Autor Harald Braun testet FKK-Camping
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FKK-Selbstversuch: Hilfe! Das erste Mal Urlaub unter Nackten

Französische Atlantikküste. Autor Harald Braun dachte immer, er sei verklemmt und FKK nur was für Leute mit Problemen. Dann nahm er eine Einladung in ein Naturalistencamp an und ließ mal selbst die Hosen runter – mit erstaunlichem Ergebnis.

Tom Waits hat mal gesagt, wir seien im Grunde nur Affen mit Geld und Pistolen. Lassen wir die Pistolen mal weg, legt das, was ich gleich zu Beginn des Aufenthaltes in Euronat entdecke, diesen Verdacht nahe. Wir, meine Frau und ich, fahren vom Eingangstor der weitläufigen Anlage zu unserem gemieteten Haus und passieren dabei einen Boule-Platz. Menschen zwischen zwanzig und achtzig werfen glänzende Kugeln auf den Sand und präsentieren sich dabei in unterschiedlichsten Formen der Nacktheit. Einige tragen gar nichts, andere kombinieren Flipflops oder Sandalen mit Socken, Kappen und Sonnenbrillen. Gelegentlich ist auch ein T-Shirt am Start. Nur Hosen trägt niemand. Ich starre mit offenem Mund. Diese Mischung aus beiläufiger Selbstverständlichkeit, unfreiwilliger Komik und ernster Hingabe wirkt wie ein Loriot-Sketch. Ich grinse albern vor mich hin und vermeide den Blick meiner Frau. Sie hatte es gleich gewusst.

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Der Campingplatz liegt an einem langen, geschwungenen Atlantikstrand.

©sabinebraun.de

Aus freien Stücken

Wir sind aus freien Stücken hier – wenn auch nicht aus eigenem Antrieb. Mein Bruder und seine Frau besitzen in Euronat ein Häuschen. Schon seit den Siebzigerjahren verbringt ihre Familie hier den Sommer. Die Anlage liegt im Médoc, rund hundert Kilometer von Bordeaux entfernt: Dreihundertfünfzig Hektar Pinienwald, ein langer, geschwungener Atlantikstrand. Das Médoc ist eine Halbinsel im Département Gironde im Südwesten Frankreichs.

Schön ist es hier, keine Frage. Jahr für Jahr wurden wir eingeladen, und Jahr für Jahr lehnten wir ab. Bis wir in einer schwachen Minute zustimmten, uns dieses Sodom für Textilverweigerer mal mit eigenen Augen anzusehen.

Am ersten Abend wagen wir uns noch nicht aus der Deckung. Während Bruder und Schwägerin selbstverständlich textilfrei am Grill stehen, sitzen wir in Shorts und Überwurf auf der Terrasse. Immer wieder spazieren Menschen vorbei. Erleichtert stellen wir fest: Nicht alle sind vollständig nackt. Einige tragen minimale textile Andeutungen, gerade genug, um das Nötigste zu bedecken.

Die letzte Bastion fällt

Offiziell gilt zwar, was auf Schautafeln im Camp zu lesen ist: „Sie sind auf einem FKK-Gelände. Leben Sie nackt.“ Aber ein totaler Zwang besteht offenbar dann doch nicht. Am nächsten Morgen wird es ernst. Wir fahren mit dem Fahrrad zum Strand, der Hund läuft nebenher. Ich beneide ihn um seine schamfreie Existenz. Am Strand fällt schließlich die letzte Bastion. Meine Frau zieht blank, ich ziehe nach. Und dann passiert: nichts.

Niemand schaut, niemand lacht, niemand kommentiert, was er sieht. Wenn er es überhaupt bemerkt. Der einzige Mensch, der sich an diesem Tag merkwürdig verhält, bin ich selbst. Ich starre. Ich mustere. Ich vergleiche. Männer mit Krähenfüßen und lappigen Hintern, ältere Herren, deren Kronjuwelen im Takt mitschwingen, Körper in allen Formen und Zuständen: durchtrainiert oder erschöpft, straff oder nachgiebig, tätowiert oder blass. Und ich merke: Dieser prüfende Blick ist mein Problem, nicht ihres. Diese automatische Bewertung scheint tief verankert, ein Reflex aus einer Welt, die von Konkurrenz geprägt ist.

Erstaunlich aber, wie schnell sich mein Fokus verändert. Schon nach kurzer Zeit weicht dieser bewertende Blick stoischer Gelassenheit. Meine Frau bringt es auf den Punkt: „Es interessiert hier niemanden, wie du aussiehst.“ Ihr Koffer voller Kleidung bleibt unangetastet, wird zur stillen Pointe unseres Aufenthalts.

Auch Nackte haben Hunger

Unser Nacktsein wird selbstverständlich – nicht nur am Strand, sondern überall: im kleinen Dorfzentrum mit seinen Läden, Marktständen und Restaurants, wo man sich daran erinnert, dass man in Frankreich ist und auch nackte Menschen Appetit haben. Mit dieser Selbstverständlichkeit verschwindet auch der Zynismus. Unser Blick auf andere verliert hier jede Schärfe.

Eine Frage bleibt

Irgendwann wird klar: Kein Körper ist besser als der andere. Dieser Gedanke, so schlicht er klingt, verändert die Perspektive. Vielleicht hatten die frühen Verfechter der Freikörperkultur recht, als sie von der befreienden Wirkung sprachen.

Bleibt die Frage, ob ein Ort wie dieser nicht zwangsläufig sexuell aufgeladen ist. Die Antwort lautet: überraschenderweise nein. Im Gegenteil. Voyeurismus ist verpönt, Regeln werden eingehalten, und der Gedanke, die anderen Gäste als potenzielle Sexualpartner zu betrachten, wirkt eher absurd. Der Reiz des Verborgenen fehlt – und damit ein Großteil der erotischen Spannung. Umso größer war die Heiterkeit, als im Zentrum des Euronat-Camps am Schwarzen Brett zu lesen war, dass zwei Gäste wegen eines „Sittlichkeitsdelikts“ ausgewiesen worden seien. Was zum Teufel hätte das gewesen sein können?

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