The Temple Bar in Dublin

Stilikone Irland: Ein Land wie ein ungeschliffener Diamant

Rau, ruhig und richtig faszinierend. In einer Zeit der glatten Perfektion erobert der herbe Charme der grünen Insel den Weltmarkt – und unsere Herzen.

Irland ist hot. Also nicht buchstäblich. Das Wetter ist im Winter tage-, ja manchmal wochenlang, so grau und neblig, dass man sich fünfzehn Grad Minus wünschen würde, wenn dafür nur etwas Sonne schiene. Doch im übertragenen Sinn: Kaum ein Land ist derzeit begehrter und bestimmt – trotz seiner nur fünf Millionen Einwohner – in erstaunlicherem Ausmaß, was wir sehen, tragen und genießen.

Acht Jahre nachdem Sally Rooney mit ihrem Roman „Normal People“ den irischen Literaturmarkt aufgerüttelt hat – ging es in dem globalen Bestseller doch einmal nicht um Krieg und Konflikt –, sind wir weiterhin vernarrt. In die komplexe Liebesgeschichte zwischen der stolzen wie unsicheren Marianne und dem coolen und doch ängstlichen Connell. Daisy Edgar-Jones und Paul Mescal haben ihren Weltruhm unter anderem der BBC-Verfilmung zu verdanken und Rooneys ehrliche Erörterung vulnerabler Beziehungen hat sich tief in uns festgesetzt.

Ein Land, ein Hype

Passend dazu erwarten Modefans mit Neugier die neue Kollektion der irischen Designerin Simone Rocha bei der Londoner Fashion Week diesen Februar. Hat doch ihre jüngste Frühlingskollektion treffend mit der unbehaglichen Schönheit des Erwachsenwerdens gespielt, der Verbindung von Eleganz und der in Irland stets so präsenten Rebellion.

Sheep at Rock of Cashel Ireland

Scharf auf Schaf: Irland produziert im Jahr 7 Millionen Kilogramm Schafwolle. Der daraus gewonnene feine Tweed und die bunten Schals sind derzeit begehrt.

©Getty Images/benedek/istockphoto

Und dann harren derzeit noch Peaky-Blinders-Fans gespannt auf die Veröffentlichung des ersten Spielfilms im März. Auch wenn der famose Bandenleader Thomas Shelby fest im englischen Birmingham verankert ist, so hat die schneidend-ruhige Kraft seines Charakters doch die deutlich irischen Züge des Schauspielers Cillian Murphy. Es ist sein Blick – undurchdringlich hart und dabei doch so verletzlich – der uns derart berührt, und den er mit seinen irischen Amtskollegen teilt: Andrew Scott, Barry Keoghan, Colin Farrell und, einmal mehr, Paul Mescal, der derzeit als William Shakespeare in „Hamnet“ brilliert.

Leidenschaftliche Individualität

Denn das Klischee der saftigen Felder mit den kleinen Steinmauern und den ewigen Schafherden blickt nur auf eine Seite der Medaille. Die andere zeigt: leidenschaftliche Individualität und eine ruhige doch feurige Intensität. Irland ist ein ungeschliffener Diamant in einer Welt der hektisch glatten Wiederholungen. Und davon können wir nicht genug bekommen. Nicht nur in der Popkultur.

Brown Thomas

Showtime - das ist nicht nur für irische Schauspieler, sondern auch irische Traditionsmarken.

©Getty Images/Derick Hudson/istockphoto

Beginnen wir im Land selbst. Beim Besuch in der irischen Hauptstadt wählen Touristen nicht länger nur das obligatorische Pint in der ikonischen Temple Bar, sondern wagen sich ins richtige Dublin – dort, wo sie Marianne und Connell über den Weg laufen könnten. Für den Flat White geht es ins das hippe Kaph in der Dury Street und fürs abendliche Pint über den Fluss Liffey ins raue Stadtviertel Stoneybatter zum Pub Walsh’s.

Welterfolg irischer Whiskey

Welchen Drink man hier wählen soll? Keine Frage: Einmal Jameson on the rocks, bitte! Irischer Whiskey war im letzten Jahrzehnt die am schnellsten wachsende Spirituose der Welt und Jameson der Vorreiter im Land.

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Die Jameson Destillerie:  Hier werden jährlich  120 Millionen Flaschen produziert 

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Lediglich acht Minuten vom Walsh’s entfernt, kann man in der Bow Street sogar in den Fußstapfen des großen Whiskey-Pioniers James Jameson wandeln. Bei der Tour durch die historische Destillerie lernt man, dass – wie so oft – die Details zum Erfolg führten: Dass Jameson die Gerste und die Fässer persönlich ausgewählt hatte und sich dazu entschied, den Whiskey nicht zwei, sondern drei Mal zu destillieren, um einen milderen Geschmack zu erzeugen.

Wer tiefer eintauchen mag: Im Süden der Insel, zwanzig Minuten vom malerischen Städtchen Cork (übrigens der Heimat von Cillian Murphy) befindet sich die aktive Jameson Whiskey-Brennerei, in der alle der rund 120 Millionen jährlich produzierten Flaschen erzeugt werden.

Oder darf es etwas Leichteres sein? Das saftige Grün Irlands dient dem Apfelbaum als herrlicher Nährboden. Die Mischung von 17 Apfelsorten, darunter die bittersüßen Bulmers Normans, erzeugt den berühmten Bulmers Cider. Seit 1935 wird er nach dem Traditionsrezept in Tipperary erzeugt. Eine Grafschaft, die man sich nicht entgehen lassen sollte: Mit ihren sanften Hügeln und historischen Schlössern wurde sie vom Reiseführer Lonely Planet als eines seiner Top-Reiseziele für 2026 ausgerufen. Zurück nach Dublin. 

Hand gewebt

Wer von der stillgelegten Jameson Destillerie eine halbe Stunden in den Osten marschiert, bleibt im Arnotts (Irlands ältestem Kaufhaus) zweifellos in an den rauen Stoffen von Magee 1866 hängen. Die „grüne“ Schauspieler-Welle und eine generelle Rückkehr zur Old-Money-Ästhetik hat auch dem Irish Tweed Aufschwung bereitet. Anders als das härtere, schottische Harris Tweed und der farblich gedämpftere englische Yorkshire Tweed, überrascht der irische Tweed mit bunten Farbtupfern. Kleine Inseln der Freude, wie sie einem auch bei der Autofahrt durch die irische Landschaft anspringen.

Ireland

Auch Blake Lively konnte während ihrer Zeit in Irland von Avoca nicht genug bekommen.

©Getty Images/Gim42/istockphoto

Noch länger als Magee 1866s Webstühle in der irischen Stadt Donegal rattern jene der Avoca Mill eine Stunde südlich von Dublin. In einem niedrigen, weißgewaschenen Häuschen am Ufer des Avoca Flusses können Besucher noch heute den Webern über die Schultern schauen. Und verfolgen, wie sie die Weberschiffchen mit Spule und Faden über den Webstuhl sausen lassen, um die edlen Pullover oder leuchtend bunten Schals zu erzeugen, die einst auch Schauspielerin Blake Lively begeisterten, als sie 2017 für die Arbeit am Thriller „Zeit der Rache“ in Irland verbrachte.

Irisch als täglich Brot

Doch es sind nicht nur die großen Lebensbereiche, in denen Irland punkten kann. Selbst am morgendlichen Frühstückstisch ist das Land allgegenwärtig.

Die grün-goldene Verpackung der Kerrygold Butter hat sich nicht nur ins heimische Kühlregal geschlichen. Die irische (oft gesalzene) Variante ist mittlerweile die zweitbeliebteste Buttermarke in den gesamten USA.

Auch der Teller für das Butterbrot kommt in der Luxusvariante mit einem Hauch Irland. Der neue Dior-Kreativdirektor Jonathan Anderson hat einen Relaunch seiner eigenen Marke angekündigt. Mit dabei: Tassen und Tellerchen vom gehypten Keramikhersteller Nicholas Mosse.

Auf halbem Weg zwischen Dublin und Cork, beim charmant mittelalterlichen Kilkenny, findet man zwischen saftig grünen Wiesen und kleinen Steinbrücken ein wuchtiges Fabriksgebäude. Im Inneren: handbemalte Keramik, oft mit Natur- und Blumenmotiven, das einem daraufhin in Restaurants und Hotels regelmäßig unterkommen wird.

Apropos Luxus. Irland darf derzeit auch beim exklusiven Spa nicht fehlen. Hier kommen die Seetangprodukte von Voya ins Spiel. In den 2000ern haben Neil und sein Vater Mick Walton die Jahrhunderte alte Tradition des Seebadens wiederbelebt. #

Seetang ist überall nährstoffreich, doch an der irischen Küste ist es besonders kraftvoll. Das ist den hohen Wellen, dem klaren Wasser und dem rauen Atlantikwetter geschuldet. Wer hätte gedacht, dass Irland nicht nur trotz, sondern auch wegen seines trüben Wetters so heiß begehrt ist.

Anna-Maria Bauer

Über Anna-Maria Bauer

Schreibt seit 2021 als freie Autorin aus London für den KURIER über Politik, Royals und Lifestyle. Zuvor acht Jahre in der Wien-Chronik.

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