Leben
13.03.2018

Rad fahren: Gesund oder gefährlich?

Leben Radfahrer tatsächlich 14 Monate länger? Experten über Nutzen und Risiken der sanften Mobilität. Außerdem: wertvolle Tipps zum Frühjahrsstart.

Zwei Seelen in seiner Brust: Als Sportmediziner möchte Alexander Mildner seine Patienten natürlich dazu animieren, mehr Bewegung zu machen. Als Unfallchirurg und Radfahrer weiß er hingen, was alles passieren kann. "Wir alle bewegen uns zu wenig", diagnostiziert Alexander Mildner. "Da kann Radfahren eine willkommene Abwechslung sein. Und wenn Menschen damit aktiv zum Klimaschutz beitragen, soll es mir auch recht sein."

Als Student hat Mildner die Perspektive des Alltagsradfahrers selbst kennen gelernt, als Arzt kennt er auch die Schattenseiten. Hunderte Patienten hat er bereits nach Sturz mit dem Rad behandelt. Einprägsam erklärt er: "Es macht Sinn, vorsichtig zu fahren. Niemand will seinen Ausflug am Sonntag oder seine Fahrt zur Arbeit als Pflegefall beenden."

Am öftesten operiert hat er Brüche der Schulter, der Ellbogen und der Handgelenke, auch der Hüfte und der Oberschenkel. Häufig auch: "Rissquetschwunden an den Beinen." Außerdem gefährdet: "Kopf und Knie." Er rät daher zu einem Helm: "Ohne Wenn und Aber."

Gefährliche E-Bikes

Die Kirche im Dorf lassen möchte Klaus Robatsch vom Kuratorium für Verkehrssicherheit lassen. Ja, Radfahrer leben gefährlich, speziell im Kreuzungsbereich, speziell auf E-Bikes, aber die subjektive Wahrnehmung ihres Gefahrenpotenzials wird von der Unfallstatistik nur zum Teil untermauert.

In aller Munde ist das so genannte "Türen", also eine unerwartet auffliegende Tür eines parkenden Autos, die einen schmerzhaften Aufprall oder ein lebensgefährliches Ausweichmanöver des Radfahrers bedingen kann.

Daher rät Marion Seidenberger, Verkehrspsychologin beim ÖAMTC, Autofahrern, ihre Tür mit dem "holländischen Griff", also mit der übergreifenden Hand, zu öffnen: "Damit drehen sie sich automatisch um und sehen, ob sich ein Radler nähert."

"Türen" ist laut Statistik jedoch relativ selten – ebenso wie das Einfädeln mit dem Laufrad in einer Straßenbahnschiene oder die meist tödlich endenden Zusammenstöße mit einem Auto auf Landstraßen. Klaus Robatsch nennt andere Risikofaktoren: "Überhöhte Geschwindigkeit und Selbstüberschätzung."

Psychologin Seidenberger würde sich daher wünschen, "dass die Leute mehr Rücksicht aufeinander nehmen, mehr Abstand halten und sich ihre Zeit besser einteilen". Sie kennt im Übrigen beide Lenkerperspektiven, auch die der Radfahrer. Diese bittet sie, ihr Tempo an die jeweilige Verkehrssituation anzupassen. "Ich habe Verständnis, dass man die eigene Muskelkraft bestmöglich nützen will. Aber vor einer roten Ampel sollte man stehen bleiben. Nicht zuletzt sind wir Vorbilder für unsere Kinder."

Zum Spezialproblem der Verkehrssicherheit ist mittlerweile das E-Bike mutiert. Im Vergleich zum herkömmlichen Fahrrad erlaubt es auch Ungeübten ein deutlich höheres Tempo und eine für sie ungewohnte Fahrdynamik. "Speziell ältere Menschen verletzen sich dabei." Laut Statistik kamen im Vorjahr 4000 E-Biker so schwer zu Sturz, dass sie ins Spital gebracht werden mussten. Daher werden jetzt eigene Fahrkurse angeboten.

Radler leben länger

Bleibt noch die Frage, ob die Abgase in Städten das Gesundheitsrisiko der Radler erhöhen. Der Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von der MedUni Wien hält dezidiert fest: "Wer vom Auto zum Fahrrad wechselt, gewinnt statistisch gesehen drei bis 14 Monate Lebenszeit."

Hutter zitiert aus einer holländischen Studie. Demnach verlieren Radfahrer nur wenige Tage Lebenszeit durch ihre erhöhte Schadstoff-Exposition und das erhöhte Unfallrisiko. Sein Befund: "Wer auf einer stark befahrenen Straße radelt und aufgrund mangelnder Fitness außer Atem gerät, ist ohne Zweifel mehr gefährdet als jemand, der gut trainiert ist und weit weg von den Autos fährt. Die größten Probleme bekommen jedoch jene, die immobil in ihren Autos sitzen und den Abgasen schutzlos ausgesetzt sind."

Die Naturfreunde laden ein

Die Naturfreunde bieten heuer kostenlose E-Bike-Trainings an, mit Leihrädern und auch auf einer verstellbaren Plattform, mit der E-Bike-Fahrten simuliert werden können. Die Plattform lässt sich verstellen, wodurch Bremswege bewusst gemacht und trainiert werden können. Zusätzlich dazu sorgt eine Virtual Reality-Brille für authentische Fahrerlebnisse. Die Teilnehmer werden von Experten aus der Branche (u. a. vom ARBÖ) betreut.

Aktuelle Infos: sicherheitstage.naturfreunde.at

Um Anmeldung wird gebeten: bernhard.rauch@naturfreunde.at

Österreich-Tour 2018

27. April: Ludersdorf/Steiermark

1. Mai: Dornbirn.

5. Mai: Alpenarena Villach.

24. Mai: Marktplatz Innsbruck.

27. Mai: Mattersburg.

21. Juni: Zell am See.

23. Juni: Wilhelmsburg/NÖ.

25. September: Stadt Salzburg.

26. Oktober: Rathausplatz Wien.

Profi-Tipps: Neuralgische Punkte sowie der Nutzen einer Wartung

„Wichtig ist, dass das Fahrrad nach dem Winter einem Service unterzogen wird“, erklärt Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich. Nur die Reifen aufpumpen reiche nicht aus. Gratzer, selbst Alltagsradler, auch im Winter, gibt Tipps, welche Bereiche beim Fahrrad-Check unbedingt zu kontrollieren und notfalls zu reparieren sind:

Bremsen: Ziehen die Bremsseile noch, sind die Bremsbacken noch funktionstüchtig?

Beleuchtung: Gibt es vorne und hinten Licht?

Kette: Ist sie noch gut geölt? Trockene Ketten können reißen und zu Stürzen führen.

Reflektoren: Ist das Fahrrad mit allen vorgeschriebenen Reflektoren ausgerüstet?

Sattel: Passt die Sattelhöhe zur Körpergröße?

Schrauben: Ist keine locker?

Reifen: Je härter sie aufgepumpt sind, umso geringer der Rollwiderstand, umso flotter der Lauf der Räder.

Wichtig ist auch der Hinweis, dass Fahrräder, die im Winter im Einsatz waren, eine Wartung benötigen. Der VCÖ-Sprecher rät dazu, das Fahrrad zumindest einmal im Jahr zum Service in ein Fachgeschäft zu bringen: „Materialschäden können beim Service rechtzeitig erkannt werden. Die regelmäßige Wartung hilft, die Lebensdauer eines Fahrrads zu verlängern und teure Reparaturen zu vermeiden.“