Eine belebte Straße in Taiwan mit vielen Menschen, Rollern und bunten Schildern

Auf der Highspeed-Insel: Warum Taiwan ständig in Bewegung ist

Metro, Nachtmärkte, Seen, Windfelsen und Laternen im Himmel – wer die Insel erkunden will, tut dies am besten in Zügen, Gondeln und auf Rädern – oder gleich laufend.

Kurz nach sechs Uhr morgens schiebt sich ein Läuferfeld durch die Straßen von Taipeh, vorbei an 24-Stunden-Supermärkten und den ersten Garküchen. Zwischen Hochhäusern tauchen Tempeldächer auf, Mopeds knattern an den Läufern vorbei. Keine Stunde später ist der Puls hoch, der Kopf frei – und der „EVA Air Marathon“ (zumindest die Zehn-Kilometer-Variante) absolviert.

Eine Gruppe von Läufern in grünen EVA Air T-Shirts nimmt an einem Marathon teil.

Mitten durch die Hauptstadt: Der „EVA Air- Marathon“ lockte Tausende Menschen an.

©Florian Keindl

Wer Taiwan kennenlernen will, tut das am besten in Bewegung: laufend, radelnd, in Gondeln und Zügen. Die Tour beginnt in der Hauptstadt und führt in wenigen Tagen von Taipeh über die alte Hafenstadt Tainan über den Bergsee Sun-Moon-Lake bis an die Nordküste. Dank der hervorragenden Infrastruktur ist jede Reise ein Katzensprung.

Das blaue Dorf

Mit dem Hochgeschwindigkeitszug geht es in weniger als zwei Stunden nach Süden. Die vorbeiziehenden Reisfelder bieten einen scharfen Kontrast zum hektischen Leben in Taipeh, der sauberen, lebhaften Metropole eines Landes, das aufgrund seiner Hightech-Forschung – insbesondere in der Chip-Technologie – sehr wohlhabend ist. Dieser technische Vorsprung ist die strategische Lebensversicherung Taiwans gegenüber China, das die Insel als sein Gebiet beansprucht.

In Tainan selbst rufen nur die regelmäßigen Kampfjet-Überflüge den schwelenden Konflikt in Erinnerung. Ansonsten wirkt die Stadt gelassen, ohne je verschlafen zu sein. Vor Teehäusern dösen Hunde, Roller und Fahrräder teilen sich die enge Fahrbahn, der Duft von Räucherstäbchen hängt in der Luft. Wenige Gassen weiter beginnt das „Blueprint Cultural Village“, in dem alte Lagerhäuser zu Ateliers und Cafés geworden sind. In einer Werkstatt lernen Besucher, Stoffe mit Indigo blau zu färben. Die Hände werden dunkel, während die Tücher im Farbbad versinken und wieder ans Licht geholt werden – ein praktisches Stück Kulturgeschichte.

Grüne Dächer eines asiatischen Tempels erstrecken sich vor einer bergigen Landschaft.

Die prächtigen Tempelanlagen Taiwans sind stets eine Reise wert.

©Florian Keindl

Diese wird dem Besucher auch in puncto Tempelanlagen bewusst: Buddhistische, taoistische und Volksglauben-Elemente fließen ineinander, Kirchen und neue Bewegungen stehen gleichberechtigt daneben. Nach so viel Geschichte geht es in die Berge. Der Sun-Moon-Lake liegt auf rund 750 Metern Seehöhe, umgeben von bewaldeten Hängen. Unten am Ufer reihen sich Fahrradverleihe aneinander, viele Hotels haben eigene Fahrräder. Der Rundweg um den See hat moderate Steigungen, E-Bikes nehmen den Ehrgeiz aus der Rechnung.

Tee ist mehr als ein Getränk

Der Weg führt über Holzstege und kleine Brücken, vorbei an Tempeln und Pensionen. Immer wieder öffnen sich Ausblicke auf das Wasser, Fähren ziehen ihre Spur zwischen den Uferorten. Ein paar Hundert Höhenmeter weiter oben schwebt eine Gondel über den See hinweg Richtung Bergstation. Dort wartet das „Formosan Aboriginal Culture Village“, eine Mischung aus Themenpark und Freilichtmuseum. Tanzshows, kleine Museen und Stände mit Handwerkskunst geben einen kompakten Einblick in die Kultur der indigenen Minderheiten, die lange an den Rand gedrängt wurden.

Eine Seilbahn mit bunten Gondeln schwebt über einen grünen, bewaldeten Berghang.

Mit Gondeln geht es zum „Formosan Aboriginal Culture Village“

©Florian Keindl

Unweit des Sees liegt eine Teefarm, auf der Besucher sehen, wie aus verschiedensten Arten von Teeblättern ein Getränk wird, das für viele Taiwaner weit mehr ist als ein Durstlöscher. Zwischen den Reihen der Teesträucher ist die Luft kühl und feucht, der Lärm der Städte weit weg. Tee, sagt der Farmer, sei ein Stück Identität – und vielleicht versteht man in diesem Moment besser, warum Taiwan so hartnäckig seinen eigenen Weg zwischen Tradition und Hightech, zwischen China und den USA sucht.

Zurück in Taipeh führt der Weg fast zwangsläufig zum Chiang-Kai-shek-Memorial.

Der riesige Platz mit dem weißen Tor, der Halle und den Palastdächern ist fotogen – und politisch aufgeladen. Für die einen ist Chiang Kai-shek der Mann, der Taiwan vor dem Kommunismus bewahrt hat, für andere ein Autokrat mit blutiger Bilanz. Dass hier heute Konzerte, Skateboard-Treffs und Demonstrationen stattfinden, passt gut zur Gegenwart dieses Landes.

Nur ein paar Metrostationen weiter liegt eine andere Bühne Taipehs: die Nachtmärkte. Stände mit Oktopus-Spießen, Suppen, Dumplings und Bubble Tea. Es ist laut, eng, bunt – und der richtige Ort, um zu verstehen, warum viele nach einer Taiwan-Reise zuerst vom Essen schwärmen.

Die steinerne Königin

Am letzten Tag geht es noch einmal hinaus aus der Stadt. An der Nordküste hat Wind und Meer einen Felsen geformt, der an den Kopf einer Königin erinnert.

Der „Queen’s Head“ steht auf einem schmalen Hals, jedes Jahr ein wenig schmaler. Später, in Jiufen, einer kleinen Stadt im Hinterland, wechseln wir vom Meer in den Himmel. Entlang einer Bahnlinie verkaufen Stände bunte Papierballons, auf die Touristen ihre Wünsche schreiben: Gesundheit, Liebe, ein neuer Job, Frieden für Taiwan. Dann wird eine Kerze im Inneren entzündet, die Laterne füllt sich mit heißer Luft, löst sich aus den Händen und steigt in die Dunkelheit. Gemeinsam mit Dutzenden weiteren Laternen.

Es ist einer dieser Momente, in denen klar wird, was viele an Taiwan schätzen: die Mischung aus Pragmatismus und Romantik, aus Alltag und großen Träumen.

Am Ende dieser Reise denkt man zurück an den Startschuss in Taipeh.

Info

Anreise
Mit Eva Air direkt von Wien (drei Mal wöchentlich) oder über Bangkok (vier Mal wöchentlich) nach Taipeh. CO2-Kompensation: 110 €.

Österreicher reisen visafrei bis zu 90 Tage nach Taiwan ein. Neu ist: Eine „Taiwan Arrival Card“ (TWAC) ist online gratis innerhalb von drei Tagen vor Ankunft auszufüllen.

Unterkünfte
- Taipeh: Palais de Cine-Hotel
- Tainan: Silks Place Tainan
- Sun-Moon-Lake: Fleur de Cine

Attraktionen
Neben Tempelbesuchen, Kulinarik und einer breiten sportlichen Freizeitgestaltung empfiehlt sich etwa das „Drum Cultural Village“ in Tainan – eine ehemalige Zuckerfabrik, die zu
einem Erlebnispark umgebaut wurde. Wer gerne stilvoll einkaufen geht, ist mit dem Einkaufszentrum „Taipeh 101“ bestens beraten. Die Aussicht von dort ist atemberaubend.

An den Rhythmus der Schritte, das Pochen in den Schläfen, das Gefühl, eine fremde Stadt mit jedem Kilometer ein bisschen besser zu begreifen. Taiwan erschließt sich nicht im Liegestuhl am Pool, sondern auf der Straße, im Zug, auf dem Fahrradsattel, in der Gondel. Die Insel ist ständig unterwegs – politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich. Wer mit ihr Schritt hält, nimmt mehr mit nach Hause als Fotos und Souvenirs.

Armin Arbeiter

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