Fahrradfahrerin mit Helm fährt durch eine enge Gasse vor einem weißen Haus mit blauem Tor.
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Nur eine Stunde von Wien: Hier urlaubt man wie in Frankreich

Nur eine Fahrstunde entfernt kann man in ein beachtlich vielfältiges Wein- und Herbstprogramm tauchen: Das Weinviertel überrascht.

Der Herbst eignet sich bekanntermaßen gut, um in einem Weinbaugebiet zu verweilen. Nicht nur, dass dann die Trauben geerntet und die ersten vergorenen Säfte dargeboten werden, es wird auch anderes geerntet. Daher gibt es von drallen Kürbissen bis zu reifem Obst allerlei Köstliches. Garniert wird die Zeit mit Festen, stabilem Wetter, letzten kräftigen Sonnenstrahlen und jener Ruhe, die man braucht, um sich auch kulturellen Highlights einer Region zu widmen. Das ist in der italienischen Toskana so, das ist im französischen Burgund so ...

... und im heimischen Weinviertel.

Ein Gericht mit Fleisch und Gemüse auf einer Serviette vom Gasthaus Herbst in Hanfthal, umgeben von Weingläsern und Strohballen im Freien.

Die neuen „Taste of Weinviertel“-Events: moderne Küche in legerem Setting.

©Halbhuber Axel

„Das kann man doch nicht vergleichen“, werden manche sagen, die Paläste der Medici hier und die französischen und habsburgischen Kunstschätze dort – wie soll das Weinviertel da mithalten? Ja, es mag eine gewagte Idee sein, aber man könnte eine solche Herbstwoche einfach dort verbringen, wo einen Zug oder Auto in einer knappen Stunde hinbringen, statt in die europäische Welt hinauszufliegen.

Reihen von Weinfässern des Weinguts Neustifter in einem in rotes Licht getauchten Backsteinkeller.

Kellerröhren gibt es in allen Facetten, das Weingut Neustifter taucht sie in Rot.

©Halbhuber Axel

Hospices de Poysdorf

Wenn man nämlich zum Beispiel im Komplex des einstigen Bürgerspitals Poysdorf steht, vor einer kunstvollen Wandfassade, wie sie heute nicht mehr gemacht wird, dann denkt man doch ein bisschen an das berühmte Hospices de Beaune im Burgund: Auch das Spital in Poysdorf wurde 1657 (gut zweihundert Jahre nach dem Vorbild in Beaune) für die Armen errichtet. Heute befindet sich darin eine gute Sammlung der Geschichte des Hauses, besonders aber des Ortes Poysdorf. Und auch wenn diese Sechstausend-Einwohner-Stadt nicht ganz Dijon oder gar Florenz ist: Diese Ausstellung – inklusive fantastischer Zeitreise-Maschine (super für Kinder!) und Freiluftmuseum alter bäuerlicher Dorfgebäude – macht locker zwei Stunden Spaß.

Für das angeschlossene Weinmuseum „Vino Versum“ braucht man eher nur zwanzig Minuten, es hält mit den Wein-Dauerausstellungen des Burgund eher nicht mit.

Weinseitig ist es aber ohnehin sinnvoller, den einen oder anderen Winzer zu besuchen. Und wieder ist der Weg nicht weit, fünf Gehminuten vom Vino Versum liegt das Weingut Neustifter. Die haben nicht nur Hotel und Golfplatz, sondern vor allem ein extrem gutes Gespür für Wein (sogar mit traditioneller „Stockkultur“) und eine Kellerröhre, die direkt in die Kellergasse führt – Führungen möglich.

Ein weißes Gebäude mit Ziegeldach steht an einem sonnigen Weg, umgeben von Bäumen und einer ländlichen Umgebung.

Unter den vielen Kellergassen sticht die Loamgstettn in Ameis mit ihrem Dorf-Ensemble am Hügel heraus.

©Halbhuber Axel

An jedem Eck ein Fest

Die Kellergasse ist übrigens eine Eigenheit, die es in dieser Form weder toskanisch noch burgundisch gibt. Einen Besuch ist zum Beispiel die „Loamgstettn“ im Ort Ameis wert: Die ist weniger Gasse als mehr kleines Dorf auf einem Hügel, der Keller des Winzers Steyrer hat zur Selbstbedienung immer offen – unter dem Namen „Radlerrast“. Denn als weitere Idee für die Herbstwoche ließen sich Teile der dreitausend Kilometer Radwege im Weinviertel erkunden, darunter vierzehn Weinradrouten, nach Sorten benannt, Startpunkte in der ganzen Region.

Das alte Bürgerspital in Poysdorf hat eine hübsche Fassade, aber auch eine sehr respektable Ausstellung.

Das alte Bürgerspital in Poysdorf hat eine hübsche Fassade, aber auch eine sehr respektable Ausstellung.

©Halbhuber Axel

Zu guter Letzt könnte man so eine Radtour (oder eben doch einen Roadtrip) nach den Events planen, die das Weinviertel in unanständigem Überfluss bietet. Der Herbst geht über an „offenen Kellertüren“ über „Weinkulinarien“ bis zu „Hoffesten“ (etwa die Beeren-Genuss-Sonntage im Biogarten Hummel) oder Abenden rund um Krimi, Kürbis, Nacht der Perlen ... Ganzjährig sind das berühmte „Tafeln im Weinviertel“ und die neuen „Taste of Weinviertel“-Events sehenswert.

Und, ach ja: Wein sollte man auch da und dort verkosten. Aber zugegeben, das kann man im Burgund auch.

Info Weinviertel

Anreise In die Städte des  Weinviertels kommt man gut per Zug. Für die Busse dazwischen braucht man Zeit. Tipp: Sportlich mit Rad, sonst mit Auto.

Programm
– 3.000 km Radwege, 14 Weinradrouten (37– 75 km, 3–6 Std.), weinviertel.at/radfahren
– Vino Versum: kleines Weinmuseum, Stadtmuseum, Verkostung d. Weine v. 30 Winzern (einer ist immer anwesend), vinoversum.at
– Loamgstettn, Ameis: Führungen: sebastian-steyrer@hotmail.com
– Biobeerengarten Hummel, Loosdorf, biobeerengarten.at
– Weingut Neustifter, Poysdorf, weingut-neustifter.com

4.480 km2 misst das Weinviertel, davon 140 Weinbaufläche – die größte Weinbauerregion Österreichs. Alle Infos: weinviertel.at

Axel Halbhuber

Über Axel Halbhuber

Ich habe mir unter den Zweigen des Schreibens den Journalismus ausgesucht, um nicht über mich schreiben zu müssen. Und jetzt schreibe ich hier Zeilen zu meiner Vita. Es gibt im Leben Wichtigeres, das es zu beschreiben gilt. Eben das macht diesen Job spannend: gestern ein Interview mit den Klitschko-Brüdern, heute eine Reportage in einem Dorf für Demenzpatienten, morgen das Porträt über die wahre Biene Maja. Leben ist Vielfalt, auch das Berufsleben. Daher habe ich im Journalismus vieles gemacht: Wirtschaftszeitung bis Männermagazin, Online-Ressortleitung bis Gratismedium-Chefredaktion, Sportressort bis Societymagazin, Österreichwanderung bis Weltreise. Und bei aller Vielfalt ist das Reisen doch zu einem Steckenpferd geworden, auch durch meine Bücher „Ich geh dann mal heim“, „Einfach eine Weltreise“ und "Reisen ist ein Kinderspiel". Aber am wichtigsten war die Biografie über Helmut Kutin: "Wie aus einer zerstörten Kindheit ein gutes Leben wurde." Das muss wirklich jeder lesen!!!!

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