Von Morddrohungen bis Babys: Die Geheimnisse des Hotel Orient
Stundenhotel Orient: Chef Heinz Rüdiger Schimanko über Morddrohungen, therapierte Paare und das Erbe seines Vaters.
Ja, ist es denn möglich? Dass der Kaiser höchstpersönlich, Franz Joseph, in einem Gemach des Hotel Orient, seine Geliebte Katherina Schratt majestätisch zur Stoßzeit bat? Es war sehr schön und es hat ihn sehr gefreut – man mag gerne daran glauben, zumal das Hotel eine eigene sündige Suite nach ihm benannt hat. Der Kaiser, auch nur ein Mann, ein Mensch – so wie all die anderen, die seit mehr als 100 Jahren hier einkehren, um mit ihrer Affäre, dem Liebsten oder spontan mit dem Betthupferl in Wiens legendärstem Stundenhotel ein heißes Schäferstündchen einzulegen.
Roter Samt und Cash only
Eröffnet hat das Orient 1912. Heute führt es Heinz Rüdiger Schimanko. „Ein schöner Job“, sagt er, „weil ich den Leuten einen Rückzugsort für das schönste Hobby der Welt zur Verfügung stellen darf. “ Nichts an der Lustburg am Tiefen Graben 30 ist gewöhnlich, alles exotisch.
Hinein durch die Flügeltüre unterm Jugendstil-Kuppeldach kommt man gleich einmal bei Portier Emre zu stehen. Der ist der Familie Schimanko seit 40 Jahren eng verbunden, war schon Chefkellner in der legendären Reiss Bar, ist nun seit 15 Lenzen Chefrezeptionist. Bei ihm wird bezahlt – Cash only.
Dann öffnet sich einem diese einzigartige Hotelwelt, die viele kennen, aber wo offiziell nie jemand gewesen sein mag. Roter Samt, gedämpftes Licht, goldgerahmte Gemälde. Vier Stöcke himmelwärts für himmlische Stunden. Die Zimmer, jedes für sich ein Kunstwerk. Sie tragen Namen wie Afrika, Amethyst oder Orientexpress.
Die Preise im Hotel Orient liegen für drei Stunden je nach Zimmergröße zwischen 88 und 138 Euro
©Bartosz Chudy/SoraDeckenspiegel und "Andiconda"
In der Kaiser-Suite erwarten einen ein Himmelbett und ein Baldachin, alles eingetaucht in bordeauxroten Samt. Im Tausend-und-eine Nacht marokkanische Mosaike, eine Marmorbadewanne und ein Bad mit Sternenhimmel. Das Engerl & Bengerl besticht mit einem riesigen Deckenspiegel über dem Bett.
Stets sorgen ausgesuchte Stücke für ein märchenhaftes Ambiente. Beflügelte Knäbleinfiguren in Gold. Statuetten römischer Göttinnen. Brokatvorhänge und schwere Luster. Alles hier lädt ein, den Alltag hinter sich zu lassen, ein anderer zu sein, in Anonymität abzutauchen. Und sich bloß der Lust hinzugeben.
Das Diskretion alles ist, gilt deswegen als oberstes Gebot, bricht doch so mancher Akt an dieser Adresse das ehelich betraute Band fürs Leben. Also, keine Namen! Wer hier eincheckt, braucht keinen Pass, höchstens ein Pseudonym. Schweigen als Geschäftsprinzip. Für Reservierungen wünscht Schimanko sich dennoch „bitte keine Maiers, Müllers und Hubers mehr“. Dann schon lieber originelle Zeitgenossen. Wie jenen Herren, der regelmäßig unter dem Namen „Andiconda“ eincheckt.
Die Anonymität birgt aber auch ihre Tücken. Wenn Gäste im orgiastischen Furor das antiquarische Mobiliar beschädigen oder hässliche Flecken hinterlassen, können sie nicht zur Rechenschaft gezogen werden, weil sie ja weder Ausweis noch Kreditkarte hinterlegen mussten. „Ein Hotel wie das Orient macht mehr Arbeit als jedes normale Hotel“, seufzt deshalb auch Chef Schimanko. Das macht Sinn: Im Haus muss er permanent drei Stubenmädchen patrouillieren lassen, die mehrmals am Tag die Zimmer nach den Liebesspielen desinfizieren und mit Dampfreiniger sauber machen.
Hintereingang hat das Hotel übrigens keinen. Egal ob Politiker, Industriekapitän, Handwerker oder Philosoph – jeder muss vorne rein, an den zwei Topfbäumchen vorüberschlüpfen, bis er dann vor Portier Emre steht.
1901 stand anstelle des Orient ein Hotel Garni, auch Hotel Derby genannt, das schon damals stundenweise vermietete, 1912 wurde es dann mit dem Nachbarhaus vereint, wie der Historiker Johannes Sachslehner weiß, und als Hotel Orient eröffnet. 1978 übernahm es schließlich ein Mann, den man später den ungekrönten Nachtklubkönig von Wien nennen sollte: Heinz Werner Schimanko.
Beim Liebesakt verschieden
Ein freundlicher wie hartgesottener Hüne mit Glatzkopf und opulentem Schnauzbart, Berufssoldat und Ausbildner beim Jagdkommando, dem auch die Eden Bar und zeitweise das Moulin Rouge gehörte. Er prägt den Mythos des Hauses bis heute. Kulturelle Vergnügen zogen ins Orient ein, Ernst Molden schrieb hier seinen Roman „Die Krokodilsdame“, Wolf Wondratschek Gedichte, in der Kaiser-Suite wurde Schnitzlers „Traumnovelle“ theatralisch inszeniert.
Nach dem Akt ist er im Bett seiner Freundin gestorben. Er ist so gegangen, wie er gelebt hat.
Als Schimanko 2005 mit nur 62 überraschend an Herzversagen starb, war das ein Schock. Hinter vorgehaltener Hand flüsterte man, dass der Bonvivant während des Liebesaktes verschieden sei. Eine Anekdote aus dem Reich der Märchen oder tatsächlich wahr? Sohn Heinz Rüdiger muss schmunzeln. „Das stimmt“, bestätigt er. „Nach dem Akt ist er im Bett seiner Freundin gestorben. Er ist so gegangen, wie er gelebt hat.“ Als Lebemann. An seinem Sterbebett betrauerten ihn gleich drei Klageweiber, wie sein Sohn erzählt: neben Schimankos Ehefrau noch die Frau aus der Wohnung sowie eine ehemalige Liaison.
Für den jungen Schimanko, dessen Mutter mit 18 an Krebs starb, und der mit 24 ohne Eltern dastand, stellte sich mit einem Male jedenfalls seine Welt auf den Kopf. Plötzlich Nachfolger! „Bei meinem Bruder war immer klar, dass er eine akademische Laufbahn einschlagen wird“, so Heinz Rüdiger Schimanko, „und für mich, dass ich der Richtige für diesen Job bin. Ich komme am ehesten in der Familie nach meinem Vater.“
Hotelchef Heinz Rüdiger Schimanko: "Ein schöner Job"
©Copyright Karl Schöndorfer TOPP/Eden Bar/Karl SchöndorferWenngleich er gänzlich anders aufwuchs. Schimanko senior: ein Hausmeisterbub aus dem dritten Bezirk, zur Welt gekommen im Rettungsauto während des Bombenhagels auf Wien, in Armut aufgewachsen, motiviert zu Wohlstand zu gelangen, wofür er jahrelang ohne Urlaub und Unterlass schuftete. Der Junior: Als erster seiner Familie im Nobelbezirk Döbling unter Aristokraten und Industriellen groß geworden, einer, dem Geld nie wichtig war, und der gern den Freuden des Seins frönte.
Mehrmals die Woche habe ich Drohanrufe- und briefe bekommen, die mich mit dem Mord bedrohten. Aber ich bin nicht so leicht einzuschüchtern.
Morddrohungen
Auf ihn kamen als junger Chef harte Zeiten zu. Etwa in Form von massiven Morddrohungen. „Mehrmals die Woche habe ich Drohanrufe - und briefe bekommen, die mich mit Mord bedrohten“, so Schimanko. Der Hintergrund: Man wollte den Jüngling einschüchtern, auf dass dieser das prominent gelegene Innenstadthotel verkaufe und man auf diese Art an die wertvolle Immobilie kommt. Für den selbstbewussten Mann war ein Verkauf jedoch nie ein Thema.
„Mein Vater hat mich menschlich wie militärisch auf Konflikte vorbereitet. Schon im Alter von acht Jahren hat er mich ausgebildet wie fürs Jagdkommando, mich nur mit Kompass und Schweizermesser in einem Augebiet bei Tulln ausgesetzt und gesagt, wir sehen uns daheim – und pass auf dich auf, in dieser Gegend sind viele Wildschwein-Bachen mit ihren Frischlingen unterwegs. Das könnte gefährlich werden.“ Schimanko schnitzte sich einen Speer und machte sich auf den Weg.
Später lehrte sein Vater ihn kampforientiertes Combatschießen. Mit zehn Jahren musste er zum Geburtstag als Ziel eine Zehn-Schilling-Münze treffen können. „Ich bin nicht so leicht einzuschüchtern.“
Über dem Tiefen Graben mit dem Hotel Orient führt die Hohe Brücke: stiller Zeuge, wer im Stundenhotel ein und aus geht
Ehe-Therapeut Hotel Orient
Das Orient hat aber auch anderwärtig seinen Horizont erweitert. „Mir ist heute nichts Menschliches mehr fremd.“ Ein Satz, der positiv gemeint ist, denn Heinz Rüdiger Schimanko ist ein durchwegs lebensbejahender Mensch (und Vater von drei Kindern).
So erinnert er sich an das Paar, das seine lange Beziehung bei ihm im Hotel jedes Jahr mit einem Geburtstagsvierer auffrischt. Pärchen, die sich an der Hotelbar kennengelernt und dann alle gemeinsam ein Zimmer genommen haben. Oder eine eifersüchtige Ehefrau, die wutschnaubend quer durch die Lobby eine Proseccoflasche nach ihrem Mann warf, nachdem der die Stiegen im Arm seiner Sekretärin runterkam.
Das Orient als gestundete Weltflucht und heilsamer Alltagsausflug, daran glaubt Schimanko fest. Als Beweis dient ein Liebespaar, dass sich bei der Hochzeit versprochen hat, ihre Ehe und ihr Sexleben einmal im Monat mit einer Nacht im Orient aufzufrischen. „Das Paar ist sich sicher, dass es durch diese Tradition viele Krisen therapiert, wenn nicht sogar seine Ehe gerettet hat.“
Am liebsten denkt er aber vielleicht daran zurück, als eines helllichten Tages eine Dame mit Kinderwagen die Hoteltür aufstieß und in Begleitung ihres Mannes an der Rezeption stand. Man wolle nur stolz präsentieren, was da einst in der Hochzeitsnacht in der Kaiser-Suite entstand und heute süß in Windeln gebettet ist. Nur allzu gern würde Schimanko das Paar wiedersehen und auf eine neue Nacht und ein Fläschchen Schaumwein einladen – „bitte melden“.
Solche Storys würden auch alle unternehmerischen Widrigkeiten aufwiegen. „Unser Hotel ist eine Verkettung der positiven Energie“, so Schimanko. „Wenn sich von den vielen Orgasmen pro Tag im Orient nur ein Fünkchen dieser Energie auf die Gäste überträgt, sind wir dankbar.“
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