Leben
13.05.2018

Psychologie: Hilfe, ich werde wie meine Mutter!

© Bild: Getty Images/Xesai/iStockphoto

Wer Parallelen zur Mutter entdeckt, ist meist wenig erfreut. Warum es lohnt, diese zu hinterfragen.

Der Moment kommt früher oder später im Leben jeder Frau: Man trifft Entscheidungen oder entwickelt Verhaltensmuster, die einen stark an die eigene Mutter erinnern. Bei Nicole Zepter an dem Tag, an dem sie sich vom Vater ihres Kindes getrennt hat. „Schon während der Beziehung gab es Situationen, in denen ich das Verhalten meiner Mutter angenommen habe, obwohl ich es immer abgelehnt hatte: Ich habe im Streit oft nachgegeben, mich kleiner gemacht. Als es endgültig zur Trennung kam, war mein erster Gedanke: Ich möchte diesen Mann nie wieder sehen.“ Augenblicklich fiel ihr ein, dass ihre Mutter damals genauso gehandelt hatte. Erst mit 18 hatte Zepter erfahren, wer ihr leiblicher Vater ist. Ohne es zu merken, war sie dabei, das Leben der Mutter zu wiederholen. „Ich wollte wissen, warum ich so blöd war, zu glauben, dass ich es anders machen würde.“

Die 46-jährige Journalistin begann sich intensiv mit der Lebensgeschichte ihrer Mutter zu befassen, sprach mit Wissenschaftlern und Familientherapeuten. Die komplexe Mutter-Tochter-Beziehung hat sie nun in einem Buch aufgearbeitet („Der Tag, an dem ich meine Mutter wurde"). „Ich habe sie erstmals als Frau wahrgenommen – welche Träume sie als Mädchen hatte, wie sie aufgewachsen ist, wie das Nachkriegsleben die Familie geprägt hat. Danach habe ich ihre Entscheidungen besser verstanden.“

Die Angst, der eigenen Mutter zu ähneln, hat in der Wissenschaft sogar einen Namen: Matrophobie. Warum aber sind Parallelen zur in der Regel ersten und wichtigsten weiblichen Bezugsperson so oft negativ konnotiert? Ihrer Generation, sagt Zepter, fehle es an Vorbildern: „Als emanzipierte Töchter hatten wir den Anspruch an eine Vorbildfunktion, die unsere Mütter nicht erfüllen konnten, weil sie keine gesellschaftlich anerkannte Rolle hatten. Heute tut mir das leid. Wir sind oft zu streng mit unseren Müttern.“

Mehr Wohlwollen

Die systemische Familientherapeutin Natascha Vittorelli kennt den Satz „Oh Gott, ich bin wie meine Mutter“ aus ihrer Praxis. „Ich stelle dann die Frage: Warum ist das eigentlich so schlimm, was löst das an Gefühlen und Erinnerungen aus? Oft ist es nur ein erster Impuls.“

Die Therapeutin plädiert für mehr Milde und Wohlwollen im Umgang mit Müttern – sowohl in der eigenen Familie als auch in der Gesellschaft. „Wir befinden uns in einem Spannungsfeld zwischen einer Überhöhung und Idealisierung von Müttern und regelrechtem Mütterbashing. Es ist kaum einmal von der Durchschnittsmutter die Rede. So kommt es leicht zu einer Überforderung.“

Töchter tendieren dazu, in ihren Müttern einzig die Rolle der Mutter zu sehen, sagt Vittorelli. „Sie verlieren aus den Augen, dass sie auch Tochter, Schwester, Liebhaberin usw. ist.“ Dabei lohne der Blick auf die Biografie der Mutter, bevor sie eine solche war. „Die Lebensgeschichten können insofern hilfreich sein, weil sie deutlich machen, was man anders oder gleich machen möchte und wieso sich ein daraus ein bestimmtes Verhalten entwickelt hat.“ Die Erkenntnis sei der erste Schritt, wenn man etwas anders machen möchte. „Es gibt kein Naturgesetz, das die Tochter dazu verdammt, die Geschichte der Mutter zu wiederholen. Es geht darum, Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen.“

Das hat auch Nicole Zepter getan. Ihr Sohn sieht seinen Vater regelmäßig, und auch zu ihrer Mutter hat sie heute ein enges Verhältnis. Ihr Buch soll andere Töchter dazu ermutigen, mit ihren Müttern zu reden, nachzufragen. „Dann haben wir die Chance, unsere Mütter als Frauen zu betrachten – und sie ein Stück weit aus ihrer Mutterrolle zu befreien.“

"Der Tag, an dem ich meine Mutter wurde" von Nicole Zepter, erschienen im Blessing Verlag. 224 Seiten, 17,50 Euro © Bild: Verlag