Kreuzfahrt-Abenteuer: "Wer die Antarktis beschreiben kann, war noch nie hier"
Für eine Reise an das frostige Ende der Welt muss man tief in die Tasche greifen. Belohnt wird man mit Eindrücken, die nur schwer in Worte zu fassen sind. Unterwegs zwischen Pinguinen, Walen, gigantischen Eisbergen – und der antarktischen Wachau.
„Once in a lifetime“. Ein Satz, der immer und immer wieder fällt, wenn man erzählt, dass man eine Kreuzfahrt in die Antarktis vor sich hat.
Und das hat nicht nur damit zu tun, dass man für eine Expedition ans frostige Ende der Welt als Normalsterblicher mehrere Monatsgehälter hinblättern muss. Was diese Reise so außergewöhnlich macht, ist etwas ganz anderes.
Das Abenteuer Antarktis beginnt bereits in Ushuaia, laut Eigendefinition die südlichste Stadt der Welt, am äußersten argentinischen Südzipfel, wo die letzten Gipfel der Anden schroff aus dem Meer wachsen. Mittlerweile ist die Stadt, etwa dreieinhalb Flugstunden von Buenos Aires entfernt, der wichtigste Ausgangspunkt für Kreuzfahrten in die Antarktis; ist man doch von hier aus „nur“ tausend Kilometer oder zwei Tagesreisen von der antarktischen Halbinsel entfernt. Eine 1.200 Kilometer lange Landzunge, die in Richtung Südamerika ragt und zugleich der nördlichste Ausläufer des Kontinents ist.
Gleich mehrere Robben-Arten sind in der Antarktis beheimatet.
©Josef GebhardAuch unsere Reise startet in Ushuaia. Gemeinsam mit etwas mehr als vierhundert anderen Passagieren an Bord der MS Fridtjof Nansen der auf Expeditionskreuzfahrten spezialisierten Reederei HX.
Spezialisiert auf sein Einsatzgebiet ist auch das Schiff selbst: mit Hybridantrieb, der die Umweltbelastung in diesem ökologisch so sensiblen Gebiet möglichst gering halten soll, und mit flügelförmigen Seitenstabilisatoren gegen den hohen Wellengang.
Eine Vorsichtsmaßnahme, die nicht von ungefähr kommt. Geht es doch Richtung Süden über die Drake-Passage, die den Atlantik mit dem Pazifik verbindet und für ihre raue See berüchtigt ist.
Lake statt Shake
Wir haben Glück: Anstelle des gefürchteten „Drake Shake“ wartet auf uns der harmlose „Drake Lake“ mit maximal drei Meter hohen Wellen. Auch das ist bereits genug für empfindliche Gemüter, aber nichts im Vergleich zu den Fünfzehn-Meter-Wellen bei einer Überfahrt im Vorjahr, die selbst große Teile der Crew außer Gefecht gesetzt haben. Von den Gästen ganz zu schweigen.
Die Spannung steigt
Eineinhalb Tage geht es durch die endlose Leere der Hochsee, ehe sich langsam eine gewisse Spannung unter den Passagieren aufbaut: Erste Wale sind in der Ferne zu sehen. Mehr und mehr Vögel umkreisen das Schiff. Ein Zeichen dafür, dass das Ziel nicht mehr weit sein kann.
Dann, im Morgengrauen des dritten Tages, zeichnen sich im Nebel die ersten eisbedeckten Inseln ab. Zeit, sich an Deck zu begeben und mit den anderen Passagieren das Schauspiel vor dem Bug des Schiffes zu bestaunen: Berggipfel, die in ihrer Schroffheit und Schönheit fast unwirklich erscheinen. Umhüllt von Nebelfetzen ragen sie aus dem von Eis durchsetzten Wasser der Deloncle-Bucht. Bis zum Fuß bedeckt von mächtigen Gletschern, die mit haushohen, im Sonnenlicht blau schimmernden Abbruchkanten enden. Wer zur rechten Zeit an Deck ist, hört ein fernes dumpfes Grollen: Ein Stück Gletscher ist als Eisberg ins Meer gestürzt.
Mit dem „Zodiac“-Schlauchboot geht es an Land oder auf Rundfahrten.
©Josef GebhardNoch atemberaubender wirkt das Szenario von Bord der Expeditionsboote aus, mit denen es dann in Zehnergruppen durch die Bucht geht. Bald lassen sich erste Bewohner dieser Eiswelt sehen: Dort ein einzelner Pinguin, der von einer Anhöhe aus in die Ferne blickt, da eine Robbe, die gemütlich auf einem Eisberg schläft.
Einigermaßen gemütlich haben es aber auch die Gäste auf dem Boot. Schließlich ist gerade antarktischer Sommer. Soll heißen: Hier im Norden der Antarktis klettern die Temperaturen im Idealfall auf erträgliche Bereiche rund um den Gefrierpunkt – Bedingungen wie bei einem Skiausflug in heimischen Gefilden. Sie sind weit entfernt von den minus 80 Grad, die es im Winter im Landesinneren haben kann.
Gedränge in der Meerenge
Dass eine Antarktis-Kreuzfahrt mittlerweile alles andere als ein exklusives Vergnügen ist, wird bei der Durchfahrt des Lemaire-Kanals klar – eine elf Kilometer lange Meerenge zwischen beeindruckenden Bergformationen. Gleichsam die antarktische Wachau. Gleich vier andere Kreuzschiffe befinden sich während der Passage in Sichtweite. Pro Jahr werden bereits mehr als hunderttausend Schiffsreisende in der Antarktis gezählt. Kein Wunder, dass über eine Limitierung des Touristen-Aufkommens diskutiert wird. Sind doch auch hier die Auswirkungen des Klimawandels schon spürbar.
Nächster Höhepunkt: der erste Landgang. Schon Hunderte Meter vor der Landung auf der nur eineinhalb Quadratkilometer kleinen Petermann-Insel werden die Besucher mit lautem Gequieke und vor allem einem strengen Fischgeruch begrüßt. Er stammt von den Hinterlassenschaften der Eselspinguine, die die Insel in rauen Mengen besiedeln. Benannt nach ihrem markanten Geschrei, gehören sie mit ihren tapsig-drolligen Bewegungen zu den beliebtesten Fotomotiven.
Menschen gegenüber kennen sie keine Scheu, haben sie doch an Land kaum Fressfeinde. Und so scheren sie sich kaum um den Fünf-Meter-Sicherheitsabstand, der den menschlichen Gästen gegenüber den Tieren auferlegt wird. Damit soll verhindert werden, dass sie sich mit eingeschleppten Krankheitskeimen wie etwa Vogelgrippe-Viren anstecken, was verheerende Folgen für die gesamte Population haben könnte. Deshalb müssen die Passagiere vor jedem Landgang mit ihren Gummistiefeln einen Seuchenteppich passieren. Im Laufe der fünf Tage in der Antarktis wird das genauso Routine wie das Anziehen der wasserfesten Kleidung und der Rettungsweste, sobald der Name der eigenen Gruppe kurz vor dem nächsten Bootsausflug aufgerufen wird.
Wenig Scheu vor Menschen haben auch die mit Abstand größten Bewohner dieser vermeintlich so lebensfeindlichen Gegend. Die Wale. Es gehört zu den bewegendsten Erlebnissen einer Antarktis-Reise, wenn Buckelwale – immerhin bis zu fünfzehn Meter lang und dreißig Tonnen schwer – sich neugierig den Schlauchbooten nähern, um nur wenige Meter entfernt kurz aufzutauchen und dann wieder zu verschwinden.
Was die Fridtjof Nansen noch von klassischen Kreuzfahrtschiffen unterscheidet: An Bord sind auch Wissenschafter zu Gast, die das Schiff als schwimmende Forschungsplattform nutzen dürfen. Ein wenig wirkt das wie eine kleine Wiedergutmachung dafür, dass man mit einem riesigen Schiff Woche für Woche Hunderte Touristen in diese noch so unberührte Gegend karrt.
Diesmal zu Gast ist Katharina Kordubel vom Helmholtz Zentrum im deutschen Geesthacht, die sich auf die Erforschung von Meeresplankton spezialisiert hat. Die Mikroorganismen bilden die Nahrungsgrundlage für viele der antarktischen Tiere. Die Schiffgäste können Katharina beim Sammeln von Plankton-Proben im Forschungsboot begleiten, in Vorträgen auf dem Schiff erzählt sie von ihrer Arbeit. „Damit kann ich viel mehr Menschen erreichen, als es mit einem wissenschaftlichen Artikel möglich ist.“
Nicht immer sehen Eisberge so aus, wie man sie sich vorstellt.
©Josef GebhardIns kalte Wasser
Neben zahlreichen Vorträgen gibt es aber auch Angebote aller Art für sportlichere Gäste. Schneeschuhwandern etwa, oder Kajak-Ausflüge. Wem das zu konventionell ist, der kann für ein paar Stunden das Schiff verlassen und an Land übernachten – im Zwei-Mann-Zelt oder gar unter freiem Himmel im Schlafsack, gebettet in ein Schneeloch.
Und dann gibt es noch den „Polar Plunge“: Hartgesottene dürfen für ein paar Augenblicke ins antarktische Meer springen. Bei Wassertemperaturen nur knapp über dem Gefrierpunkt ein erfrischendes Erlebnis.
Wobei es schon Erlebnis genug ist, einfach an Deck zu stehen und hinauszuschauen auf diese einzigartige Landschaft aus Fels, Eis und Meer, an der man sich auch nach Tagen nicht sattgesehen hat.
Genauso wenig an den Eisbergen, die lautlos am Schiff vorbeigleiten. Oft groß wie ein Hochhaus, oft einer abstrakten Skulptur ähnelnd, deren Untergrund blau durch das glasklare Wasser schimmert.
Und dann muss man wieder an einen Satz von Kapitän Jorn Bowitz denken, mit dem er die Gäste bei der Abfahrt begrüßt hatte: „Wer die Antarktis beschreiben kann, war noch nie hier.“
Info
Anreise Wer den Flug selbst plant: Wien–Ushuaia mit Umstieg, z. B. in Buenos Aires. CO2-Kompensation für Hin- u. Rückreise via atmosfair.de: 203 €.
Antarktis-Kreuzfahrt „Die Route der Entdecker“: Termin z. B. am 13. 11.–30. 11. 2026 (der Termin ist inkl. der Flüge) mit der MS Roald Amundsen – Preis inkl. der Flüge ab/bis Wien in der Polar Außenkabine ab 12.920 € p. P. (tagesaktuelle Preise).
Beratung & Buchung Meine Kreuzfahrt – Cruise Center eine Marke der Raiffeisen Reisebüro GmbH Alserbachstraße 27 1090 Wien
Tel.: 01/388 99 90 meinekreuzfahrt.co
Kommentare