Leben
05/06/2015

Poltern nach Maß: Niveau ist rar

Organisierte Polterabende sind im Trend. Wobei das auch keine Garantie für Niveau ist.

Unter allen Monaten hat es der Mai wirklich gut erwischt: Als Hochzeitsmonat klebt ihm ein liebliches Image an. Doch wo viel Licht, ist bekanntlich auch viel Schatten, und beim Heiraten heißt der Schatten Poltern.

Das oktroyierte Abschiednehmen von der Single-Freiheit treibt zukünftigen Eheleuten oft den Schweiß ins Gesicht. Sie wollen weder Unterwäsche an Fremde verkaufen noch den abgegriffenen Hintern einer Stripperin auf ihrem Schoß gewetzt wissen. Seit Jahren wächst daher die Sehnsucht nach dem neuen Polterabend. Nach dem originellen. Dem niveauvollen.

Manche besinnen sich dafür der alten Tradition: In Österreich feierten Bräute und Bräutigame zwar auch früher mit Freundinnen und Freunden durchaus ausgelassen, aber zu später Stunde fanden sich die Poltergruppen am gleichen Ort ein, in einem Lokal oder sogar zu Hause. In Teilen Deutschlands war es sogar Tradition, dass das künftige Paar alle Mitfeierer zu sich nach Hause einlädt, ganz ohne Getrennt-Sein.

Andere suchten immer Außergewöhnlicheres, Einrichtungen spezialisierten sich (z. B. Polterpackages aufwww.casinos.at), es wurde komplizierter, die Organisation aufwendiger.

Und dann kam Hangover.

Spätestens mit der Kino-Trilogie zog in Kontinental-Europa die angelsächsische Polter-Tradition Nordamerikas und Großbritanniens ein: Dort heißen die Junggesellen- und Junggesellinnenabschiede "stag" (wörtlich: "Hirsch") oder "hen" ("Henne") night und sind meistens mit der tatsächlichen Flucht aus dem Alltag verbunden. Wie im Film "Hangover" soll ein Ortswechsel die totale Gelassenheit garantieren, bis hin zum Sich-Fallenlassen, bis hin zum kapitalen Absturz.

Prag ist voll

Mit den gestiegenen Anforderungen betraten Organisationsprofis die Polterbühne. Zum Beispiel Pissup (www.pissup.de). Die Reiseagentur hat ihren Ursprung ebenfalls auf der britischen Insel (siehe Geschichte rechts), organisiert ausschließlich Junggesellenabschiede und Männertouren mit 300 Aktivitäten in 14 Städten. Und wirbt sogar mit Party "im Hangover-Stil". Franziska Falkenberg ist für Kunden im deutschsprachigen Raum zuständig: "In England ist das ein noch größeres Ritual, da kommt man zum Junggesellenabschied raus aus der Stadt, am besten runter von der Insel." In dieser Tradition bringt Pissup seit 2009 Deutsche, Österreicher und Schweizer meistens nach Bratislava, Budapest oder Prag.

Alleine in der tschechischen Hauptstadt feiern an diesem ersten Mai-Wochenende 20 organisierte Pissup-Gruppen. "Das Interesse, einmal rauszukommen, steigt auch bei uns. Die Jungs kennen sich lange und wollen zu diesem Anlass nicht wieder in der immer gleichen Bar stehen."

Die großen Filmgeschichten kann die 26-Jährige aber nicht liefern: "Unsere Gruppen führen sich nicht wie das Klischee auf, es läuft gesitteter ab, als man denkt. Die drucksen schon am Telefon herum und sagen Sätze wie: ‚Gibt es vielleicht auch eine Tänzerin?‘ Ich sage dann ganz frei raus: Ja, eine Stripperin gibt es bei uns auch."

Die gebuchten Trips laufen dann aber doch meist dem Klischee entsprechend ab: 70 Prozent der Kunden wählen Prag mit Bar, Paintball, Gokart, Sightbeering, die meisten wollen nackte Busen, Schießstand-Adrenalin, Motorengeräusche und billige Drinks. Manchen müsse man sogar erklären, dass beim meistgebuchten "Geiz ist geil"-Paket in Prag um 99 Euro für zwei Tage kein Flug dabei ist und ja, der Preis versteht sich pro Person.

Niveau für Bräute

Auch in Wien wünschen sich viele das Klischee, erklärt Angelika Oswald, die vor einem Jahr www.poltergemeinde.at gegründet hat: "Natürlich organisiere ich auch den Stripper und die Stretch-Limo. Aber eigentlich kümmert sich meine Agentur um den niveauvollen Polterabend." Vor allem Frauen können aus mehreren Modulen, die auf der Website vorgeschlagen werden, den gediegenen Unterhaltungsevent zusammenstellen. Beispiel: Bei "Wilde Kräuter" werden gemeinsam aus Naturprodukten Hautcremes und Lippenstifte hergestellt, die dann sogar essbar sind. Kosten bis zehn Personen 39 Euro, Location auf Wunsch inklusive.

Die Idee dafür entstand bei Oswald aus Angst: "Ich fürchtete mich vor dem, was Freundinnen für meinen Polterabend planten und habe selbst nach Alternativen gesucht. Aber da gab es nichts. Also dachte ich, man müsste Polterabende anbieten, anders als man sie kennt, wo die Braut nicht lächerlich gemacht wird, sondern Frauen mit ihren Freundinnen Qualitytime verbringen." Aus sehr vielen Anfragen wurden bisher 20 Aufträge, heuer ist Oswald von Mai bis Ende September gut gebucht. Wichtig ist ihr die Erfüllung individueller Vorschläge, wobei sie ein Mal passen musste. Und auch in dieser Geschichte kommt eingangs erwähnter Film vor: "Durch ‚Hangover‘ kommen die Menschen drauf, dass sie beim Poltern einmal andere Dinge probieren. Ein Kunde wollte, dass ich in Las Vegas exakt den Hangover-Abend für seine Freunde nachspiele. Aber das musste ich ablehnen, weil es gar nicht möglich ist." Zum Beispiel einen Tiger aus Mike Tysons Haus zu entwenden. Aber auch solche Wünsche formulieren Poltergruppen mittlerweile. Realistischer ist der Wunsch, an dem Oswald gerade arbeitet: "Nach Vorlage des Films ‚Plötzlich Prinzessin‘ will eine Frauenrunde auf Matratzen eine lange Schlossstiege hinunterrutschen." Selber hält sich Oswald an den begleiteten Abenden "als Poltergeist" im Hintergrund und organisiert.
Zurück zu Pissup: Schon der klingende Firmenname erläutert, dass die "möglichst exzessiven" Ausflüge nicht unbedingt Niveau garantieren, aber einen reibungslosen Ablauf. Franziska Falkenberg: "Unsere wirkliche Leistung ist die Verantwortung der Organisation. Bei solchen Gruppenabenden ist die Herausforderung, alle zusammenhalten." Dafür beschäftigt die Agentur in jeder Stadt einen Koordinator und eine Anzahl von Guides für die Betreuung der Gruppen. Obwohl kaum einer wirklich durchdreht. "Für viele ist es aufregend genug, wenn sie überhaupt verreisen. Die freuen sich schon, wenn sie mal mit Gewehren schießen." Nur die Engländer liefern ab und zu starke Geschichten und wachen beim Hotel-Frühstück unter dem Buffettisch auf.

Angekündigte Exzesse

Enttäuschend sei es nicht, dass sogar vorsätzliche Partypeople dann so bieder sind. "Wenn man das mit dem Film vergleicht, ist es vielleicht enttäuschend. Aber wenn man es mit der Realität der Menschen vergleicht, sind die Wochenenden spannend."

Ähnliche Erfahrungen hat die Wienerin Angelika Oswald gemacht: "Bei mir melden sich aber ohnehin kaum Leute, die sich ins Koma saufen wollen. Meine Kunden wollen den Polterabend bewusst erleben. Das sind lustige Leute, auch sehr spontane." Und ja, ein paar langweilige gebe es auch, aber auch deswegen bucht man schließlich einen geführten Abend. "Ich springe dann als Moderatorin ein, hebe die Stimmung durch kleine Spiele. Nichts Peinliches, aber kleinere Trinkspielchen."

Gibt es denn überhaupt den lustigen niveauvollen Polterabend? Oswald ist überzeugt: "Ja, man kann auch mit Niveau lustig sein."

Und den nüchternen?

Oswald zögert.

Am wichtigsten beim Poltern ist die Gruppe

Die Reiseagentur Pissup verspricht "einzigartige und unvergessliche Erlebnisse für den modernen Mann. Kurz: Den ultimative Junggesellenabschied."

Gegründet wurde das Unternehmen 2001 in Großbritannien, 2007 gründeten Rasmus Aarup Christiansen und Mads Thorsdal den dänischen Ableger. Sie expandierten nach ganz Skandinavien, Deutschland, Frankreich, Spanien und die Niederlande. Mittlerweile gehört ihnen die ganze Marke mit Sitz in der Schweiz.

Rasmus Aarup Christiansen kümmert sich vor allem um die juristische und finanzielle Verwaltung und das Marketing. Der Marketing-, Management- und Wirtschafts-Absolvent entwickelt mit seinem Partner gerade das Pissup-Pendant für Frauen (www.chamica.de).

KURIER: Sie erweitern Ihr Programm auffallend in Richtung Niveau. Wohin geht der Junggesellenabschied-Markt?

Rasmus Aarup Christiansen: Der Markt verändert sich nicht wirklich, er wächst nur. Wir erweitern die Liste in alle Richtungen, weil wir versuchen, alle Kundenwünsche zu bedienen – die Klassiker mit Schießstand, Bier und Striptease, und jene, die ein schönes Essen, guten Wein und einen sonnigen Bootstrip wollen. Klassische Junggesellenabende wird es immer geben, und die große Mehrzahl der Kunden will genau das. Aber sie suchen heute oft mehr Aktionen oder High-Class-Erfahrungen.

Wie viele Kunden bedienen Sie mittlerweile damit?

Seit dem Gründungsjahr 2001 hatte das Unternehmen mehr als 100.000 Kunden. Für 2015 erwarten wir 10.000 Kunden, gut die Hälfte davon aus deutschsprachigen Ländern.

Was ist der Profitipp für einen gelungenen Polterabend?

Am wichtigsten ist die Gruppe: Du musst die richtigen Leute zusammenbekommen. Gute Freunde, die gemeinsam etwas erleben wollen, vielleicht etwas Neues ausprobieren. Dadurch erleben Freundschaften neue Situationen, das kann richtig gut sein. In ein anderes Land zu fahren, macht aus einer betrunkenen Nacht eine Wochenend-Erfahrung mit fremder Kultur. Und man verhindert, dass man die gleichen Menschen und Lokale sieht wie im Alltag.

Ist Ihr perfekter Poltertrip im Firmenprogramm?

Ja. Ein cooler Trip nach Budapest oder Bratislava. Mit der fetten Hummer-Limousine mit Champagner vom Flughafen abgeholt werden, gutes Essen, coole Nachtclubs, vom sexy Stubenmädchen geweckt werden, zum Schießstand, ein Streich für den Bräutigam, Bootstrip zum Sonnenuntergang mit Oben-ohne-Bedienung.

Wussten Sie, dass ... ?

... schon die alten Griechen den Abschied vom Junggesellendasein gefeiert haben? Die Freunde des Bräutigams haben das Fest organisiert und ausgerichtet. Wie auch im angelsächsischen Raum üblich, feierten Männer und Frauen getrennt. Die Brautleute hatten die Möglichkeit, nochmals ausgelassen zu sein, ohne an die späteren Verpflichtungen zu denken.

... in Deutschland seit Beginn des 16. Jahrhunderts der Polterabend gefeiert wird? Damals zogen Freunde und Nachbarn der zukünftigen Eheleute durchs Dorf und polterten durch die Straßen, indem sie mit Stöcken und Peitschen um sich schlugen. Der Radau sollte die bösen Geister vertreiben. So entstand der Brauch, Lärm zu machen. Später wurde Porzellan zerschlagen, nach dem Motto: Scherben bringen Glück.

... der Begriff Junggeselle aus dem Zunftwesen kommt? Er war im Handwerksbetrieb der jüngste Geselle und stand in der Hierarchie ganz unten. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts ist damit zum Teil der Geselle auf Wanderschaft, auf der Walz, gemeint, der noch keine Familie gründen konnte.