Auf Abwegen zum Leuchtturm: Schottlands unterschätzte Ostküste
Fischerboote und Papageientaucher, Queen Mum und Schafe - am Weg zum nördlichsten Punkt des britischen Festlands gibt es viel zu sehen.
Die Reise beginnt ganz klassisch – mit einem Flug nach Edinburgh. Von Wien aus dauert er knapp zweieinhalb Stunden. Nach der Ankunft lässt sich die schottische Hauptstadt auch langsamer und abseits der bekannten Sehenswürdigkeiten entdecken. Statt sich gleich in die Menschenmengen auf der Royal Mile zu stürzen und den sanften Aufstieg zur Burg anzutreten, führt der Weg daher nach Leith.
Der ehemalige Hafenbezirk hat sich gewandelt. Wo einst Schiffe entladen wurden, prägen heute Restaurants, Cafés und moderne Wohnbauten das Bild. Auch die Royal Yacht Britannia liegt hier permanent vor Anker.
Mehr als 40 Jahre lang diente sie der britischen Königsfamilie als schwimmende Residenz und legte dabei über eine Million Seemeilen zurück. Beim Rundgang durch die Salons, Speiseräume und privaten Gemächer wird rasch deutlich, dass selbst auf dem Schiff der Queen viel Wert auf Zweckmäßigkeit gelegt wurde.
Wobei Zweckmäßigkeit hier im royalen Maßstab zu messen ist: So bemerkte Architekt Sir Hugh Casson, der eine zentrale Rolle bei der Innenraumgestaltung des Schiffes übernahm: „Die Grundidee war, den Eindruck eines Landhauses auf See zu vermitteln.“ Die Umsetzung muss ihm gelungen sein: Queen Elizabeth II. bezeichnete die Britannia als „den einzigen Ort, an dem ich wirklich entspannen kann.“
Hat man Edinburgh erkundet und fährt im Mietwagen Richtung Norden, verändert sich die Szenerie. Hinter grünen Hügeln tauchen Küstenorte auf, wo die Uhren definitiv langsamer ticken. Einer davon ist Pittenweem.
Der Ort schmiegt sich an die Küste, rotgedeckte Steinhäuser stehen dicht an dicht, und im Hafen schaukeln altgediente Fischerboote, die noch täglich hinaus aufs Meer fahren. Nostalgie pur. Zudem verwandelt sich der Ort Anfang August alljährlich in eine Kunstgalerie:
Während des unprätentiösen Pittenweem Arts Festival zeigen Kreative aus der Region ihre Werke an unterschiedlichsten Schauplätzen – nicht nur unter freiem Himmel, sondern auch in privaten Häusern, Gärten, Garagen oder Bootshäusern.
Gute alte Zeit: Das Fischerdorf Pittenweem an der Küste von Fife.
©Belinda FiebigerNicht weit entfernt starten vom Hafenstädtchen Anstruther Ausflugsboote zur heute unbewohnten Isle of May.
Während der Brutzeit (April bis Juli) bevölkern in dem Naturschutzgebiet Tausende Seevögel die Klippen der Insel. Papageitaucher setzen mit kleinen, silbrigen Fischbündeln im Schnabel zur Landung an, während sich Trottellummen und Tordalke auf Felsvorsprüngen drängen. Fast schon langweilig: der Anblick der Dreizehenmöwen. Die Wege führen nah an den Kolonien und Nestern vorbei, sodass sich das Treiben gut beobachten lässt. Die zweieinhalb Stunden Aufenthalt auf der Insel vergehen wie im Flug.
Angst vor der See darf man aber nicht haben: Wetter und Wellengang können schnell umschlagen, und die Bootsfahrt (bis zu 45 Minuten in eine Richtung) ist nicht gerade kurz.
Kleine Farbtupfer im rauen Küstenbild: Papageientaucher auf der Isle of May.
©Belinda FiebigerMit Dundee zeigt sich wiederum ein Beispiel, wie sich eine Industriestadt neu erfindet, indem sie in Kultur investiert. Symbol dafür ist das 2018 eröffnete V&A Dundee.
Das Victoria and Albert Museum gibt u.a. Einblick in die spannende Geschichte schottischen Designs – von Alltagsgegenständen bis zu zeitgenössischer Architektur. Dabei ist das Gebäude selbst bereits ein Ausstellungsstück: Der japanische Architekt Kengo Kuma entwarf es als Verbindung zwischen Stadt, Fluss und Landschaft; die Fassade soll an die Klippen der Ostküste erinnern.
Das V&A Dundee verbindet internationale Strahlkraft mit schottischer Identität.
©Belinda FiebigerNoch weiter im Norden wird die Küste zunehmend wilder. Kurz vor Aberdeen thront auf einem Felsen über der Nordsee Dunnottar Castle: Um eine der schönsten Burgruinen Schottlands zu erreichen, muss man zwar viele Stufen und einige Höhenmeter überwinden, aber es zahlt sich aus.
Hoch über der Meeresbrandung erzählt die Festung (Abenteuer-)Geschichten, die bis ins Mittelalter reichen. Die berühmteste stammt aus dem Jahr 1651, als eine kleine Garnison die Kronjuwelen und königlichen Insignien Schottlands hier vor Oliver Cromwells Truppen versteckte.
Hinter den zerfallenen Mauern von Dunnottar Castle verbirgt sich eine Geschichte von Kriegen und geheimen Missionen.
©Belinda FiebigerAuf einen weiteren wichtigen Teil schottischer Geschichte stößt man in Fraserburgh. Beim Rundgang durch das Museum of Scottish Lighthouses wird deutlich, unter welchen Bedingungen die Leuchtturmwärter einst ihren Dienst verrichteten – abgeschieden, dem Wind und den Stürmen der Nordsee ausgesetzt. Eine Führung auf Englisch gibt noch mehr Einblick – vorausgesetzt, man hat keine Probleme, den schottischen Akzent zu verstehen.
Driftet man anschließend ein wenig ins Landesinnere, macht Schottland thematisch ein neues Fass auf: Strathisla in Keith gilt als älteste durchgehend betriebene Whisky-Destillerie der Highlands.
Während einer Führung wird zwischen Maischebottichen und kupfernen Kesseln deutlich, wie viel Handwerk dahinter steckt. Bei einer Whisky-Verkostung kann man dann über die Unterschiede fachsimpeln: über die fruchtigen Noten, die Anklänge von Honig und die Einflüsse des Holzfasses.
Strathisla-Destillerie: Die charakteristischen Pagodendächer erinnern an die Zeit, als darunter das Malz für den Whisky getrocknet wurde – heute sind sie ein Symbol für schottische Whiskytradition.
©Belinda FiebigerJe weiter der Weg nach Norden führt, desto dünner wird die Besiedelung. An der Küste von Sutherland erhebt sich schließlich überraschend mächtig Dunrobin Castle. Mit seinen Türmen und spitzen Dächern erinnert es irgendwie zugleich an Neuschwanstein, Versailles und ein bisschen an Disney.
Sehenswert sind nicht nur die Innenräume. In den weitläufigen, direkt am Meer liegenden Gärten findet auch eine Greifvogelshow statt. Fliegen Adler, Falken oder Eulen knapp über die Köpfe hinweg, ist man unweigerlich von der Präzision ihrer Flugkünste beeindruckt. Eine Eigenschaft, die sie in der Wildnis zu exzellenten Jägern macht.
In Caithness an der äußersten Nordküste macht Castle of Mey, die einstige Sommerresidenz der Queen Mum, seine Aufwartung.
Die Mutter von Elizabeth II. entdeckte und kaufte das verfallene Anwesen 1952, restaurierte es und und besuchte es bis wenige Wochen vor ihrem Tod regelmäßig. Im Vergleich zu anderen königlichen Herbergen wirkt das Schloss persönlich. Beim Rundgang erfährt man dann auch, dass im Esszimmer weniger Staatsbankette, sondern gesellige Abende mit Freunden abgehalten wurden – und dass Queen Mum zwar ihren ersten Gin mit Dubonnet vor dem Mittagessen trank, aber ihre wahre Liebe dem Champagner galt.
Wenig später – nach malerischem Moor und grasbewachsenen Hügeln, auf denen Schafe dösen – endet das Land: Viele zieht es jetzt nach John O’Groats mit seinen Cafés, Souvenirläden und einem Richtungsweiser, der Entfernungen zu Orten auf der ganzen Welt zeigt.
Ursprünglicher und abgeschiedener liegt Dunnet Head, der tatsächlich nördlichste Punkt des britischen Festlands. Ab hier sieht man nur mehr das Meer und die rund 13 km entfernten Klippen der Orkney-Insel Hoy – ein Panorama, das nur mehr mit einer Handvoll Küsten-Wanderer oder Camper geteilt wird.
Am letzten Zipfel von Dunnet Head steht der 1831 erbaute Leuchtturm. In den angrenzenden Cottages lebten noch bis 1989 die Leuchtturmwärter mit ihren Familien. Seit 2017 können Touristen hier wohnen und einen Aufenthalt buchen. Es ist ein ganz eigenes Gefühl, wenn die Tagesbesucher vom nahegelegenen Aussichtspunkt verschwunden sind und man ganz alleine an diesem unwirklichen Ort ist.
Dunnet Head Lighthouse, erbaut 1831 von Robert Stevenson. Seine Familie errichtete über mehrere Generationen zahlreiche schottische Leuchttürme.
©Belinda FiebigerAbends richtet der Signalturm sein Licht immer noch über das Wasser; inzwischen automatisiert, ist dafür aber kein Wärter mehr notwendig. Stattdessen bleibt Zeit, um z. B. den Lebensmitteleinkauf im rund 25 Autominuten entfernten Thurso zu erledigen, heimzukehren, ein Feuer im alten Ofen anzufachen und darauf zu warten, dass das nach Zitrone und Thymian duftende Huhn im Backrohr fertig wird.
Macht man am Rückweg nach Edinburgh einen Umweg ins Landesinnere, erreicht man in den Highlands von Perthshire das Red Deer Centre. Auf einer geführten Safari rumpelt der Geländewagen durch krakelige Heide- und Hügellandschaft. Mit Glück (und Fernrohr in der Hand) sieht man Rothirsche. Manche stehen regungslos da, andere ziehen in Gruppen über die Hänge.
Ein wenig erinnert das an Schottlands scheuen Osten: Er drängt sich nicht auf – wer sich aber Zeit nimmt, ihn kennenzulernen, wird reich belohnt.
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