freunde. Wenn nicht gerade bei einer Partie Risiko, dann bei Activity, Siedler oder Phase 10. Seit sie fertig studiert haben, kommen die beiden Mediziner und der Sozialökonom zwar nicht mehr so oft wie früher – aber so oft es eben geht. Und dann geht’s zur Sache. In aller Freundschaft …

Im Spielelokal Brot & Spiele, in der Laudongasse 22, kann man aus über 100 Brettspielen wählen und dazu frisch überbackene Brote… © Bild: KURIER/Franz Gruber

Es ist kurz nach neun Uhr abends an einem Wochentag – und das Lokal ist überraschend gut besucht. Genauer gesagt: Es ist brechend voll. Alle Tische sind besetzt, Bartträger und Mädels mit schicken Vintage-Skihauben blasen nachdenklich Zigarettenrauch in Richtung der dunklen Deckenbalken über ihren Köpfen, trommeln nervös mit den Fingerspitzen auf die alten Holztische, jubeln, verdrehen theatralisch die Augen oder diskutieren den gerade zu Ende gegangenen Spielverlauf. Zwei Kartentippler auf abgewetzten Barhockern erreichen gerade Betriebstemperatur und ziehen ihre schwarzen Kapuzensweater aus. Welches Spiel sie so erhitzt? "Star Realm", gibt Nick bereitwillig Auskunft, "das ist ein bissl so wie Magic, falls du das kennst." – "Ja, aber schon anders", schränkt sein Freund Fabian ein. "Ja eh, aber so ungefähr halt. Nur damit er einen Vergleich hat ...", sagt Nick. Die beiden arbeiten als Mechaniker und Elektriker fürs Bundesheer und kommen ebenfalls schon seit Jahren her. Auch, weil ihnen die Musik gefällt. Indie-Klassiker und gut abgehangener Beisl-Rock.

Im Spielelokal Brot & Spiele, in der Laudongasse 22, kann man aus über 100 Brettspielen wählen und dazu frisch überbackene Brote… © Bild: KURIER/Franz Gruber

Und weil’s grad wirklich auffällt: In keiner anderen Bar, in der ein derartiger Mix aus Green Day und Bob Dylan, Cake und Bruce Springsteen, Faith No More und Joan Jetts "I Love Rock ’n’ Roll" gespielt wird, ist der Frauenanteil derart hoch. Da sitzen normalerweise nur einsame Wölfe in Bikerboots und weinen still in ihre Biergläser. Hier sind mehr als die Hälfte der Spielbretter in weiblicher Hand. "Und was wäre denn für dich typische Mädchenmusik?", fragt die junge Waldviertlerin Maya, die mit ihren Freundinnen Elli und Sylwia am hintersten Tisch, direkt unter einem Wandgemälde sitzt, das die Hexe Madame Mim vor einem Set magischer Karten zeigt. Zart errötend murmle ich etwas von Formatradio-Pop, was die drei Landschaftsarchitekturstudentinnen in fröhliches Gelächter ausbrechen lässt. Sie verzeihen mir zum Glück mein ewiggestriges Statement und teilen ihre Erklärungsversuche mit mir: "Dafür gibt’s wahrscheinlich mehr Jungs, die zuhause an ihrer Playstation daddeln." Frauen spielten ihrer Meinung nach genauso gerne – aber eben lieber gegen Menschen, denen sie in die Augen sehen können. Die drei 20-Jährigen hatten eben ihre erste Partie Carcassonne absolviert – "Wirklich fordernd, da muss man sich einspielen." – und sind gerade bei Knowing Me, Knowing You, ein Spiel, das testet, wie gut man seine Freunde kennt: "Ein schneller Spaß – ist wahrscheinlich umso lustiger, je mehr Spieler dabei sind."

Im Spielelokal Brot & Spiele, in der Laudongasse 22, kann man aus über 100 Brettspielen wählen und dazu frisch überbackene Brote… © Bild: KURIER/Franz Gruber

Inzwischen freuen sich Lena, Claudia und Lisa, dass ihr Lieblings-Game Wiener Linien Uno endlich frei ist, während die deutschen Sprachwissenschaftstudentinnen Alexandra, Maja, Lea und Christina begeistert das zurzeit superangesagte Cards Against Humanity spielen. Auf Spielkarten begonnene Statements müssen komplettiert werden. Mit politisch durchaus inkorrekten Meldungen. Dafür gibt’s Punkte und man sieht den vier Freundinnen an, wie viel Spaß so etwas machen kann. Wenn möglich, versuchen sie immer Spiele auszuprobieren, die sie noch nicht kennen. "Müssten wir die alle kaufen, käme das ganz schön teuer. Hier ist es gratis – und dafür kann man sich schon auch mal ein paar Getränke leisten", sagen sie. Ein überzeugendes Argument. Haben sie weitere Empfehlungen? "Codenames. Und Game Of Quotes, das ist richtig gut", sagt Christina.

Im Spielelokal Brot & Spiele, in der Laudongasse 22, kann man aus über 100 Brettspielen wählen und dazu frisch überbackene Brote… © Bild: KURIER/Franz Gruber

Üben im 21. Jahrhundert altmodische Gesellschaftsspiele tatsächlich eine magische Anziehungskraft auf junge Menschen aus? Was ist mit der sozialen Vereinsamung und all den melancholischen Seelen, die die ganze Nacht mit den digitalisierten Freunden auf ihren matt leuchtenden Tablets und Smartphones verbringen? "Hm, die gibt's schon auch – aber eben nicht hier", sagt Andreas, seit vielen Jahren Kellner und Seele des Lokals. "Vielleicht entstand ein kleiner Trend Richtung organischer Spiele ja auch gerade WEGEN der Überdigitalisierung und Virtualisierung …"

Andreas ist nicht nur für die Getränke und die überbackenen Brote im Beisl zuständig, er ist auch der kenntnisreiche Sommelier des Lagers von gut 120 Spielen, die hier den Gästen zur Verfügung stehen. Etwas Schnelles oder ein Spiel, das einen den ganzen Abend beschäftigt? Etwas Kniffeliges oder etwas Rasantes, ein Spiel für stoische Strategen oder eines, in dem man so richtig schön gemein sein kann? Der Barkeeper hört zu, nickt, stellt ein paar Fragen und serviert dann das – zumeist – passende Spiel. Und wie jeden Donnerstag, bereitet er sich auf das abendliche Highlight vor: Bingo. Man kennt die Kiste ja als Lieblingsspiel amerikanischer Pensionistinnen aus diversen Hollywood-Filmen – aber einen Conférencier wie Andreas hat man so noch nicht erlebt – der Mann ist ein Assoziationsmonster!

Im Spielelokal Brot & Spiele, in der Laudongasse 22, kann man aus über 100 Brettspielen wählen und dazu frisch überbackene Brote… © Bild: KURIER/Franz Gruber

Sieger Raffael ist überglücklich, er bekommt ein Erfrischungsgetränk seiner Wahl. Der Singer/Songwriter hat hier "schon die schönsten Spiele seines Lebens gespielt". Auch Freundin Nora freut sich. Ihr Faible sind Rollenspiele wie Resistance oder Hive. "Lügen, manipulieren – und sich trotzdem wieder vertragen. Das hat auch eine soziale Komponente", sagt die Lehramtsstudentin augenzwinkernd.

Inzwischen sind Tobias, Ben und Daniel in der Endphase ihres Games. "Du hast schon so was von verloren!" – "Ich werde euch vernichten!" – "Warum um alles in der Welt willst du plötzlich Indien?" Jungarzt Tobias muss mal kurz wohin. "Du übernimmst für mich", sagt er zu mir. Und: "Keine Sorge, da kann nichts passieren." Bis er zurückkommt, hab ich erfolgreich ganz Mitteleuropa für ihn verloren. Ben, sein Regensburger Kollege, hat mit einem waghalsigen Bruch aller Bündnisse die Weltherrschaft an sich gerissen.

Originalbild von Franz Gruber, 16.2.18, Brot & Spiele © Bild: KURIER/Franz Gruber

"Egal, wir sind Sieger der Herzen", tröstet Tobias sich stilvoll selbst und bestellt eine Abschlussrunde. Das hat meine Spielekonsole noch nie gemacht. Wir stoßen an. Ja, mit solchen Niederlagen kann man leben.

“, Operngasse 25, 1040 Wien: Hier findet man eine kleine, aber feine Auswahl an Brettspielen – und in unregelmäßigen Abständen werden Musik-Quiz-Abende abgehalten.

( kurier.at ) Erstellt am 10.03.2018