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Leben
09/27/2018

Thomas Schäfer-Elmayer: "Komplimente sind schwierig geworden"

Die österreichische Benimm-Instanz über Feminismus, Donald Trump und mangelnden Respekt.

von Julia Pfligl

Die Welt ist unübersichtlich geworden, das gilt auch für unseren Umgang miteinander. Wer zahlt die Rechnung? Darf man eine junge Frau noch Fräulein nennen? Und wie geht formvollendetes Chatten? Fragen wie diese beantwortet Thomas Schäfer-Elmayer in seinem aktualisierten Nachschlagewerk. Mit dem KURIER sprach er über den rauen Ton in sozialen Medien und die Folgen der #metoo-Debatte.

KURIER: Herr Elmayer, gehen wir heute respektloser miteinander um als früher?

Thomas Schäfer-Elmayer: Ganz bestimmt, insbesondere, wenn ich mir die sozialen Medien anschaue. Solche Töne hat man früher nirgendwo gehört. Manche Leute glauben, wenn sie vor ihrem Laptop sitzen, können sie sich alles erlauben, dabei ist es genau umgekehrt: Man sollte sich bewusst sein, dass die Dinge, die man schreibt, nicht mehr gelöscht werden können.

Wie kann die Diskussionskultur im Netz besser werden?

Man sollte den guten Ton beachten, keine Schimpfwörter, keine Beleidigungen. Bei politischen Meinungsunterschieden sollte ein gewisser Respekt oder zumindest Toleranz gegenüber dem anderen gewahrt bleiben. Man sollte die eigene Meinung mit klaren Argumenten darlegen und die Ansicht des Gegenübers ebenso klar, sachlich und ruhig widerlegen.

Just der mächtigste Mensch der Welt geht mit denkbar schlechtem Beispiel voran. Stellt es Ihnen nicht die Haare auf, wenn Sie Donald Trump in den Medien sehen?

Trump ist anscheinend, ich kenne ihn ja nicht persönlich, ein besonders krasses Exemplar eines bewusst unhöflichen Menschen. Ich habe mir natürlich überlegt, wie jemand, der so gar keinen Wert auf Benehmen legt, der mächtigste und noch dazu ein sehr reicher Mann werden kann. Bei ihm wundert mich wirklich gar nichts mehr. Weil es eben so extrem ist, glaube ich, dass er ein abschreckendes Beispiel ist. Insofern ist das Problem nicht so groß.

Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, dass so ein Mensch so weit kommen kann?

Es gibt leider etliche erfolgreiche Menschen, die wenig Wert auf Benehmen legen. Für mich besteht aber Erfolg darin, unser Dasein auf diesem Planeten nicht nur für mich, sondern auch für mein Umfeld positiv zu gestalten. Dazu gehört Wertschätzung, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Einfühlungsvermögen, Verlässlichkeit usw. Wer sich um all das nicht schert, ist in diesem Sinn nicht erfolgreich. Diese Personen verfolgen egoistische Ziele. Über unsere Gesellschaft sagt es nichts Gutes, wenn wir es zulassen, dass solche Menschen Einfluss bekommen.

Beobachten Sie eine wachsende Unsicherheit darüber, was sich gehört und was nicht?

Die Feminismusdebatte hat sicher viele Männer verunsichert. Ich finde das sehr problematisch. Wir haben in Europa eine kulturelle Revolution geschafft, die die Frau in der Gesellschaft höher stellt als den Mann. Ich halte das für eine der wichtigsten kulturellen Errungenschaften unserer Zivilisation. Wir sollten uns diese Lebensqualität bewahren, dass es schön ist, einer Dame seine Wertschätzung zu zeigen. Es sind ja nur kleine Zeichen, die Tür aufhalten, in den Mantel helfen, den Vortritt lassen...

Impliziert all das nicht, dass die Frau das schwächere Geschlecht ist, das es zu beschützen gilt?

Im Gegenteil! Diese Signale wurden früher Herrschern gegenüber ausgedrückt – nicht, weil sie schwächer waren, sondern weil man ihnen Respekt entgegenbringen wollte. Eine Frau darf zum Beispiel bei einer Begrüßung in Gesellschaft sitzen bleiben, weil ein König von seinem Thron auch nicht aufgestanden ist, es sei denn, ein anderer König kam. Ohne diese Hintergründe wird das oft missinterpretiert.

So wie Komplimente, auch ein Abschnitt in Ihrem Buch...

Komplimente sind leider schwierig geworden. Früher nahm man es mit einem Augenzwinkern, wenn man einer 50-jährigen Frau gesagt hat, sie sieht aus wie 20. Heute missverstehen das viele gleich als Anmache.

Finden Sie es nicht gut, dass Debatten wie #metoo eine Sensibilisierung bewirkt haben?

In manchen Bereichen sicher, in anderen eben weniger, weil dadurch solche Feinheiten wie Komplimente in Gefahr geraten. Das Schöne bei den Tanzkursen ist, dass man mit dem anderen Geschlecht umgehen lernt, ohne dass es um irgendwelche sexuellen Dinge geht. Man kommt sich sehr nahe, muss sich aber erst einmal überlegen, welcher ist der rechte, welcher der linke Fuß.

Auch richtiges Flirten kommt in Ihrem Benimm-Ratgeber vor. Wo ist Ihrer Meinung nach die Grenze zur Belästigung?

Ähnlich wie beim Kompliment muss alles immer mit Respekt passieren. Ein Nein ist ein Nein, das muss der Mann einfach akzeptieren.

Zurück zur Einstiegsfrage: Wie kann ein respektvollerer Umgang miteinander gelingen?

Indem wir akzeptieren, dass jeder Mensch, dem wir begegnen, egal, ob er aus Damaskus oder Tokio kommt, einen hohen Wert hat. In meinen Seminaren erwähne ich immer die vier M: Menschen muss man mögen. Jeder hat negative Seiten, aber wir müssen uns dazu bringen, die positiven Seiten in anderen zu sehen. Es ist der vielleicht wichtigste Sinn unseres Daseins, dass wir das Negative in uns nicht hochkommen lassen.

Im Buch listen Sie „20 elementare Werte unserer Gesellschaft“ auf. Sollten Menschen, die aus verschiedensten Gründen zu uns kommen, diese übernehmen?

Zuerst müssen wir sie selber leben, wir können nicht einfach sagen, das steht im Buch, fertig. Früher oder später werden wir das auch von Menschen erwarten, die zu uns kommen. Wir müssen aber aufpassen, dass wir Menschen, die nicht wissen, wie man sich bei uns benimmt, nicht auch sonst abwerten. Wir wissen ja auch nicht, wie man sich in Beirut benimmt.

Sie plädieren also für mehr Toleranz?

Sie wissen ja: Goethe sagt, Toleranz ist eine Beleidigung. Schöner wäre, wenn wir einander schätzen würden.

Zur Person

Thomas Schäfer-Elmayer

Geboren 1946 in Zell am See, arbeitete er nach seinem Wirtschaftsstudium für Unternehmen in der Schweiz, Deutschland und Übersee. 1987 übernahm er die Tanzschule seines Großvaters, die dieser 1919 gegründet hatte. 1991 erschien sein erster Benimm-Ratgeber. Elmayer ist geschieden und hat zwei erwachsene Kinder.

Buchtipp

„Der große Elmayer – Alles, was Sie über gutes Benehmen wissen sollten“  ist ein Nachschlagewerk von A bis Z. 504 Seiten, Ecowin Verlag, 28 €.

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