Leben
12.09.2018

Sexshop war gestern: Das Geschäft mit der toten Hose

Lokalaugenschein. Der moderne Erotik-Supermarkt kommt anders als seine Vorgänger ohne Schmuddeleck aus.

Der ältere Gentleman im gebügelten weißen Kurzarmhemd interessiert sich unter anderem für den Vibrator Rosé um 24,90 Euro. Ein Qualitätsprodukt, wie ihn eine der beiden leicht, aber nicht zu leicht bekleideten Verkäuferinnen aufklärt. Ein jüngerer Kunde mit Tätowierungen an beiden Armen sucht wiederum nach einer ganz speziellen Luststeigerungs-Panier. Er hört: Das Objekt seiner Begierde sei im Moment leider nicht vorrätig, wäre aber in einer der anderen Filialen jederzeit erhältlich.

Beate Uhse ist tot. Die Ikone der sexuellen Konsumgesellschaft made in Germany starb im Sommer 2001. Auch ihr in der Wirtschaftswunderzeit aufgebauter Erotik-Konzern ging inzwischen in die Knie. Die Konkurrenz im Internet ließ Uhse am Ende alt aussehen. Dazu, wird erzählt, gab es interne Managementfehler.

Und wo bitte sind all die abgerammelten Sexshops mit ihren zwielichtigen Gestalten im schummrigen Licht geblieben? Sie existieren mehr im Gedächtnis einer Generation, die vor der bzw. abseits der sexuellen Revolution sozialisiert wurde. Die meisten der legendären Läden sind aus dem Stadtbild verschwunden. Nach einem Strukturwandel wurden sie von einer mehr wellnessorientierten Anbieter-Generation abgelöst.

„Schmerz-Einlagen“

Die Atmosphäre und das Ambiente samt Scannerkasse im „ART-X-Erotik-Supermarkt“ in Wien-Floridsdorf unterscheidet sich kaum von den benachbarten Möbel-, Sportartikel-, Elektrogeräte-, Heimwerker- und Drogeriemärkten – und auch nicht vom Fitnesscenter gleich gegenüber.

Nur die Gerätschaften sind hier andere: die „Pleasure Box“ des Kondomherstellers Durex kostet so viel wie der rosafarbene Vibrator, ebenfalls 24,90 Euro. Alle, die beim Sex „Schmerz-Einlagen“ benötigen, sind mit wohlfeilen 29,90 Euro fix dabei. Und das bunte Spektrum der Dildos reicht preislich wie in ihren Ausformungen von – bis.

Was auch auffällt: Man spricht hier von Erotik und weniger von Sex. Die Bezeichnung Supermarkt ist nicht falsch, denn die Verkaufsfläche ist großzügig bemessen, die Einrichtung hell und sauber, die Regale sind gut sortiert und mit allen Farben und Kunstkniffen der Werbepsychologie ausgestattet.

Auf die Frage, was denn am besten bei der Kundschaft ankommt, sind sich die beiden Verkäuferinnen einig: „Interessanterweise die DVDs.“ In einem Zeitalter, in dem online alles und noch mehr abrufbar ist, verwundert das. Das Sortiment ist in der Tat nicht von schlechten Eltern: Der für Cineasten eventuell weniger wertvolle Streifen „Lesbian Yoga“ um 29,90 Euro steckt in der meterlangen Schauwand mitten drinnen. Und es gibt auch noch Kassetten für Videorecorder-Fans.

„Lesbian Yoga“

Und wer kommt einkaufen? „Unser Publikum ist bunt gemischt“, erklärt Ina Egger, die zwei der österreichweit 19 ART-X-Filialen führt, jene im 7. und im 10. Wiener Bezirk. Es sind Kunden aus allen Altersgruppen, allen Sinus-Milieus, weiterhin mehr Männer als Frauen, aber nicht mehr so überproportional wie einst. Weniger „Schüchtis“ und „Seltsame“. Eine „Urli“, die es mit 92 noch einmal genau wissen will, ebenso wie zwei Teenager, die ihr Taschengeld für den 190-Euro-„Womanizer“ zusammentun.

Eine Übersicht über das Geschäft mit der Erotik in Österreich gibt es nicht. „Diese Branche ist bei uns nicht organisiert“, bedauert Richard Franta, der in der Wirtschaftskammer das Bundesgremium für den Handel leitet. „Ich könnte mir aber vorstellen, dass die stationären Shops aufgrund der Digitalisierung unter Druck geraten sind.“

Tote Hose? In den Filialen von ART-X herrscht diese nicht. Immerhin kann die Supermarktkette gut hundert Menschen Arbeit geben. Ina Egger erzählt, dass sie Online-Angebote nicht wirklich stören: „Unsere Kunden wollen ihr Spielzeug angreifen.“

So wie in Heimwerker- oder Drogeriemärkten gibt es auch fachliche Beratung. Sofern diese verlangt wird. Wobei die Frage, wie man die „Schmerz-Einlagen“ so richtig zur Geltung bringt, manch einem wohl nur ganz schwer über die Lippen kommt.

Sex sells: Vom Dildo in Delfinform bis zum veganen Bio-Gleitgel

Marktübersicht. „Grundsätzlich gibt es für jeden Geldbeutel etwas“, erklärt Ina Egger, und die Verkäuferin meint das in keiner Weise schlüpfrig. Kunden erzählt sie geschäftstüchtig von einem Fehler, den sie selbst gemacht hat: „Ich wollte mir am Anfang Geld sparen, und jetzt habe ich zu Hause eine große Spielzeuglade.“ Daher ihr Tipp: „Gleich zu hochwertigen Produkten greifen.“ In der Werbung eines Drogeriemarktes heißt es ja: „Weil ich es mir wert bin.“

Die Hersteller kommen heute nicht ausschließlich aus Fernost. Ihr Angebot wird langsam unübersichtlich: So gibt es heute Dildos nicht nur in realistischen Ausformungen, sondern auch in Sternzeichen- oder in Delfin-Form. Auch Allergiker müssen sich nicht enthalten, erklärt Ina Egger. „Sexspielzeug wird heute fast strenger kontrolliert als Kinderspielzeug.“

Am Ende sogar Seelenfrieden für alle Veganer: Für sie gibt es veganes Bio-Gleitgel.