Ein Saunameister schwingt in einer modernen Sauna mit Glasfront zwei weiße Handtücher vor einem Saunaofen.
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Sauna-Weltmeister in Südtirol: Seine Show sprengt alle Grenzen

Event-Aufgüsse sind der Renner in Südtiroler Wellness-Oasen. In Naturns entführt sogar der Sauna-Weltmeister das Publikum.

Die Uhr zeigt 16.58. Noch zwei Minuten. In der riesengroßen Sky-Sauna im fünften Stock des Fünf-Sterne-Hotels Lindenhof in Naturns im Vinschgau haben zwei Dutzend Gäste Platz genommen. Sie sitzen dicht gedrängt, Handtuch an Handtuch. Blicken erwartungsvoll. Machen ein Späßchen. Die Panorama-Scheiben der Schwitzkammer werden verdunkelt, eine Leinwand fährt herunter. Vor dem Saunaofen in der Mitte des Raumes stehen große Boxen und ein Beamer. Verschiedene Requisiten auf dem Boden warten auf ihren Einsatz.

Eine Person hält eine goldene Klangschale in den Händen und bereitet sich darauf vor, sie mit einem Holzklöppel anzuschlagen.

Klangschalen machen bummmmmmmmmmmmm.

©lindenhof pure luxury resort & spa

Vorhang auf für Batman! Punkt 17 Uhr betritt Claudio Massa die neunzig Grad heiße Sauna, im Batman-Kostüm und umhüllt von Trockeneis-Nebel. Zu „Star Sky“ von „Two Steps From Hell“ zeichnet er mit zwei Handtüchern eine Choreografie in die Luft, die großes Kino ist. Die weißen Tücher verteilen nicht nur den Aufguss-Duft bis in die letzte Ecke der Sauna. Nein, Claudio wirft die Stoffsegel in die Luft, fängt sie virtuos wieder auf. Die Gäste klatschen im Rhythmus mit, johlen, feuern ihn an. Inhalieren den Duft von Nelken und grüner Minze. Fühlen sich stark wie Batman. Was für ein Finale! Noch dreißig Sekunden, dann strömt das Publikum mit hochroten Köpfen nach draußen, den eiskalten Duschen entgegen.

Auch der Saunameister wischt sich den Schweiß von der Stirn. Tief durchatmen. Frische Luft in die Lungen lassen. Das Fledermaus-Kostüm ausziehen. Dreizehn Minuten lang hat Claudio seine Fans in eine andere Welt entführt. Für ihn selbst ist es Schwerstarbeit bei neunzig Grad. Aber er liebt den Job. Ein Job, von dem er nie gedacht hätte, dass er ihn einmal ausüben würde – weil er gar nicht wusste, dass es ihn gibt. Claudio wuchs in der Basilikata in Süditalien auf, ausgerechnet. „Will man dort im Sommer schwitzen, geht man einfach vor die Tür und stellt sich in die Sonne“, meint er mit einem Augenzwinkern. Eine Sauna besitze dort niemand. Und man zeige sich auch nicht nackig vor anderen. Erstmals in Kontakt mit der Wellnesskultur gekommen sei er in einem Spa-Hotel in Florenz. Doch da wusste er schon: Er will mit seiner Freundin noch weiter nach Norden, dorthin, wo Deutsch gesprochen wird. Am Goethe-Institut paukte er viele Stunden die schwierige Sprache. Heute erzählt er nahezu akzentfrei auf Deutsch mit Südtiroler Einschlag. Und schmunzelt darüber, dass es im Italienischen kein Wort für „Aufguss“ gibt.

Freizeit als Event

Auf der Holzbank sitzend, die Augen auf die eigenen Zehen gerichtet, stumm vor sich hin schwitzen – das war einmal. Freizeit wird heute als Event inszeniert. Heute braucht es dauernd Highlights, mit denen sich soziale Medien füttern lassen. Vor allem, wenn sich im Winterurlaub Frau Holle als Spielverderber geriert und mit der weißen Pracht geizt. Weil das in Südtirol häufig passiert, haben sich Tourismusmanager und Hoteliers auf Ersatz spezialisiert – siehe die Hütteneinkehr als kulinarisches Schaulaufen. Und ein Event-Aufguss verheißt Glück, Ekstase und Dopamin für zwanzig Minuten. Die Saunen sind nicht ohne Grund im Wortsinn aufgestiegen: vom Kellergeschoß aufs Dach der Hotels, in die beste Lage.

Im Lindenhof wartet der Spa-Bereich mit sieben Saunen auf 5.000 Quadratmetern auf, für Familien und Erwachsene. Es gibt intensive Hitzeaufgüsse mit viel Wasser und Eis für Erfahrene, wer Hitze nicht so gut verträgt, hält sich an die erfrischenden Aufgüsse, bei denen Menthol-Kristalle zum Einsatz kommen. Wie wäre es mit einer russischen Banja-Zeremonie, bei der man sich mit Birkenzweigen selbst „auspeitscht“ und so den Rücken massiert, was die Mikrozirkulation des Blutes anregt? Oder doch lieber ein Aufguss mit Salzen, Zucker, Peelings oder Fruchtextrakten?

Wer möchte, kann sich nach intensiver Einschulung auch als Aufguss-Meister beweisen. Einige Stammgäste hätten das schon ausprobiert, erzählt Seniorchef Joachim Nischler. „Mit den Sauna-Landschaften und -Events haben wir uns eine Alleinstellung erarbeitet“, sagt er. „Wir haben elf Monate im Jahr geöffnet. In der dunklen Jahreszeit ist der Wellness-Bereich die Wohlfühloase. Und wir sind froh, dass wir Claudio haben. Es ist unglaublich, wie emotional er Geschichten erzählen und spielen kann.“

Claudio und sein Team treten deshalb auch als Blues Brothers auf oder als Piraten der Karibik. „Das Programm wechselt häufig“, sagt Claudio, der zugleich Schauspieler, Videograph, DJ und Licht-Animateur ist. „Wir passen die Betreuungsrituale den Jahreszeiten an.“ Intuition allein reiche nicht, es bedürfe einer fundierten Ausbildung zum Aufguss-Meister. „Dabei geht es um Aromatherapie, Erste Hilfe und Physiologie. Aber man lernt auch die Basics der Handtuch-Choreografie und Wedeltechniken.“ Dennoch: „Bei 90 Grad arbeiten – das geht nur mit Passsione, nicht mit dem Kopf.“ Sagt Claudio und entschuldigt sich. Er muss den Honig-Aufguss für die Sky-Sauna vorbereiten.

Info

Anreise Je nachdem, wo man genau hinwill, kommt man über Innsbruck, Landeck  oder Lienz – und weiter mit Zug oder Bus – gut nach Südtirol. Bis Bozen 1 Umst./7 Std., oebb.at

Hotel Hotel im gehobenen Segment und für Familie geeignet. Naturns: Lindenhof, lindenhof.it, dolcevitahotels.com

Offizielle Auskunft suedtirol.info

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