Weitwinkel Foto der Piazza del Campo in Siena
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Urlaub in Siena: Warum sich ein Trip besonders im Juni lohnt

In dieser Stadt ändern sich Prioritäten. Man kommt wegen des Doms, des Campo oder der Toskana-Klischees – und bleibt an ganz anderem hängen.

Von Nicola Afchar-Negad

Noch einmal zählen: 15, 16, 17! Tatsächlich. Es sind 17. Immer wieder diese Zahl, als würde sie einen in Siena verfolgen. Auch hier, vor der "Grotta Santa Caterina da Bagoga". Genau diese Anzahl an bunt bemalten Tellern hängt über dem Eingang des Restaurants, das ist kein Zufall – auch wenn viele Touristen, die hier für ein Foto posieren, das vermutlich nicht realisieren. Die Stadt, die ziemlich im Zentrum der Toskana, aber irgendwie am Rande der Moderne liegt, ist in 17 Viertel – die sogenannten Contraden – aufgeteilt. Klingt nach "Na und?", aber in Siena bedeutet dieses Detail alles.

Die Aufteilung stammt aus einer Zeit, als Siena zu den reichsten Städten Europas gehörte – reich genug, um 1472 die älteste noch bestehende Bank der Welt zu gründen – und mit Florenz um Einfluss zu konkurrieren. Die Viertel organisierten damals das Zusammenleben. Und anders als anderswo blieb man Gewohnheiten treu.

Zoo der Wappentiere

Wer durch Siena läuft, merkt irgendwann: Die Stadt ist nicht nur in Straßen aufgeteilt, sondern in Zugehörigkeiten. Zuerst wirken die Tiere an Fassaden und Brunnen wie Dekoration. Da eine Gans, dort eine Schildkröte, und ist das da drüben am Brunnen ein Einhorn? Dann fällt auf, dass sich Farben ändern, sobald man ein paar Gassen weitergeht. Irgendwann erklärt jemand beiläufig: Hier beginnt die Giraffe.

The flags of the Contrades of the Palio of Siena all around the city

Spätestens ab Juni tauchen die Flaggen der einzelnen Viertel überall auf

©Getty Images/iStockphoto/Fab38/istockphoto

Spätestens jetzt wird man nachfragen, was es mit diesem Zoo auf sich hat. Jede Contrada hat ihr eigenes Wappentier oder -symbol, sie sind schlichtweg überall – und vor allem in den Herzen der Menschen, die sich in erster Linie als Contradaioli und erst in zweiter Linie als Sienesen sehen. Das mag einem aus österreichischen Städten bekannt vorkommen, in der vielleicht gotischsten Stadt Italiens erreicht es aber ganz eigene Stolz-Sphären. Während Florenz wie die Stadt der Renaissance wirkt – offen, repräsentativ, gebaut für große Namen und große Auftritte –, hat Siena das Mittelalter, seine eigene Blütezeit, konserviert. Man konzentriert sich mehr auf die Wirkung nach innen.

Man hatte Großes vor

So groß Siena einst dachte, so klein wirkt die Stadt heute oft. Gerade einmal gut 50.000 Einwohner leben hier – nur minimal mehr als etwa in Dornbirn. Und obwohl die Stadt zu ihren Glanzzeiten zu den reichsten Europas gehörte, gibt es innerhalb der Altstadt bis heute nur ein einziges Luxus-Hotel: das Grand Hotel Continental Siena. Im März 2027 gesellt sich mit dem Palazzo Sozzini Malavolti (Emblems Collection) ein zweites hinzu. Umso überraschender die Dimension der Piazza del Campo, die wie eine Schüssel im Zentrum liegt, in die sich das Leben aus den abschüssig verlaufenden Gassen ergießt.

Piazza del Campo, Siena - Birds Eye View

Der Piazza del Campo von oben

©Getty Images/Aerial_Views/istockphoto

Alle Wege führen zum Hauptplatz, der Campo ist größer als der Markusplatz in Venedig, er zeugt von einer Zeit, in der man eine Finanzmacht war und Großes vor hatte. Rund um ihn gesellen sich der gotische Palazzo Pubblico mit dem Torre del Mangia (Aussichtspunkt!) und schmale Backsteinpalazzi aus Sienas Glanzzeit – der Dom dagegen thront ein Stück weiter oben und bildet bis heute sein eigenes Zentrum.

The interior of Siena Cathedral, Tuscany, Italy

Wer im Dom nach oben blickt, sieht Sterne – und ab Ende Juni auch wieder die berühmten Marmorbilder am Boden

©Getty Images/kamisoka/istockphoto

Wer von Ende Juni bis Mitte November kommt, sollte im Inneren nicht nur nach oben schauen: Dann wird der berühmte Marmorboden freigelegt – ein riesiges Kunstwerk aus mehr als 50 Marmorbildern, das den Rest des Jahres von Abdeckungen geschützt ist. Noch spektakulärer wird das Ganze bei der Tour Porta del Cielo: Durch sonst verschlossene Gänge steigt man hinauf in die Dachzone des Doms und blickt von oben auf Kirchenschiff, Marmorboden und die Dächer Sienas. Noch exklusiver: Gäste des Relais-&-Châteaux-Hauses Borgo San Felice können auf der Terrasse des historischen Stadtturms Rocca Bruna privat zu Abend essen – direkt über dem Campo.

Man kann natürlich noch deutlich mehr planen, aber wer im Juni durch die von ocker-, sand- und zimtfarbenen Backsteinhäuser gesäumten Gassen streift, wird meist von ganz anderem abgelenkt: von einer sich langsam aufheizenden Stimmung in einer Kleinstadt, die auf einen kollektiven Ausnahmezustand hintaumelt – dem Palio di Siena.

Eine Stadt dreht durch

Zweimal im Jahr – am 2. Juli und am 16. August – finden Pferderennen statt, konkret drei Runden um den Campo. So der nüchterne Fakt. Aber "il Palio" ist nicht einfach irgendein circa 90-Sekunden-Rennen, ein Ereignis von vielen, no no, es ist das Lebenselixier der Sienesen, wenn nicht sogar das Leben an sich. Es geht um Tradition, um Rivalität, Ehre und um Zugehörigkeit – eigentlich um alles.

Und das in seiner jetzigen Form seit 1633; die Ursprünge reichen sogar deutlich weiter zurück. Grauhaarige Männer liegen sich weinend in den Armen, diskutieren mit einer Emotionalität, als ginge es um Haus und Hof, Kinder tragen die Tücher in den Farben ihrer Contrada, Trommeln und Schlachtgesänge hallen durch die engen Gassen und irgendwann tauchen die Farben der Contraden sogar in den Auslagen der Pasticcerien auf.

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Der 90-Sekunden-Wahnsinn: Palio di Siena – im Juli und August geht’s wieder um die Ehre

©mauritius images / imageBROKER / Kim Petersen/imageBROKER / Kim Petersen/mauritius images

Die Lieder werden schon Anfang Juni zum Soundtrack der Stadt, kurz nachdem ausgelost wurde, welche Contraden am Juli-Palio teilnehmen. Nur zehn Pferde und ihre Jockeys, die ohne Sattel reiten, werden über die mit Erde aufgeschüttete Bahn rasen, gefährlich enge Kurven schlagen, angepeitscht von tausenden Stimmen, auf den Balkonen der Häuser ringsum oder im Inneren der Kreisbahn – stundenlang, dicht gedrängt und mit etwas Pech, ohne am Ende viel zu sehen. Zurück bleibt teils vor allem verbrannte Erde – und ein Loch in der Geldtasche, zumindest wenn es als Beobachter die Balkon-Variante sein soll.

Zwischen Stadt und Stamm

Wer nur das Rennen sieht, versteht den Palio nicht – so heißt es. Im Juni fährt die Stadt konstant hoch, alles verdichtet sich. Nirgendwo merkt man das stärker als zu späterer Stunde in den Contraden, wenn sich hunderte, teils sogar mehr als tausend Bewohner an langen Holztischen treffen und die Nächte immer länger werden. Hier kochen Ärzte und Büroangestellte Seite an Seite für das gesamte Viertel, es wird Parmesan gehobelt und Risotto gerührt – im ganz großen Stil. Gemeinsam stößt man auf sein Viertel an und hofft das Beste für "il Palio".

3 Kuriose Fakten

Wussten Sie, dass …

  • …  es mit "Terra di Siena" einen eigenen Stadt-Farbton gibt? Ein warmes Ocker bis Rotbraun. 
  • … die Pferde des Palio in den Kirchen der Contraden gesegnet werden?  
  • ... eine Contrada das Rennen auch gewinnen kann, wenn der Jockey runterfällt? Gewertet wird das Pferd.

Diese Abende heißen Cene di Contrada, ihr Höhepunkt: die Cena della Prova Generale (Generalprobe) am Abend bevor das Absperrseil in den Staub fällt und die zehn Pferde dahin preschen. Auch wenn diese Zusammenkünfte unter den Lampions wie ein Mix aus Volksfest, Ritual und Familienfeier anmuten, man kann sich als Tourist mit etwas Glück dazu setzen, zudem bieten Hotels wie das "Castel Monastero" ganze Packages an – inklusive Rennen, Contrada-Dinner und Spa obendrauf.

So magisch diese ganz spezielle Zeit in Siena auch ist: der Palio an sich ist durchaus umstritten. Kurven wurden zwar ausgepolstert und Jockeys müssen sich schon seit den 2010er-Jahren einem Alkoholtest unterziehen, aber trotzdem: Immer wieder kommt es zu schweren Stürzen, nicht jeder findet das vielleicht archaischste Stadtfest der Welt gut. Mit dem "Bravìo delle Botti" gäbe es am 30. August eine Alternative in Montepulciano – da werden 80 kg-Weinfässer die Altstadt bergauf gerollt, auch hier eine Contrada-Konkurrenz. Der Unterschied: In Montepulciano feiert am Ende das ganze Dorf, in Siena nur eine Contrada. "Eh, siamo senesi" – so sind sie halt, die Sienesen: verbunden in ihrer Rivalität und daran gewöhnt, in Jahrhunderten zu denken.

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