Leben
11.09.2018

"Das Internet hat die Triebe auf scharf gestellt"

Wir erleben eine neue sexuelle Revolution, behauptet die deutsche Sexualtherapeutin Heike Melzer. Was bedeutet das für die Liebe?

„Alles ist möglich, nix ist fix“ – ein gerne zitierter Slogan in den User-Profilen von Dating-Plattformen. Was man damit signalisieren möchte? „Bin offen für alles, und natürlich sehr flexibel.“ Damit ist vieles über die sexuelle Lage der Nation gesagt. Denn in einer Ära, in der sich sexuelle Normen verschieben, weil sich sämtliche Fantasien – und seien sie noch so schräg – per Smartphone, PC oder Laptop in die Wohnzimmer streamen lassen, gibt es keine No-gos mehr.

S/M. Dreier. Gangbang. Swingerparty. „Selbst für die ausgefallensten Spielarten finden sich über das World Wide Web im Handumdrehen Gleichgesinnte, mit denen man sich austauschen kann“, sagt die deutsche Sexualtherapeutin Heike Melzer. In den vergangenen fünfzehn Jahren hätten sich die Themen, mit denen Klienten ihre Praxis aufsuchen, signifikant verändert. Schnell übertragene Daten, Streaming-Dienste, soziale Netzwerke und nicht zuletzt das Smartphone haben auch in der Sexualität Spuren hinterlassen und die Triebe neu justiert. In ihrem Buch „Scharfstellung“ schreibt Melzer gar von einer neuen sexuellen Revolution. Im Gespräch mit dem KURIER erzählt sie, welche Herausforderung diese Entwicklung mit sich bringt – und wie es gelingen kann, mit den neuen Freiheiten konstruktiv umzugehen.

KURIER: Sexuelle Revolution – ein großes Wort. Was genau meinen Sie denn damit?

Heike Melzer: Die drei Säulen der Sexualität sind Fortpflanzung, Liebe und Triebe. In den 1968er-Jahren hat sich durch die Einführung der Pille und die Legalisierung der Abtreibung das Damoklesschwert einer unerwünschten Schwangerschaft, die aus dem sexuellen Happening entstand, verabschiedet. Fortpflanzung wurde kalkulierbar und dadurch ein erster sexueller Befreiungsschlag ermöglicht. Heute setzt der Dreh- und Angelpunkt bei den Trieben an. Die hatten es mit der Liebe ja nie so leicht. Liebe braucht Nähe, Erotik braucht Abstand. Ein Dilemma, in dem die Liebe seit Urzeiten steckt. Jetzt sind wir aber an einem Punkt, an dem sich die Dinge nicht nur innerhalb der Partnerschaften verändern, sondern der Zug nach draußen enorm geworden ist.

Damit meinen Sie die Möglichkeiten, die durch die Digitalisierung entstanden sind – von Dating-Plattformen bis zum viel zitierten Pornostreaming?

Genau. Die Triebe können sich mittlerweile autark versorgen. Die Möglichkeit zu masturbieren gab es ja schon immer, aber durch Pornografie fand ein Angriff auf das zentrale Lustorgan im Kopf statt. Auch Hightech-Sextoys spielen da eine Rolle, Vibratoren, mit denen man innerhalb weniger Sekunden einen Orgasmus bekommt. Die Reize sind so stark geworden, dass natürlich Reize da nicht mehr mithalten können. Das hat Parallelen zur Ernährungsindustrie. Heute konkurrieren Lebensmittel mit Geschmacksverstärkern in bunten Verpackungen mit einem simplen Apfel oder einer Erdbeere. So werden schon Kinder und Jugendliche konditioniert. Ähnlich ist es bei der Sexualität: Der Mensch wird auf sehr starke Reize konditioniert, ich nenne sie Superreize. Das führt dazu, dass natürliche Reize nicht mehr reichen.

Und das führt wohl auch dazu, dass man ein von der Partnerschaft völlig losgelöstes sexuelles Eigenleben führen kann.

Es gibt unglaublich viele Alternativen und es werden immer mehr: Casual Dating, käufliche, virtuelle Sexkontakte und Sexpartner. Sie können in Timbuktu sitzen und mit jemandem am Nordpol Sex haben. Es ist möglich, Sex in 3-D oder 4-D zu erleben, indem man in virtuelle Welten schlüpft. Denken Sie an Augmented Reality, an Sex mit Avataren, die man nach seinen eigenen Vorstellungen gestalten kann. Es gibt Bordelle mit Sexpuppen, es wird Sex mit Robotern geben. Das sind alles Superstimuli, mit denen eine normale Partnerschaft in einer Liebesbeziehung kaum mehr konkurrieren kann.

Eine Ära Von Dauer-Überreizung, wie soll man da widerstehen?

Ich ziehe gerne noch einmal Parallelen zur Ernährung, denn auch da sind wir aus dem Mangel gekommen. Jetzt existiert ein Überangebot, Essen ist ebenfalls ein starker Belohnungsreiz, der – wie bei Sex – zur Ausschüttung von Dopamin führt. Es gibt durch Überernährung Millionen von Menschen, die an Diabetes Typ II erkrankt sind, wir werden Ähnliches in der Sexualität sehen. Damit verbundene Störungen werden zunehmen, schauen Sie sich das Phänomen Porno- und Sexsucht an.

Gibt es mehr Betroffene?

Normalerweise braucht es fünf bis zehn Jahre, bis sich Süchte entwickeln. Seit zehn Jahren ist das Smartphone auf dem Markt. Die Hälfte meiner Klientel ist von Porno- bzw. Sexsucht betroffen. Das nimmt massiv zu, gleichzeitig wird es massiv verdeckt. Dennoch wird Sexsucht immer noch angezweifelt: Ist es überhaupt eine Erkrankung oder nur eine Erfindung der Therapeuten? Verhaltenssüchte sind die Süchte der Zukunft. Ich will das alles nicht verteufeln, es handelt sich im Grunde ja auch um Freiheiten. Doch wir müssen lernen, damit umzugehen. Es geht mir darum, Menschen wachzurütteln. Dass sie anfangen, zu reflektieren und sich fragen, ob diese Freiheiten nur schön sind oder man sich dadurch auch in eine Abhängigkeit bringen kann.

Welche Veränderungen begegnen Ihnen in Ihrem Praxisalltag noch?

Es sind drei zentrale Veränderungen. Zum einen ist da eine alte Funktionsstörung im neuen Gewand. Ich hatte früher nie Männer, die mit 18 Jahren schon Viagra nehmen. Jetzt gibt es sie. Die Superreize und eingespielte Masturbationstechniken stumpfen ab für den realen Sex mit einem Partner. Zum zweiten gibt es Männer, die beim partnerschaftlichen Sex nicht mehr fertig werden, weil die Reize nicht mehr ausreichen. Früher war der vorzeitige Samenerguss ein Thema, heute sagen Frauen: Meiner wird nicht mehr fertig, ich weiß nicht mehr was ich machen soll – anal, oral, das wird alles so zwanghaft und nach einer Dreiviertelstunde macht es ja dann auch keinen Spaß mehr.

Und was ist mit dem Phänomen Unlust?

Genau, das ist das dritte Thema, von dem ich sprach – partnerbezogene Unlust von Männern. Früher waren es oft die Frauen, die gesagt haben, ich geh ins Bett, lass mal gut sein, die Kinder, die Migräne. Heute sagen Männer, sie hätten so viel zu tun und müssten nochmals ihre Mails checken. In Wirklichkeit switchen die in ihr Joyclub-Profil und schauen, ob da schon ein Fisch angebissen hat. Ob die Geliebte geschrieben hat oder welchen Porno man sich anschauen könnte. Und während die Frau in den Zumbakurs geht, ist das die Freistunde, in der er sich in aller Ruhe seiner Lust widmen kann. Das Internet hat den Sex von der Leine genommen und unsere Triebe auf scharf gestellt. Das ist eine neue Entwicklung, die sich auch im Klinikalltag manifestiert.

Braucht es da nicht auch eine neue Form von Aufklärung – bereits im Jugend- und Kindesalter?

Ja klar, aber erst einmal braucht es ein Bewusstsein, eine Awareness, um das überhaupt zu sehen. Da passiert ja ganz viel unter der Decke. Ich sehe natürlich vor allem jene Leute, die Probleme haben, und möchte dazusagen, dass es viele Menschen gibt, die mit diesen Freiheiten gut zurechtkommen. Doch in puncto Jugendliche und Kinder handelt es sich um einen gesellschaftlichen Auftrag, da sind Schulen, aber auch Eltern gefordert. Bereits bevor junge Menschen ihr erstes Smartphone bekommen oder ins Internet können, muss man sie warnen. Weil sie eines Tages mit Pornografie konfrontiert sein werden, das ist nicht zu verhindern.

Auch nicht durch entsprechende Filterprogramme?

Nein, denn irgendwann ist es der Freund oder die Freundin aus der Nachbarschaft, der Zugang zu solchen Dingen hat. Es ist wie beim Alkohol: Sie müssen den Umgang damit lernen. Man kann also sagen: Ihr werdet Alkohol trinken, ihr werdet Pornos sehen, aber bitte tut das in Maßen, denn das kann süchtig machen.

Offen darüber reden ist wichtig.

Unbedingt. Schon in der Grundschule sollten Kinder darauf angesprochen und sensibilisiert werden, und zwar nicht in einer großen Aufklärungssitzung, sondern immer wieder.

Aber über Sex offen zu sprechen, scheint bei aller Freiheit doch noch ein Tabu.

Da läuft ganz viel im Verborgenen. Bei vielen Paaren, die 20 Jahre oder mehr verheiratet sind, hat sich die Umgebung verändert, aber es wurde nie über Treue oder ähnliche Themen gesprochen. Paare müssen sich neu positionieren und schauen, was diese Entwicklung mit ihnen gemacht hat. Es braucht offene Diskussionen, die zu all diesen Themen geführt werden.

Wie sehen Sie die Zukunft von Sexualität und Partnerschaft?

Es geht darum, Nein sagen zu lernen, sich abzugrenzen. Es geht um Selbstkontrolle. Es ist wichtig, dass es in Partnerschaften verbindliche Grenzen gibt, um sich davon abzugrenzen, was draußen herum so läuft. Und natürlich geht es auch darum, alles neu zu verhandeln, damit es kein böses Erwachen gibt. Und es wäre auch wichtig, mit Sex wieder bewusster umzugehen. Schon mal was von Sex-Fasten gehört? Nach einer Phase des Verzichtes wird man wieder sensibler für natürliche Reize, ähnlich wie beim Essen: Nach einer Phase ohne Geschmacksverstärker und Superstimuli von Schokolade, Cola und Chips im Rahmen von Heilfasten schmecken auf einmal Äpfel wieder herrlich.

Sie haben dafür ein neues, spezielles Programm entwickelt?

„Reboot-me.de“ ist seit einer Woche mit einem Forum online. Es wird ein Trainingsprogramm für Menschen folgen, die belastende sexuelle Gewohnheiten verstehen und durchbrechen wollen, um so wieder mehr partnerschaftliche Zufriedenheit erleben zu können. Es soll eine Fastenkur geben, wo man eine bestimmte Zeit auf sexuelle Superreize verzichtet, um wieder rezeptiver und sinnlicher zu werden. Ziel ist es, zu lernen, mit dem Angebot da draußen umzugehen. Dazu gehört, dass ich mich mit meinem sexuellen Profil beschäftige.

Vielleicht sollte man sich auch mit dem eigenen Treue-Profil beschäftigen, oder?

Ja, dass Paare wieder in die Treue-Definition reingucken. Heute ist es ja so, dass Treue mehr aus der Ich-Perspektive und weniger aus der Wir-Perspektive gesehen wird. Es geht um die Frage: Bin ich dem Partner treu oder bin ich mir selber treu? Viele beantworten sie damit, dass sie ja noch was erleben wollen und sich lieber selbst treu sein wollen. Es wird zu wenig über kontroverse Bedürfnisse gesprochen.

Hat die Liebe da überhaupt noch eine Chance?

Ich glaube an die Liebe, die wird immer Bestand haben. Sie muss sich nur anders positionieren, weil ihre Kernkompetenzen überschaubar geworden sind. Die Fortpflanzung ist nicht mehr so im Regime der Liebe, die Triebe sind abtrünnig. In Deutschland haben wir zehn Millionen aktive Profile in den fünf großen Dating-Plattformen, da sind die Apps und käuflichen Portale gar nicht mitgezählt. Es ist ein Riesenthema, auch ein Riesenschmerz, der da für den einen oder anderen generiert werden kann. Ich glaube, dass Paare nachverhandeln müssen. Das ist ganz wesentlich: Man muss die Beziehung immer wieder neu adaptieren auf diese äußeren Umstände. Und dafür braucht es natürlich einen differenzierten Dialog mit dem Partner.