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Interview
06/10/2015

"Postings werden aggressiver"

Der Sozial- und Kulturwissenschaftler Thomas Philipp über wachsende Fremdenfeindlichkeit in sozialen Medien.

Dreckspack, Ratten - wütende Beschimpfungen und eine Diktion wie man sie teilweise aus der Zeit des Dritten Reichs kennt sind auf Sozialen Medien und in Online-Foren schon längst keine Rarität mehr. Fremdenfeindlichkeit und rassistische Vorurteile im Netz nehmen zu.

Thomas Philipp, Sozial- und Kulturwissenschaftler sowie Lehrbeauftragter an der Uni Linz beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema „Rassismus und Social Media“. Im Interview mit dem Kurier spricht er über aktuelle Diskussionen und eine wachsende Aggressivität, etwa aufFacebookoder in Online-Foren.

KURIER: Sie haben bereits im Jahr 2012 eine Studie zum Thema "Social Media und Rassismus" vorgelegt, seither ist vieles passiert. Haben Sie den Eindruck dass die Fremdenfeindlichkeit in den Sozialen Medien derzeit massiv ansteigt?

Thomas Philipp: Der Eindruck lässt sich zumindest teilweise bestätigen. Abgesehen davon, dass die Nutzung von Social-Media-Diensten allgemein nach wie vor zunimmt, registrieren hier Institutionen wie jugendschutz.net oder ZARA (Zivilcourage und Anti-Rassismusarbeit) gerade in den vergangenen Jahren einen deutlichen Zuwachs von rassistischen, rechtsextremen und fremdenfeindlichen Inhalten. Vor allem Ereignisse wie aktuell die Diskussion um die menschenwürdige Unterbringung von Flüchtlingen führen auf Social-Media-Plattformen wie Facebook dazu, dass die Postings zunehmend aggressiver werden. Außerdem zeigt sich auch in den sozialen Medien ein gewisser Gewöhnungseffekt. Wenn hundertfach fremdenfeindliche Äußerungen zu einzelnen Beiträgen oder in einzelnen Gruppen getätigt werden und die Policy des Betreibers der Plattform dies zulässt, dreht sich die Spirale von "Hate Postings" schnell weiter.

Es hieß immer, dass sich Menschen in Sozialen Medien in der Anonymität verstecken. Wer sich aktuell umsieht, merkt: Es wird sehr offen und unverhohlen "gehasst" und "geschimpft" und zwar aufs Brutalste. Weshalb ist das so?

Hier muss man etwas differenzieren. In vielen Fällen wird nach wie vor auf Anonymität, Pseudonyme und Nichtverfolgbarkeit großer Wert gelegt, etwa bei Diskussionen über nationalsozialistische Themen in Foren, Wikis oder geschlossenen Facebook-Gruppen. Da diskutiert dann "Fuehrer88" mit "ezuendel39" und "killjews" in einem einschlägigen Forum über die so genannte "Holocaust-Industrie". Andererseits ist zu beobachten, dass gerade auf den populären Social-Media-Plattformen wie Facebook oftmals Menschen mit ihrem echten Klarnamen fremdenfeindliche Postings veröffentlichen – in der Annahme, das Internet sei ein straffreier Raum. Es hat sich trotz einiger Anklagen und Verurteilungen in der letzten Zeit anscheinend noch nicht herumgesprochen, dass dies nicht der Fall ist.

Auffällig ist auch, dass sich die Diktion massiv verschlimmert hat. Wie sehen Sie das?

Ich sehe in der Qualität der Diktion keine großartigen Sprünge in der letzten Zeit, wenngleich sie immer wieder einmal anzieht, etwa wenn auf der Facebook-Seite von HC Strache verkürzte oder unwahre Postings über die Situation von Flüchtlingen veröffentlicht werden. Zu beobachten ist jedoch, dass eine gewalttätige und aggressive Diktion auf derartigen Seiten rein quantitativ zunimmt und dadurch mehr Aufmerksamkeit erzeugt wird. Es wird auch verstärkt versucht, Verknüpfungen mit alten Bildern, Motiven oder Sprüchen herzustellen, um neue Aufmerksamkeit zu generieren. Diese Verknüpfungen bedienen sich dabei in vielen Fällen einer Diktion, die wir in diesem Land vor nicht allzu langer Zeit hatten und die absolut barbarisch, grausam und böse war. Ein Plakat mit dem Spruch "Österreicher! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Muslimen!" würde wahrscheinlich in der jetzigen Zeit bei genügend Userinnen und Usern auf Facebook nicht einmal Widerwillen hervorrufen.

Ist da eine Hemmschwelle gefallen? Würden sich diese Menschen auch aussprechen trauen, was sie auf Facebook einfach dahinschreiben?

Sicher ist, dass die technologischen und kommunikativen Besonderheiten von Social-Media-Plattformen dazu verleiten, sich hemmungsfreier und offensiver mitzuteilen: schnell, direkt, unmittelbar, interaktiv, in einem relativ homogenen und sich selbst bestätigendem Umfeld. In diesem Sinne ist Facebook so etwas wie ein Stammtisch 2.0, allerdings innerhalb der sicheren, eigenen vier Wände. Dazu kommt, dass es sich um eine virtuelle Kommunikation handelt, d. h. ich muss auf Befindlichkeiten meines Gegenübers weniger achtgeben als in einer Face-to-Face-Kommunikation. Gestik, Mimik, Tonfall und ähnliches fallen ebenfalls weg. Im öffentlichen Diskurs abseits davon sieht es also doch anders aus, da hier die Vielschichtigkeit der Kommunikation deutlich höher ist und man viel massiver auf relativierende, differenzierende und gegenteilige Meinungen trifft.

Tarnen sich fremdenfeindliche Seiten eher oder gibt es da auch ganz offensichtliche Seiten?

Es gibt genügend Seiten, die sich tarnen. Andererseits ist durchaus auffällig, wie offen viele Seiten agieren. Die Initiative "Heimat ohne Hass" hat beispielsweise erst vor wenigen Tagen eine große Facebook-Gruppe mit dem Namen "ISLAM GEHÖRT NICHT ZU ÖSTERREICH (EUROPA)" analysiert. In dieser Gruppe finden sich auch zahlreiche aktive FPÖ-Funktionärinnen und FPÖ-Funktionäre. Über sie wurden u. a. Fotos verteilt, auf denen afrikanischen Kindern "Zyklon-B"-Giftgasdosen überreicht werden oder auf denen Adolf Hitler an einer Schultafel steht und "Ich vergesse, ich vergaß, ich vergaste" schreibt.

Man hat den Eindruck, dass die Betreiber sozialer Netze nicht rigoros genug gegen solche Seiten vorgehen - braucht es da nicht mehr Bewusstsein seitens der Unternehmen?

Ein Problem besteht darin, dass es bei gewissen soziale Medien für die österreichische Justiz schwierig ist, die tatsächlichen Urheber der rassistischen Äußerungen ausfindig zu machen und zu verfolgen, da sich die Server oftmals im Ausland befinden und sich die handelnden Personen zumeist hinter Pseudonymen verstecken. Dies ist etwa bei Blogs, Wikis oder Foren immer wieder der Fall. Bei den großen und populären Social-Media-Plattformen wie Facebook, Twitter oder Instagram wurde in den letzten Jahren vielfach die zu lasche Verantwortung im Umgang mit "Hate Postings" kritisiert. Das hängt u. a. mit anderen „Moralvorstellungen“ der zumeist US-amerikanischen Betreiber zusammen. Ein blanker Busen im Rahmen einer Brustkrebskampagne wird zensiert, ein rassistisches Posting mit Neonazi-Codes hingegen nicht. Allgemein gesprochen, handelt es sich hier um eine komplexe Debatte rund um die Einschränkung der freien Meinungsäußerung aufgrund von verhetzenden und rassistischen Aussagen im virtuellen Raum unter dem Licht des Datenschutzes auf internationaler Ebene, die uns noch lange begleiten wird. Einfache Lösungen wie rigorose Zensur auf der einen Seite oder vollkommen freie Meinungsäußerung auf der anderen Seite gibt es hier nicht.

Sie haben in Ihrer Untersuchung erwähnt, dass es auf Facebook eine Art "Wir-Gefühl", also eine Gruppenzugehörigkeit gibt?

Die Stelle in der Untersuchung bezieht sich auf einen Artikel des deutschen Politikwissenschaftlers Christoph Busch zur rechtsradikalen Vernetzung im Internet. Er geht in diesem weniger auf Facebook, sondern auf andere soziale Medien wie Foren ein. Die virtuelle Welt geht dabei der realen voraus, was die Möglichkeiten der internen Kommunikation betrifft. Zugang zu dieser Welt wird nur in Form eines "Zugangsschlüssels" gewährt, die Teilnahme an der Diskussion bleibt jenen Userinnen und Usern vorbehalten, die über das richtige Passwort verfügen. Dadurch kann sich fernab der Öffentlichkeit eine rechtsradikale Gemeinschaft bilden, der es ermöglicht wird, auf diese Weise rechtsradikale Informationen und Wissen sowohl auszutauschen als auch zu vermitteln. Diese Form der Kommunikation hat der rechtsextremen Szene in den letzten Jahren ein neues "Wir-Gefühl" vermittelt. Neue virtuelle Beziehungen haben sich entwickelt, die geeignet sind, die durch Organisationsverbote abhanden gekommenen Strukturen dieser Szene neu zu gestalten. Auf offeneren Social-Media-Plattformen wie Facebook ist ähnliches in geschlossenen Gruppen der Fall. Aber auch bei offenen Gruppen oder Seiten sind solche Mechanismen in abgeschwächter Form zu erkennen. Man wird von einer Person, mit der man auf Facebook befreundet ist und der man im realen Leben vielleicht noch nicht einmal begegnet ist, in eine Gruppe eingeladen oder dazu aufgefordert, eine Seite mit "Gefällt mir" zu markieren. Damit wird man zu einem Teil eines mehr oder weniger geschlossenen Systems, in dem sich über die Zeit bestimmte Einstellungen, Werte und Ideologien tendenziell verfestigen. Auch wenn es sich nur um eine virtuelle Gruppe handelt, erzeugt diese ein entsprechendes "Wir-Gefühl". Um es bildlich zu verdeutlichen: Unsere Facebook-Gruppe "Asylanten abschieben sofort!" gegen die Facebook-Gruppe "Refugees welcome!".

Wie soll in öffentlichen Foren - etwa in Tageszeitungen oder Magazinen mit diesem Thema umgegangen werden?

Online-Foren in Zeitungen sollten aus meiner Sicht auf alle Fälle moderiert werden, da mit der Funktion des Mediums "Zeitung" ja auch gewisse Sorgfaltspflichten einhergehen. Genauso wie man sich von (parteipolitisch unabhängigen) Zeitungen erwarten kann, dass sie sorgfältig recherchierte und kritisch aufgearbeitete Artikel veröffentlichen, die einen Sachverhalt aus verschiedenen Perspektiven darstellen, ist die Pflege, Wartung und Moderation eines Online-Forums eine Aufgabe, mit der verantwortungsvoll umzugehen ist. Postings, unabhängig davon ob anonymisiert oder nicht, die den deutlich kommunizierten ethischen Standards des Blattes widersprechen, werden dementsprechend nicht veröffentlicht. Sollte die Moderation der Online-Foren aus finanziellen Gründen nicht tragbar sein, sollte die Diskussion auf einzelne Artikel eingeschränkt werden oder generell auf die Möglichkeit der Online-Foren verzichtet werden.

Und was kann jeder einzelne gegen Rassismus im Netz tun?

Auf alle Fälle nicht entmutigen lassen und die Seiten bzw. Angebote bei den Betreibern der Plattformen melden, dazu bei entsprechenden Stellen wie www.zara.or.at, www.jugendschutz.net oder hass-im-netz.info. Ansonsten ist Zivilcourage das richtige Stichwort und es gilt das gleiche wie im Leben 1.0: wenn ich in der Straßenbahn sehe, wie jemand rassistisch beschimpft wird, schaue ich auch nicht weg, sondern setze entsprechende Handlungen. Auf Facebook umgelegt: wenn es zum Beispiel zu verhetzenden Facebook-Postings auf einer FPÖ-Ortsgruppenseite kommt, kann ich mich dazu entscheiden, direkt dort die Diskussion zu führen. Das wäre dann in etwa so, als würde ich gezielt zu einem FPÖ-Stammtisch gehen und dort das Wort ergreifen. Unwahrscheinlich, aber auf alle Fälle mutig. Ich kann auf alle Fälle die Seite melden und zusätzlich das dort Gesagte in meinem eigenen Freundeskreis teilen und entsprechend kritisch kommentieren. Wenn es sich um meinen "eigenen" Social-Media-Bereich handelt, etwa bei rassistischen Kommentaren zu einem Foto auf meinem Instagram-Blog, sind vielleicht Mittel wie Löschen und Blockieren besser geeignet.

Posten ist gut, schimpfen nicht

Häupliot" schreibt der eine in einem Posting, "HC Bumsternazi" der andere. Ist das eine politische Auseinandersetzung, wie sich KURIER-Leser das vorstellen? Einige offenbar, aber sicher nicht die Mehrheit.

Über Postings mit oder ohne Klarnamen wird seit langem diskutiert. Dahinter steht ja die Frage, warum es Leute in unserem Land gibt, die zwar kräftig schimpfen können, sich aber nicht trauen, ihre Niedertracht offen auszuleben. Mit ihrem Gesicht und ihrem Namen. Und Medien wie der KURIER müssen entscheiden, ob sie das Austragen von Gemeinheiten in der digitalen Dunkelkammer zulassen.

Natürlich werden Postings inzwischen von politischen Parteien, ja auch Staaten für Propaganda genutzt. Wir wissen, dass russische Agenturen westlichen Medien so beeinflussen wollen, auch bei uns wurden schon Postings mit russischer Herkunft gefunden. Aber meistens merkt man ja, wenn Propaganda versucht wird. Daher wird sie nicht allzu effizient sein, aber sie ist eben Teil der öffentlichen Auseinandersetzung. Die Leser sind aufgerufen, gerade im WWW alles kritisch zu beobachten.

Dazu kommen offenbar Leserinnen und Leser, die ihren Frust nicht in ihrem Job oder ihrer Umgebung rauslassen können, also andere Ziele suchen müssen. Die Anonymität schützt, zeigt aber auch, dass sich die Schreiber offenbar selbst dafür genieren, was sie so von sich geben.

Sollen wir weiter das Schimpfen im geschützten Raum zulassen? Die Diskussion läuft noch. Ich persönlich antworte gerne auf kritische Postings und ertrage auch Schimpfereien, weil ich sie nicht ernst nehme. Da hilft die Abgeklärtheit der beruflichen Erfahrung. Aber wir können nicht zulassen, dass andere beschimpft werden, dass gegen sie agitiert wird. Politiker haben sich ihren Job selbst ausgesucht und müssen mehr ertragen. Aber auch das hat Grenzen. Die Verunglimpfung von Namen – siehe oben - ist primitiv und für mich unzulässig.

Wenn wir also Postings löschen, dann ist das nicht Zensur, sondern da hat jemand die Grenzen überschritten. Am besten sollte der Betroffenen das zum Anlass nehmen, darüber nachzudenken, wo Kritik aufhört und wo Beleidigung beginnt. Da setzt auch das Strafrecht ein, das eben auch im Cyberspace Geltung hat.

Die Diskussion ist nicht zu Ende und wir führen sie gerne mit unseren Leserinnen und Lesern. Wenn sich User an Recht und Anstand halten, wird das künftige Entscheidungen erleichtern.

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