Leben
01.12.2016

Vier Engel für Luther

In der evangelischen Glaubenskirche in Wien-Simmering geben Frauen den Ton an.

Berührende Momente am Ende der Adventsfeier in einem Pflegeheim der Diakonie in der Wiener Erdbergstraße: Die Pfarrerin legt ihre rechte Hand auf die Stirn jener Bewohnerinnen und Bewohner, die das möchten. Alle wollen, obwohl die große Mehrheit katholisch ist. Vielleicht auch, weil der sympathische katholische Diakon bei der ökumenischen Feier nur aus der Ferne mit Weihwasser segnet. Die Evangelische beugt sich hingegen zu jedem alten Menschen hinunter und flüstert ihm auf Augenhöhe zu: "Gott segne dich."

Eine von 82 Frauen

Nach der Feier fährt Maria Katharina Moser mit der U-Bahn zurück ins Pfarramt. Sie ist eine von 82 Frauen, die in Österreich eine lutherische Pfarrgemeinde leiten. Die modern gestaltete Glaubenskirche steht in der Braunhubergasse 20, fünf Gehminuten von der U3-Endstation Simmering entfernt. Der elfte Wiener Gemeindebezirk war zuletzt öfter in den Schlagzeilen. Nicht unbedingt wegen der liberalen Ansichten seiner Bewohner. Umso größer die Überraschung auf dem evangelischen Hoheitsgebiet: An der Spitze der Gemeinde mit ihren 2100 Seelen stehen neben Pfarrerin Moser noch drei Frauen, die nach evangelischer Tradition von der Gemeinde gewählt wurden.

Vier Engel für Martin Luther, dessen Reformation bald 500 Jahre zurück liegt und daher 2017 ausgiebig gefeiert werden soll.

Vier wie eine Rock-Band

Mindestens ein Mal pro Monat treffen sich die vier Frauen, um offene Fragen zu besprechen. So unterschiedlich die vier Charaktere, gemeinsam gibt die Vierer-Formation in Simmering den Ton an, so wie eine Rock-Band.

Am Schlagzeug gute Figur machen würde sicher die "Frau Pfarrer", wie Maria Katharina Moser von vielen noch immer ein wenig unbeholfen genannt wird. Jedenfalls gibt die Pfarrerin mit viel Fingerspitzengefühl seit September den Takt in der Glaubenskirche vor. Und das nicht nur bei ihren sonntäglichen Predigten.

Moser wurde von ihren Eltern in der oberösterreichischen Stadtgemeinde Eferding katholisch erzogen. In Wien hat sie dann Theologie studiert. "Dort habe ich auch gelernt, dass die katholische Wissenschaft noch immer in Männerhand ist."

Ihr Weg zu den Evangelischen führte über den Küniglberg, wo sie sieben Jahre in der Redaktion der Religionsabteilung gearbeitet hat. Die Akademikerin sagt offen: "In den sieben Jahren habe ich mich selbst nie als Journalistin gesehen, sondern immer als Theologin." Daher weiß sie auch: Luther war dezidiert kein Frauenfreund, jedenfalls gibt es die Gleichberechtigung bei den österreichischen Evangelischen erst seit 1980.

Die E-Gitarre zupfen würde – um im Bild der rockigen Frauen-Formation zu bleiben – die Pfarramtskandidatin Magistra Anna Kampl, junge Mutter von zwei Kindern, aus einer tschechischen Ärztefamilie stammend und bei den jungen Leuten in der Gemeinde äußerst beliebt.

Kräftig, unbeirrt und unnachahmbar auch die Stimmen der beiden ehrenamtlichen Kuratorinnen, Eva Hörmann und Petra Mandl. Beide Simmeringer Urgesteine, mit beiden Beinen im Leben stehend. Hörmann unterrichtet an der Pädagogischen Hochschule im zehnten Bezirk, Mandl ist Sozialarbeiterin der Gemeinde Wien im dritten Bezirk.

Swinging Simmering

"Unsere Kirche muss ein offener Ort sein", erklärt Moser, und ihre Mitstreiterinnen nicken. "Ein Ort, an dem Menschen einen Platz finden. Vor allem aber, an dem niemand ausgeschlossen wird."

Ein Blick in die Kirche beim Gottesdienst am Sonntag zeigt, dass ihr Credo von den Evangelischen im Bezirk gut angenommen wird: Hier sitzt, singt und betet der FPÖ- neben dem SPÖ-Wähler. Die Frau mit dem Rollator neben der Schülerin aus dem Evangelischen Gymnasium. Mitglieder der ghanaischen Gemeinde neben Evangelischen aus Kaiserebersdorf. Und weiter hinten der pensionierte Universitätsprofessor neben der Mindestpensionistin.

Irgendwann, auch darauf vertraut Pfarrerin Moser, müssen Artikel wie jener hier nicht mehr geschrieben werden. Weil es dann überall selbstverständlich sein wird, dass Frauen als Seelsorgerinnen tätig sind. Bis dahin ist allerdings noch ein wenig Zeit. Und daher ist am Ende auch noch die Frage gestattet, was eine Frau als Pfarrerin eventuell besser kann als ein Mann. Vornehm halten sich die vier Frauen zunächst zurück. Dann sehen sie sich an, lächeln und geben unisono zu bedenken: "Wir können besser berühren."