Im Jugendalter schließen wir die meisten Freundschaften. Nur wenige halten ein Leben lang

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Leben
07/30/2019

Sechs Arten von Freundschaft, die jeder kennt

Zum Tag der Freundschaft: Eine (unvollständige) Typologie von Dreiecksbeziehung bis Sandkastenfreund.

von Julia Pfligl

Eigentlich hatten die Vereinten Nationen einen politischen Hintergedanken, als sie 2012 den  Internationalen Tag der Freundschaft (International day of friendship) ausriefen. Der 30. Juli  soll  daran erinnern, wie wichtig der internationale Austausch der Völker, die Beziehung zwischen Ländern und Kulturen für den Weltfrieden ist.

Weil dieser aber im Kleinen beginnt, wird Jahr für Jahr auch die Bedeutung von zwischenmenschlicher Freundschaft gepriesen. Ein Freund alleine kann nicht alle Bedürfnisse abdecken, deshalb brauchen wir mehrere. Als ideal habe sich die Zahl sieben  erwiesen,   sagt die Linzer Psychologin Christa Schirl: „Es gibt Freunde, mit denen kann man wunderbar reden, andere putzen die Wohnung, wenn man krank ist. Mit manchen kann man super spielen, aber keine großen Probleme besprechen.“

Der gemeinsame Nenner? „Eine Freundschaft wird durch das Gefühl der Zugehörigkeit definiert und dass man auf einander Bezug nimmt.“
Zumindest für einen gewissen Zeitraum. Denn nur die wenigsten Freundschaften halten ein Leben lang, laut Studien endet alle zehn Jahre eine Freundschaft, ohne dass eine neue beginnt. „Freundschaft ist wie eine Pflanze, pflegt man sie nicht, verwelkt sie“, sagt Schirl. „Man muss auch bereit sein, etwas zu investieren.“

Warum Frauen besser darin sind, eine Freundschaft  zu erhalten, welche Konstellationen das größte Konfliktpotenzial bergen und warum ein Facebook-Freund juristisch gesehen gar keiner ist, lesen Sie in dieser – unvollständigen – Typologie der Freundschaften.

Die Männer-Freundschaft

Barney Stinson prägte den Begriff „Bromance“ in der Kult-Sitcom „How I Met Your Mother“, Barack Obama und sein Stellvertreter Joe Biden lebten sie vor. Doch die innige Freundschaft zwischen zwei Männern  gilt als Mythos, schließlich geben in Umfragen nur zehn Prozent der Männer an, einen besten Freund zu haben.

Tatsächlich agieren die Geschlechter in Freundschaften unterschiedlich, stellten Forscher der  Oxford University fest und bestätigten das ein oder andere Klischee: Frauen genügen demnach regelmäßige Telefonate, um Distanzen zu überwinden, Männer brauchen gemeinsame Aktivitäten, um eine Freundschaft aufrecht zu erhalten – Sporteln, Fußballschauen, Bier trinken. Psychologen sprechen von  „Side-by-Side-Freundschaften“.

Von der Antike bis ins 18. Jahrhundert galt die Freundschaft als eine reine Männerangelegenheit, im Zuge der Frauenbewegung mussten Männer ihre Rollen neu definieren. Vieles deutet darauf hin, dass Männerfreundschaften à la Barney Stinson  heute zunehmend an Bedeutung gewinnen. Laut einer Studie, veröffentlicht im US-Magazin Men and Masculinities, schlägt die „Bromance“ bei jungen Männern sogar die „Romance“: Eine Männerfreundschaft sei emotional erfüllender als eine Liebesbeziehung mit einer Frau.

Die Kindergarten-Freundschaft

Auch Sandkasten-Freundschaft genannt und in Zeiten von häufig wechselnden Wohnsitzen und Arbeitsplätzen vom Aussterben bedroht. Doch auch wenn man einander seit Jahrzehnten nicht gesehen hat (Passfotos im Freundschaftsbuch ausgenommen) – auf eine gewisse Art und Weise bleibt man dem Kindergarten-Freund ein Leben lang verbunden.

Und das, obwohl man zum Zeitpunkt der Freundschaftsentstehung noch nicht einmal fähig war, ganze Sätze zu sprechen. Entwicklungspsychologen zufolge ist das gar nicht nötig: Forschungen haben gezeigt,  dass bereits zwölf bis achtzehn Monate alte Kinder spezielle Kinder auswählen und sie gegenüber anderen bevorzugen. Im Kindergartenalter wird der als Freund gesehen, mit dem man beim Spielen die meiste Zeit verbringt: Für Dreijährige reichen fünf Spielminuten, um den anderen als Freund zu definieren.

Die Dreiecksfreundschaft

Eifersucht ist ein Phänomen, das nicht nur in exklusiven Paarbeziehungen auftritt, sondern auch in Freundschaften: Die amikale Ménage-à-trois gilt daher als  Freundschaftskonstellation mit hohem Konfliktpotenzial (komplizierter ist nur die Freundschaft zwischen Mann und Frau, siehe rechts). Einer fühlt sich immer ausgeschlossen, sei es bei der Platzwahl im Auto, bei der Frage, wer im Hotelzimmer im Einzelbett schläft oder am Ende einer Diskussion, die zwei zu eins endet.

Die heikle Phase betrifft vor allem den Beginn der Freundschaft. Doch sind die Rollen in der platonischen Dreiecksbeziehung erst einmal geklärt und das Vertrauen zwischen allen hergestellt, birgt die Konstellation auch Vorteile. Ein Urlaub unter Freunden macht zu dritt in der Regel mehr Spaß als zu zweit – auch, wenn es bedeutet, dass einer auf der Rückbank sitzen muss.

Freundschaft plus

Als „Harry und Sally“ in die Kinos kam, waren die meisten Millennials noch nicht geboren. Im Komödienklassiker von 1989 behauptet Harry, dass  eine rein platonische Freundschaft zwischen Mann und Frau nicht möglich sei, weil früher oder später der Sex dazwischen komme (heute bekannt als „Harry-und-Sally-Syndrom“).

Millennials versuchen erst gar nicht, eine etwaige körperliche Anziehung zu unterdrücken. Das relativ junge Modell „Freundschaft plus“, englisch „Friends with benefits“, definiert sich dadurch, dass zwei Freunde miteinander nicht nur  ins Kino, sondern auch ins Bett gehen. Oberstes Gebot: Reden, reden, reden, Grenzen abstecken. Alles schön unverbindlich, Verlieben verboten. Man will schließlich nicht die Freundschaft gefährden.

Was verlockend klingt, erweist sich in der Praxis häufig als kompliziert. Vielleicht hatte Harry ja doch recht.

Die Facebook-Freundschaft

Vor 15 Jahren hielt ein neuer Freundschaftstypus Einzug in unser Leben. Plötzlich waren wir alle „Freunde“, verbunden über das Netzwerk mit dem blauen Logo. Seitdem liken und  kommentieren wir und schreiben einander Geburtstagsgrüße auf die Pinnwand, auf die wir ohne Erinnerung sicher vergessen hätten.  
Bei durchschnittlich 338 Facebook-Freunden kann es schon mal vorkommen, dass man den ein oder anderen im analogen Leben gar nicht erkennt. Sehr wohl aber weiß, wo er auf Urlaub war, welche Partei er wählt und wie seine Katze heißt. 

Die Frage nach der Wertigkeit einer Facebook-Freundschaft beschäftigte vor einem Jahr sogar ein Gericht in Florida. Ein Anwalt wollte eine Richterin für befangen erklären lassen, weil sie mit dem gegnerischen Anwalt auf Facebook befreundet war. Der Supreme Court sah das anders: Auf Facebook stelle die Bezeichnung „Freund“ nur einen Kunstbegriff dar.

Dieser Meinung ist im Übrigen auch jener Herr, der uns die Sache mit der Online-Freundschaft überhaupt erst eingebrockt hat. „Facebook hilft, mit Leuten in Kontakt zu bleiben, die wir auch im echten Leben kennen“, fasste es Facebook-Gründer Mark Zuckerberg einmal zusammen. „Wer glaubt, dass jeder Facebook-Kontakt ein Freund ist, der weiß nicht, was Freundschaft bedeutet.“

 

Die Zweck-Freundschaft

Nicht jede Freundschaft beginnt durch eine schicksalhafte Fügung. Mit zunehmendem Alter lernt man die Vorzüge der Zweck-Freundschaften zu schätzen: Man sieht einander regelmäßig in der Uni-Lerngruppe, in der Schule der Kinder oder auf dem Golfplatz. Aus gegenseitiger Sympathie wird ein reger privater Austausch,  der meist nicht für immer hält.

„Das Ende der Kindergarten- oder Volksschulzeit kann für die Eltern trauriger sein als für die Kinder, weil sie die regelmäßigen Treffen vermissen“, beobachtet die Psychologin Christa Schirl. Manche Mütter würden den Kontakt weiter pflegen, obwohl sich ihre Töchter längst weiterentwickelt haben und nicht mehr befreundet sind. Woran man merkt, dass jemand ein echter Freund und nicht bloß ein guter Kollege oder Golfpartner ist? „Auf der persönlichen Ebene ist niemand ersetzbar, auf der funktionalen Ebene schon.“