Leben
02.05.2015

SozialMarie zeichnet Prosa für Asylwerber aus

Die Initiative "Schule für alle" erhielt den ersten Preis der "SozialMarie".

Noch kommt Faiz von weit her in die Schule in der Wiener Rahlgasse. Gut zwei Stunden sitzt er jeden Tag im Zug. Doch der 22-jährige Flüchtling jammert nicht. Er verwendet lieber seine gesamte Energie für das Lernen, um in einem Jahr den österreichischen Pflichtschulabschluss zu schaffen.

Und er spricht von großem Glück, dass er Aufnahme in der privaten Initiative Prosa – Schule für alle gefunden hat. "Prosa wurde von jungen Menschen gegründet", erzählt Sozialarbeiterin Marlene Panzenböck, selbst nur ein Jahr älter als der junge Mann aus Afghanistan.

Junge Bürger-Initiative

Man wollte sich nicht damit abfinden, dass junge Asylwerber in Österreich keine Schule besuchen dürfen, obwohl es ein Menschenrecht auf Bildung gibt. "Die Idee war: Wenn der Staat nichts anbietet, müssen wir das selbst in die Hand nehmen."

Und wie sie es selbst in die Hand genommen haben: Heute können die Prosa-Pädagogen 85 Menschen zwischen 15 und 25 eine Ausbildung bieten. Die meisten kommen aus Afghanistan, Somalia und Nigeria. Alle sind minderjährig und unbegleitet aus ihrer Heimat geflohen. Aus einem Bürgerkrieg und/oder einer Kindheit ohne Schule, ohne Perspektive.

Die private Bildungsinitiative wird zur Gänze aus Spenden finanziert. Kein Renommee für ein Land, das sich gerne als reich und lebenswert darstellt. Auch ein Schuss vor den Bug jener Jugendforscher, die gerne beklagen, dass die Jungen von heute nicht mehr so rebellisch sind wie ihre Generation seinerzeit. Man kann es aber auch positiv sehen, wie die Juroren der SozialMarie, die am Freitagabend den Initiatoren des Prosa-Projekts den gleichnamigen ersten Preis überreicht haben.

Lehrer mit Leidenschaft

"Wir wollen was tun gegen die Ungerechtigkeit in diesem Land", sagt Marius Menholz, der Psychologie studiert und an einem Nachmittag in der Woche für wenig Geld jungen Flüchtlingen die deutsche Sprache näherbringt. Dann geht er in seine Klasse, in der deutlich mehr Burschen als Mädchen sitzen.

Im Unterricht bemüht er sich, Lust auf die schwierige deutsche Sprache zu erwecken. Was ihm dank seiner Leidenschaft auch gut gelingt. Den Schülern geht viel durch den Kopf, weiß Sozialarbeiterin Panzenböck. Ihre dramatische Flucht. Die Trennung von den Eltern, Geschwistern, Verwandten und Freunden. Auch die bange Frage, ob ihr Asylantrag positiv erledigt wird. "Einige leiden unter Kopfschmerzen und nicht bewältigten Traumata." Umso erstaunlicher ist es, wie konzentriert sie ihrem Lehrer folgen.

Vom Glück des Schülers

Faiz träumt davon, ein Informatik-Studium abzuschließen. Man hat ihm seine Kindheit und Jugend geraubt. Die Erzählung von seiner Flucht aus Afghanistan, mit gerade einmal 17 und seinem jüngeren Bruder an der Hand, der dann im Iran bleiben musste, und seine monatelange Odyssee in Richtung Westeuropa ist eine Form von Prosa, die zu Tränen rührt.

Immerhin hat sich die Republik Österreich vor drei Wochen dazu entschlossen, ihm subsidiären Schutz zu gewähren. Das bedeutet, dass er bis auf Weiteres nicht abgeschoben werden darf – und dass die Mitarbeiter von Prosa für ihn jetzt einen Platz in einer ihrer privaten Wohngemeinschaften in Wien organisieren können.

Wenn er das Geld beisammen hat, will Faiz seine Eltern anrufen, die inzwischen auch im Iran leben, unter katastrophalen Bedingungen, wie er weiß. Er lächelt kurz: "Ich möchte ihnen gerne von meinem Glück erzählen."

Der Preis wird seit 2005 verliehen und aus der Unruhe Privatstiftung (Eigentümerin der Ziel Invest GmbH) finanziert. Aus den eingereichten Projekten werden von der Jury15 Preisträger ausgezeichnet.

Mehr Infos: www.sozialmarie.org