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Negativ-Trend
11/19/2015

Zu dick, zu dünn, zu fit – immer mehr Stars wehren sich gegen Körperkritik

Vor beleidigenden Kommentaren ist kein Figurtyp sicher. Immer mehr Promi-Frauen reicht es: Sie wollen sich die Anfeindungen aus dem Netz nicht länger gefallen lassen und fordern mehr Akzeptanz.

von Julia Pfligl

Es waren ungewohnt persönliche Worte, die vor einigen Wochen auf Gigi Hadids Instagram-Profil zu lesen waren: "Nein, ich habe nicht denselben Körpertyp wie andere Laufsteg-Models. Nein, ich denke nicht, dass ich das beste Model aller Zeiten bin", richtete die 20-Jährige ihren acht Millionen Abonnenten aus. Und weiter: "Ja, ich habe Brüste, ich habe einen Hintern, ich habe Oberschenkel, aber ich will deswegen keine Extrabehandlung."

Mit ihrem offenen Brief reagierte Hadid auf Kommentare, die – meist anonyme – User unter viele ihrer Fotos geschrieben hatten: Ihre Oberschenkel seien zu dick, ihre Brüste zu groß, sie selbst als Model nicht geeignet. Und das, obwohl die schöne Blondine mit den palästinensischen Wurzeln in der vergangenen Fashion-Week-Saison für fast jede Show gebucht wurde.

Es trifft alle

Das wütende Statement des Topmodels hat einen Nerv getroffen: Beleidigende Kommentare unter Fotos von Stars sind in den sozialen Netzwerken mittlerweile eher Regel als Ausnahme. "Body Shaming" nennen englischsprachige Medien die verbalen Attacken auf die Figur anderer. In den vergangenen Monaten war der Begriff so oft zu lesen, dass er in mehrere Wörterbücher aufgenommen wurde; das verwandte "Fat Shaming", also die Diskriminierung von Übergewichtigen, war einer der Neuzugänge des ehrwürdigen Oxford English Dictionary im August. Das Richten über die Körper anderer beginnt häufig schon im Kinderzimmer, wie ein gefährlicher YouTube-Trend zeigt: Schüler laden Videos hoch, in denen sie die Listen ihrer Klassenkollegen durchgehen und jeden unter hämischem Gekichere als "Hot" oder "Not" bewerten – eine neue, öffentliche Form der Demütigung.

Im Gegensatz zu Fat Shaming bezeichnet Body Shaming das öffentliche Kritisieren von allen nur erdenklichen Figurtypen, also auch von sehr schlanken oder trainierten Körpern. So wurde etwa Tennis-As Serena Williams wegen ihrer muskulösen Oberarme angefeindet – und das, obwohl ihr Typ als neues Ideal gilt (siehe unten). "Niemand ist vor Body Shaming gefeit", erklärt die Wiener Psychologin Brigitte Moshammer-Peter (siehe Interview). Das öffentliche Mobbing sei für dünne Frauen genauso verletzend wie für mollige: "Weil es ja keine wertschätzende Kritik ist, sondern eine Selbstwertattacke. Und die trifft jeden."

Eine Erfahrung, die auch Schauspielerin Emma Stone sowie US-Sängerin Ariana Grande machen mussten: Beide wurden online immer wieder als zu dünn bezeichnet, "Fans" dachten laut über eine mögliche Essstörung nach und forderten die Promi-Damen per Kommentar auf, mehr Sandwiches zu essen. "Ich höre ständig, dass ich krank bin und mehr essen soll", klagte die 28-jährige Stone jüngst in einer Talkshow und beteuerte, gesund zu sein. Die zierliche Ariana Grande wehrte sich auf Instagram gegen die Anfeindung, "Hungerhaken" wie sie seien nicht sexy: "Solche Kommentare sind nicht okay. Wir leben in einer Zeit, wo es einem unmöglich gemacht wird, sich zu akzeptieren."

Therapeutische Hilfe

Welche Folgen Body Shaming haben kann, zeigt das Beispiel von US-Sängerin Selena Gomez. Anfang des Jahres wurde die 23-Jährige beim Baden in Mexiko fotografiert, in einem unvorteilhaften pinken Bikini, der ein paar Extra-Kilos offenbarte. An sich keine Tragödie – bis der Shitstorm losbrach. Selena sei "fett" und "hässlich", der Bikini ein "Albtraum".

Kommentare, die die Ex-Freundin von Justin Bieber sehr verletzten, wie sie später zugab: Sie habe beschlossen, eine Therapie zu machen, um damit fertig zu werden. Ihr trauriges Geständnis war aber auch eine Kampfansage: "Ich werde nicht zulassen, dass diese Leute mich kaputt machen", sagte sie der Us Weekly. "Ich bin stark, ich liebe, was ich tue, und ich werde dafür kämpfen."

Heute muss jeder eine Oberschenkellücke haben

KURIER: Warum wehren sich plötzlich so viele Frauen gegen die Kritik an ihrem Körper?

Moshammer-Peter: Man ist ständig online, postet etwas, ist Kritik ausgeliefert – ich denke, das wurde so auf die Spitze getrieben, dass es jetzt eine Gegenbewegung gibt. Ganz wichtig: Niemand ist davor gefeit, attackiert zu werden. Früher gab es Zeitschriften, da waren vielleicht ein paar Prominente betroffen, aber heute lebt jeder öffentlich. Und jeder muss eine Oberschenkellücke haben – früher hat das überhaupt niemanden interessiert. Jeden Tag bekommen wir unzählige Male Ideale gespiegelt – im Fernsehen, im Internet, in der Werbung.

Wer ist für diese Art von Mobbing besonders anfällig?

Kritik greift nur dann, wenn ich selber Zweifel habe. Dann fällt sie sozusagen auf fruchtbaren Boden. Wenn man kein Problem damit hat, kommt die Kritik nicht an einen heran. Nun gibt es kaum Jugendliche, die mit ihrem Körper einverstanden sind. Das ist auch logisch: Man wacht auf und jeden Tag ist etwas anders – es wachsen Haare, die Brust wird größer. Man ist nicht eins mit seinem Körper, weil er sich so schnell verändert, dass der Kopf nicht nachkommt.

Selena Gomez hat wegen der Kritik an ihrer Figur eine Therapie gemacht. Ein Extremfall?

Das kann noch viel weiter führen: zu Depressionen, zur Ablehnung des eigenen Körpers bis hin zur eigenen Person. Oder zu massiven Sexualstörungen. Ich ziehe mich vor meinem Partner nicht aus, bzw. nur an den entscheidenden Stellen. Vor 200 Jahren gab es für Frauen spezielle Nachthemden, die im Schritt eine Öffnung hatten. Viele Frauen sehnen sich heute wieder nach solchen Kleidern.

Was raten Sie Betroffenen?

In dem Moment, wo mich jemand öffentlich angreift, muss ich mir die Frage stellen, ob es diese Person verdient hat, mein Freund zu sein. Warum umgebe ich mich mit jemandem, der mir so wenig Wertschätzung entgegenbringt, anstatt mich zu unterstützten? Sobald ich beginne, zu argumentieren, liefere ich Nahrung für Gegenargumente. Heute ist die schlimmste Strafe, die man jemandem antun kann, ihn als "Freund" zu löschen.

Was können die Bekenntnisse der Stars bewirken?

Das Posting eines Stars wird niemanden heilen, der schon tief drinnen steckt. Aber es kann auf jeden Fall einen Denkanstoß in die richtige Richtung geben.

Muskulöse Frauen als neues Idealbild

Schlank reicht nicht mehr: Die ideale Frau von heute hat Bauchmuskeln, trainierte Oberarme und einen stahlharten Po. In den sozialen Netzwerken rühmen sich junge Frauen unter dem Stichwort #fitspo (ein Mix aus "Fitness" und "Inspiration") ja schon länger mit ihren Trainingserfolgen – jetzt hievte die australische Sportzeitschrift Men’s Fitness erstmals eine Frau aufs Cover. "Du glaubst, du seist stark?", fragt Ronda Rousey (28), muskelbepackte Mixed-Martial-Arts-Kämpferin, von der Titelseite.

Athletische, starke Frauen wie sie sind die neuen Idole: Ob First Lady Michelle Obama, deren Oberarme die Weltpresse regelmäßig in Ekstase bringen, Fitnessbloggerin Kayla Itsines, die von Millionen junger Instagrammer angebetet wird, oder Topmodel Izabel Goulart, die auf dem Laufsteg der Victoria’s-Secret-Show mit ihrem Sixpack auffiel. Attraktivitätsforscher haben für das neue Ideal eine einfache Erklärung: Als schön gilt, was besonders schwer zu erreichen ist.