Passionsspiele Oberammergau: Die Welt ist nicht mehr zu retten

Passionsspiele Oberammergau: Die Welt ist nicht mehr zu retten
Christian Stückl inszenierte den Salzburger "Jedermann", jetzt entstaubte er die Traditionsspiele, die pandemiebedingt verschoben wurden.

Mit der denkwürdigen Aussage im Titel schafft Christian Stückl eine Verbindung zwischen dem Geschehen auf der Bühne und dem heutigen Weltgeschehen. Bereits zum vierten Mal inszeniert der Oberammergauer Regisseur und Intendant des Münchner Volkstheaters die Passionsspiele im bayrischen Oberammergau. Sie werden seit 1634 alle zehn Jahre aufgeführt und gehen auf ein Gelübde aus dem Jahr 1633 zurück, als der Ort von der Pest befreit wurde. Pandemiebedingt wurden die Spiele 2020 abgesagt und auf 2022 verschoben.

Christian Stückl inszenierte 2001 bis 2012 den „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen. Vergleiche will er nicht anstellen, denn während man es in Salzburg mit den besten Schauspielern zu tun hat, arbeitet man hier mit Amateuren. 1.554 Einheimische wirken am Passionsspiel 2022 mit. Dazu kommen noch etwa 500 Kinder. Alle sind mit vollem Eifer und großem Engagement bei der Sache. Seit Februar 2021 gilt der „Haar- und Barterlass“, der besagt, dass sich die Mitwirkenden entsprechend ihrer Rolle Haare, die Männer auch die Bärte wachsen lassen, um möglichst authentisch zu erscheinen. Seit November 2021 wird regelmäßig im überdachten Freilufttheater geprobt, das 5.000 Besuchern Platz bietet.

Reform

Stückl hat die Spiele reformiert, sie von antisemitischen Altlasten befreit und sich dafür eingesetzt, dass auch Jugendliche mit Migrationshintergrund mitwirken dürfen. Die letzten Probearbeiten gestalten sich intensiv, jedes Detail wird beachtet, dem Stück wird der letzte Schliff verpasst. Hunderte Laiendarsteller und ein Chor agieren sehr professionell in ihren in aufwendiger Handarbeit hergestellten Kostümen. Die Aufführung beginnt mit dem Einzug Jesu in Jerusalem auf einem Esel. Der Auftritt der Römer, die Szenen mit Herodes und Pilatus, die Verurteilung und schließlich die Kreuzigung, alles wird sehr authentisch und berührend dargestellt. Die Darsteller von Jesus tragen unter ihrem Lendenschurz einen Klettergurt und werden damit am Kreuz befestigt, die Füße werden von kleinen Fußplatten gestützt.

Das Stück endet mit der Auferstehung. Aber es fasziniert auch, während der Proben den umtriebigen Spielleiter Christian Stückl zu erleben, wie er fast jeden Text leise vor sich mitspricht, plötzlich eingreift und Szenen wiederholen lässt. Ob es heuer, 2022, ganz besondere Passionsspiele für ihn sind: „Die Not in der Welt war auch vor zwei Jahren groß. Wir haben schon in der Vorbereitung auf 2020 gemerkt, dass weniger die religiöse Darstellung der Leidensgeschichte Jesu im Vordergrund steht als vielmehr die Hinwendung zu den Armen und den Flüchtlingen. Das hat sich noch weiter verschärft. Jesus muss an der Welt verzweifeln, weil ich glaube, sie ist nicht mehr zu reparieren!“ Dafür ist die Welt um Oberammergau sehr schön, es lohnt sich, Zeit rund um die Spiele einzuplanen.

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