Unbekannte Schöne: Wieso man Metz kennen sollte
Goldleuchtend wie die Provence, geschichtsträchtig wie Paris und sokulinarisch raffiniert wie die Champagne. Selten treffen so viel Glanz, Grandeur und Geschichte aufeinander wie in der nordfranzösischen Stadt Metz.
Es gibt französische Städte, über die man so viel hört, liest und sieht, dass man meint, durch ihre Rues und Arrondissements geschlendert zu sein, lange bevor man sie tatsächlich besucht hat: das romantische Paris, das exklusive St. Tropez, das mediterrane Marseille.
Und dann gibt es Städte wie Metz. Keineswegs unbedeutend – immerhin war sie einst die Hochburg der Merowinger, stand immer wieder im Spannungsfeld zwischen französischer und deutscher Herrschaft und lockt heute mit süßem Genuss.
Eindrucksvoll erhebt sich die Katherale in der Altstadt.
©Getty Images/Joaquin Ossorio-Castillo/istockphotoDeutlich weniger präsent als zu ihrer Blütezeit im Mittelalter ist sie irgendwie aus dem kollektiven Wissensschatz gerutscht. Und obwohl, oder vielleicht weil, man sie gänzlich ohne Erwartungen betritt, lässt sie einen so schnell nicht mehr los.
Goldener Schein
Wer von Osten kommend dem Boulevard Paixhans zum Moselufer folgt und flussabwärts bis zur Pont Moyen spaziert, wird zweifellos innehalten: Eindrucksvoll stechen vor einem die Türme der evangelischen Stadtkirche Temple Neuf in die Höhe. Das allein ist schon markant, doch tun sie das noch dazu an dem niedlichen Südzipfel der Île du Petit-Saulcy, der „kleinen Weideninsel“. Dazu taucht die späte Nachmittagssonne die umliegenden Sandsteinbauten in warmes Licht, so dass man sich nicht länger am nordöstlichen Ende Frankreichs, sondern tief im mediterranen Süden wähnt.
Die Häuserfarbe erinnert an den mediterranen Süden.
©mauritius images / Volker Preusser/Volker Preusser/mauritius imagesDer Effekt ist dem Jaumont-Stein geschuldet, der seit Jahrhunderten in der Region abgebaut wird. Er erinnert mit seiner Farbe an knuspriges Baguette; die Einheimischen nennen ihn „flüssiges Sonnenlicht“, weil er selbst an grauen Wintertagen warm strahlt. An kaum einem Gebäude zeigt sich das so intensiv wie an der Fassade der Cathédrale Saint-Étienne, die nur ein paar hundert Meter von der Weideninsel entfernt liegt.
Die Laterne Gottes
Besucher dieser Kathedrale sehen besonders gern aus dem Fenster. Nicht, weil sie wieder hinaus möchten, sondern weil die Fenster mit 6.500 Quadratmetern überwältigend groß sind. Und so wird die Kathedrale von den Metzern, die Spitznamen schätzen, liebevoll „Laterne Gottes“ genannt. Die Szene aus dem Alten Testament im nördlichen Querschiff wurde übrigens von niemand Geringerem als Marc Chagall gestaltet.
Der Künstler, in einem vermeintlichen Widerspruch zum so berühmten französischen Savoir-vivre, erfährt man später, ernährte sich übrigens asketisch von Brot mit Butter. Aber natürlich: Wenn jemand Brot und Butter zelebrieren kann, sind es die Franzosen, die mit scheinbar einfachen Produkten wie Käse und Weintrauben die Genussknospen berauschen.
Zeit, das auszuprobieren. Von der Kathedrale geht es die Rue des Armes entlang, bis sie zur En Fournirue wird und linker Hand ein kurioses Schild die Aufmerksamkeit auf sich zieht. „Willkommen im Village Taison“, steht in verschnörkelten Lettern und erinnert damit an eine mystische Vergangenheit.
Der Graoully geht um
Einst soll der Drache Graoully in den Ruinen des römischen Amphitheaters sein Unwesen getrieben haben. Seine Augen, schrieb Weltpriester und Dichter François Rabelais, sollen größer als sein Buch, sein Kopf größer als sein Körper und sein riesiges Maul voll spitzer Zähne sein. Einzig Saint Clément wagte sich, ihm entgegenzustellen. Er legte dem Tier seine Stola um den Hals und führte Graoully an die Seille (die Metz als zweiter Fluss durchzieht), wo er schließlich vom Erdboden verschluckt wurde. Gerettet!
Noch bis ins 19. Jahrhundert wurde eine Statue des Drachen durch die Straßen getragen und von Kindern ausgepeitscht. Heute erinnert die Rue Taisons an den alten Warnspruch: „Taisons, taisons nous, Graoully passe! Still, seid still, der Grauli geht um!“
Die Rue Taison erinnert an die alte Legende.
©mauritius images / Hanna Wagner/Hanna Wagner/mauritius imagesEtwas weiter hinten in der Nummer 21 dieser Gasse, locken kleine Tischchen und der Duft angebratener Zwiebeln. Im „Les Pas Sages“ kommt das Angebot nicht schwarz auf weißer Karte, sondern in weißer Kreide auf schwarzer Schiefertafel. Der Camembert wird zur Vorspeise mit scharfer Chorizo serviert, die Entenbrust mit Foie-Gras-Sauce und dazu perlt der Crémant so fein, dass man bis zur Sperrstunde sitzen bleibt.
Süße Früchtchen
Am nächsten Morgen wärmt die Sonne den Frühstückstisch. Als Österreicher ist das hauptsächlich süße Frühstück ungewohnt, aber die Croissants sind so buttrig, die Schüssel Café au Lait so ausgiebig und die Tarte so saftig, dass man sich schnell überzeugen lässt. Welche Frucht das ist? Die Kellnerin lächelt. „Mirabellen, bien sûr.“ An den kleinen gelben Pflaumen führt in Metz kein Weg vorbei. 70 Prozent der weltweiten Mirabellenproduktion kommt aus dem umliegenden Lothringen; im Frühling verwandeln Obstgärten die Region in ein weißes Blütenmeer.
Im August wird die Mirabelle mit einem Festival gefeiert.
©Getty Images/travelview/istockphotoAm Marché Couvert in der Altstadt gibt es am Stand der „Distillerie de Mélanie“ dann nicht nur Mirabellen-Konfitüre und getrocknete Mirabellen, sondern auch Mirabellenbonbons, Mirabellenbrand oder auch Mirabellenlikör zu erstehen.
Leben für den Obstgarten
Mélanie Bigeard-Demange war ursprünglich Vermessungstechnikerin, doch das Lernen lag ihr nicht. Stattdessen begann sie in Marieulles-Vezon, südlich von Metz, bei Pierre Maucourt zu arbeiten. Zunächst im Obstgarten, dann im Büro. Und als Pierre Maucourt 2005 den Obstgarten verkaufen wollte, gab sie sich einen Ruck: Warum eigentlich nicht?“ Heute verarbeitet ihre Familie Dutzende Tonnen Obst im Jahr und Mélanie selbst ist in der Region als „Königin der Mirabellen“ bekannt.
Die Mirabellen haben Lust auf Natur gemacht. Das E-Bike im Stadtzentrum ausgeborgt, ist die dichte Altstadt bald zurückgelassen. Auf dem Radweg neben dem Fluss knirscht der Kies unter den Reifen, die Sonne glänzt auf der Mosel und ringsum leuchtet die weiße Mirabellenblüte zwischen sanften Weingärten.
Einige von ihnen gehören der Domaine Schreiber-Oury, einem kleinen Familienweingut, das mehr als 70 Restaurants in der Umgebung beliefert. Die Moselle AOC ist Frankreichs nördlichste Weinbauregion. Mit ihrem Geburtsjahr 2011 ist sie die jüngste und mit nur 185 Hektar Rebfläche auch eine der kleinsten Regionen.
Doch wie schon bei Metz selbst, sollte man sich auch beim Wein nicht von Größe oder Bekanntheit leiten lassen. Denn die rauchige Note der Schieferböden, die Opulenz der Trauben und die fruchtigen Elemente sind so faszinierend, dass es einmal mehr das anfangs Unbekannte ist, das man so schnell nicht mehr vergisst.
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