Mord ist unser Hobby: Der Sog des Nervenkitzels

Zum 50. Todestag von Agatha Christie veröffentlichte Netflix eine neue Krimi-Serie. Denn das Genre ist beliebt wie nie – in Buchform, Film oder als Spiel. Aber warum ist das eigentlich so?

 „Ihnen ist klar“, beginnt Martin Freeman als Superintendent Battle in der neuen Agatha-Christie-Verfilmung „Seven Dials“. Er lehnt sich mit einem kaum wahrnehmbaren Schmunzeln im Schreibtischstuhl seines Scotland Yard Büros zurück und ergänzt, „dass ich in diesem Raum für gewöhnlich die Fragen stelle.“

„Dann“, erwidert Mia McKenna-Bruce in der Rolle der tapferen Aristokratentochter Lady Eileen Brent, „genießen Sie hoffentlich diese reizvolle Wendung.“

Mit diesem Satz trifft sie den aktuellen Zeitgeist gleich in mehrfacher Hinsicht.

Die erfrischend forsche Art der jungen Hobbydetektivin erinnert nicht nur, an die seit jeher intuitiv weibliche Stärke in der Detektivarbeit. Denn auch wenn man bei berühmten Detektiven schnell an Sherlock Holmes, Columbo oder Hercule Poirot denkt, bleibt die erfolgreichste Person im Kriminalroman-Geschäft eine Frau.

BIO-AGATHA CHRISTIE

Mit zwei Milliarden verkauften Buchexemplaren steht Agatha Christie sogar auf Platz drei der erfolgreichsten Buchverkäufer der Welt – nach der Bibel und Shakespeare.

Christie und Lansbury

Und so überrascht es nicht, dass im Monat ihres 50. Todestags, Netflix eine Miniserie freischaltet (auch wenn die dreiteilige Serie in Spielfilmlänge besser aufgehoben wäre) und die British Library eine Blockbuster-Ausstellung für Herbst ankündigt.

Doch nicht nur Agatha Christie ist derzeit beliebt. Erst diese Woche wurde bekannt, dass Jamie Lee Curtis in einer Neuauflage von „Mord ist ihr Hobby“ in Angela Lansburys Fußstapfen treten soll. 

Und während Sachbuch-Verkäufe laut NielsenIQ BookData in den ersten acht Monaten von 2025 in vielen Ländern rückläufig waren, konnten Krimis und Thriller in 14 der 19 untersuchten Gebiete neue Leserschaften dazugewinnen – stark vorangetrieben durch die Social Media Erfolge von Thriller-Autorinnen wie Freida McFadden.

Sichere Bedrohung

Aber warum gruseln wir uns eigentlich im Allgemeinen so gerne? „In der Psychologie sprechen wir hier von sogenannten ,Safe Threats’“, sagt die Wiener Psychologin Christina Beran: „Wenn wir Krimis lesen und ansehen, aktiviert das eine gewisse Spannung – obwohl wir gleichzeitig sicher sind. Wir fühlen uns lebendig und wissen, dass wir nicht in der realen Welt aktiv werden müssen, um ’eine Bedrohung’ abzuwenden.“

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"Krimis bieten eine kontrollierte Möglichkeit, Gefahr zu erleben", sagt Psychologin Christina Beran.

Doch Lady Eileen Brents selbstbewusste Antwort, legt noch eine andere Facette offen: ein gesellschaftliches Interesse, ja vielmehr einen Feuereifer, selbst zu tüfteln – und das nicht länger passiv .

20 Jahre nachdem der 35-jährige Japaner Takao Kato seinem Freund bei einem Computerspiel über die Schulter sah, als dieser Hinweise sammeln musste, um die Eingangstür zu öffnen und Takao daraufhin den ersten Escape Room in Japan eröffnete, gibt es Schätzungen zufolge 50.000 Rätselräume auf der ganzen Welt.

Allein in Wien kann man auf unterirdische, ägyptische oder virtuelle Abenteuer gehen und seit dem Johann-Strauß-Jubiläumsjahr 2025 dem Komponisten helfen, seinen Selbstzweifeln zu entkommen. Die Branche hat Preise, Botschafter und Weltrekorde. (4 Japanern gelang es 2020 32 Escape Rooms in 24 Stunden zu besuchen.)

Steigerung der Intensität

Die Steigerung vom Krimi-Schauen zum Escape-Room-Benutzen vergleicht Christina Beran mit einem Lautstärkeregler: Wer mitten drin statt nur oberflächlich dabei ist, erhöht die Intensität der Erfahrung.

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So wie Lady Eileen Brent wollen wir Krimis selbst lösen. 

Außerdem, ergänzt die Psychologin bieten derartige Spielräume einen gewissen „Eskapismus“. Lässt man sich in einen Escape-Room einsperren, hat man 60 Minuten, in denen man weder an E-Mails noch an Whatsapp-Gruppen, an den Haushalt oder an den Kontostand denken muss, sondern sich ausschließlich auf die zwar kniffligen, doch harmlosen Rätsel vor einem konzentriert.

Diese Freizeitbeschäftigung will Beran dennoch mit einem kleinen Disclaimer versehen: „Für Menschen mit hoher Ängstlichkeit oder traumatischen Vorgeschichten, können solche Räume belastend durchaus sein.“

Drei Gänge mit Schuss

Das Gruseln geht aber auch mondäner. Bei „Sherlys Spurensuche“ betritt man in der Wiener Habsburgergasse 10 mithilfe einer 360-Grad-Laserprojektion ein fiktives englisches Herrenhaus. Doch nach der Begrüßung vom Gastgeber folgt nicht der erste Gang, sondern ein Schuss.

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In Wien hebt "Sherlys Spurensuche" das Krimi-Dinner auf ein neues Niveau.

Ebenso wie Lady Eileen Brent beim ominösen Dinner in Wyvern Abbey in der Serie „Seven Dials“ arbeiten während des Drei-Gänge-Menüs in Wien nicht nur Kaumuskeln, sondern auch – wie sie Detektiv Hercule Poirot so gerne sagte – „die kleinen grauen Zellen“ auf Hochtouren.

Natürlich gebe es im echten Leben genug Probleme, die man ebenfalls lösen könnte. Anders als dort ist beim Escape Room oder Krimi-Dinner klar: Es gibt einen klaren Schurken. Vielleicht zwei. Doch kaum etwas, meint Beran abschließend, ist in unsicheren Zeiten derart beruhigend, wie eine klare Einteilung in Gut und Böse. Selbst wenn sie mit ein bisschen Nervenkitzel einhergeht.

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