Hochgatterer: "Menschen haben Angst vor Psychiatern"

Paulus Hochgatterer
Foto: KURIER/Gilbert Novy   

Ein Doppelleben, über das man gerne spricht: Paulus Hochgatterer, 56, ist nicht nur angesehener Psychiater, sondern hat sich auch als Buchautor längst etabliert. Nun ist sein elftes Werk erschienen. In der freizeit erzählt Hochgatterer vom Aufschreiben von Geschichten, dem Tod seines Vaters und der Weigerung, sich theoretisch bei sich selbst auf die Couch zu legen.

Herr Hochgatterer, Armin Wolf hat auf die Frage eines Followers auf Twitter nach seiner Sommerlektüre Ihr neues Buch „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“ empfohlen ...

Oh, davon weiß ich gar nichts. Das freut mich sehr.

Wolf ist bekennender Karl-May-Fan.

Sie selbst haben angeblich fünfzig Karl-May-Bücher gelesen. Haben  Sie beide sich schon einmal ausgetauscht?

Ich habe Herrn Wolf ein einziges Mal im Leben persönlich getroffen. Aber es ist ohnehin viel netter, wenn jemand dein Buch empfiehlt, mit dem du nicht befreundet bist. Ich habe sehr früh und zeitlebens sehr viel gelesen.  Karl  May hat in meiner Lesesozialisation eine große Bedeutung. In einer gewissen Phase war er ganz typisch für meine Leseunersättlichkeit.

Dem Alter entsprechend.  

Zu welchem Alter passt denn Karl May?

Zu jüngeren Menschen? Sie wirken doch, als wäre Ihr intellektueller Anspruch recht hoch.

Was den Anspruch betrifft, hege ich den  Verdacht, dass der Eindruck, den Sie beschreiben, mit meinem Psychiater-Dasein zu tun hat . Die Menschen fürchten sich immer noch vor dem Psychiater.

Man hat einfach das Gefühl, ein Psychiater weiß mehr über einen, als man selbst. Warum sind Menschen generell von ihrem Seelenleben so fasziniert?   

Der Mensch neigt dazu, über Dinge, die er nicht so recht einordnen kann, mehr wissen zu wollen. Haben die Dinge dann mit einem selbst zu tun, neigt man vielleicht besonders dazu. Die eigene Psyche ist ja manchmal schon ein Rätsel.

Selbst für Sie? Sie wissen so viel darüber.

Aber das nützt nichts, wenn man mit den Tiefen der eigenen Seele konfrontiert ist.   

Es heißt oft, Psychiater könnten in Menschen hineinschauen. Was glauben Sie: Sind  die Augen der Spiegel der Seele?

Es stimmt, dass sich aus den Augen und dem Blick viel herauslesen lässt. Aber wenn man ein wenig an das psychoanalytische Setting glaubt, wie ich, kann das nicht alles sein. Der Psychoanalytiker sieht die Augen des Analysanden ja meistens gar nicht  oder nur, wenn er schummelt und sich vorbeugt.

Warum sollten sich Menschen bei der Analyse eigentlich auf die Couch legen?  

Wenn man bösartig ist, könnte man sagen, damit der Psychiater besser ein Nickerchen machen kann. Es gibt einen Film über eine Analyse-Sitzung, in der Igor Caruso, ein berühmter Salzburger Analytiker,  eine Zigarette nach der anderen tschickt. Auch das geht leichter, wenn man hinter der Couch sitzt. Aber der Grundgedanke ist, dass man sich liegend dem freien Strom der eigenen Gedanken besser hingeben kann, als im sitzen, wo man ständig jemanden anschauen muss.

Den Psychiater, der während einer Sitzung alles Mögliche  tut, kennt man aus Filmen.

Da werden Nägel geschnitten, Korrespondenzen erledigt oder es wird im Internet gesurft.

Ich nehme an, Sie machen das nicht.  

Nein, das mache ich nicht.

Sie sind seit 1990 nicht nur Psychiater, sondern auch Autor und haben nun Ihr elftes Buch veröffentlicht. Nachdem Sie den Krieg nicht erlebt haben: Warum wollten Sie eine Geschichte  erzählen, die in den letzten Tagen des 2. Weltkriegs spielt?

Der Ausgangspunkt war eine Begebenheit, die meine Mutter aus ihrer Kindheit immer wieder erzählt hat und in der es einen Tag gab, an dem mein Großvater für mich ein Held war. Das Bewusstwerden, dass die Jahre zwischen 1938 und 1945 die Lebensläufe  der Generation meiner Eltern zentral beeinflusst und gesteuert haben und damit auch mein Leben, war eines der Motive, dieses Buch zu schreiben.  Mir ist mit dem Älterwerden meiner Eltern bewusst geworden, dass Geschichten, die mehrere Generationen geprägt haben, irgendwann weg sind, wenn man sie nicht aufschreibt. Das wäre schade.

Ihr Vater ist vor wenigen Monaten verstorben.  Nachdem Sie Kinder- und Jugendpsychiater sind: Ist der Umgang mit dem Tod für  einen erwachsenen und psychologisch geschulten  Menschen leichter?      

Wenn ich mir die Kinder oder Jugendlichen vor Augen führe, mit denen ich zu tun habe und deren Mütter und Väter sterben, ist das wirklich kein Vergleich. Ich habe, wenn man so will, mehr als 50 Jahre Zeit gehabt, mich auf den Tod meines Vaters vorzubereiten, und es ist in Ordnung so. Er war mit 85 in einem Alter, in dem das zu erwarten ist. Aber wenn man eine gute Beziehung zu seinem Vater hatte, reißt es trotzdem  eine Lücke.

Menschen, die eine wichtige Person verlieren, neigen oft dazu, zu bereuen, bestimmte Dinge mit diesem Menschen nicht mehr besprochen oder getan zu haben. Wie ist es Ihnen damit ergangen?  

Ich glaube, dass es bis zum Schluss etwas zu sagen oder zu tun gibt. Wenn jemand stirbt, wird das gemeinsame Leben immer zu kurz sein. Man hat nie alles erledigt.

Glauben Sie, dass eine gute Beziehung zu Vater und Mutter ausschlaggebend für ein glücklicheres Leben sind?

Meiner Erfahrung  nach gibt es einen ganz wichtigen prognostischen Faktor, der etwas darüber aussagt, ob sich ein Kind gut entwickelt oder schwierig wird. Es ist die Frage, ob es im Leben des  Kindes „One Caring Person“ gibt. Das ist der Fachausdruck für  jemanden, der sich wirklich um das Kind kümmert. Ob das Vater, Mutter, Pflegeeltern oder Oma und Opa sind, ist egal. Entscheidend ist, dass das Kind jemandem ein echtes Anliegen ist.

Paulus Hochgatterer Foto: KURIER/Gilbert Novy

Warum wollten Sie  Kinderpsychiater werden? Sie sind Vater eines erwachsenen Sohnes, was mich als Hobby-Psychologin nicht davon überzeugt, dass Ihr Kinderbedarf extrem groß ist.   

Muss man viele Kinder haben, um Kinderpsychiater zu werden? Bei mir hat das sicher damit zu tun, dass mein Vater Lehrer war, ich zwei Schwestern habe und auf dem Land in einer Siedlungsstraße mit vielen gleichaltrigen Kindern groß geworden bin. Meine Mutter hatte sieben Schwestern, mein Vater vier Geschwister. Dazu gab es viele Cousinen und Cousins. Ich habe also in meiner Kindheit und Jugend gesehen, wie schön es ist, als Kind  von Kindern umgeben zu sein.

Sie kommen aus Niederösterreich und siedeln ihre Romane gerne am Land an. Ihre Eltern waren  katholisch engagiert. Was hat Glaube bei Ihnen bewirkt?  Halt?

Bestimmt. Wahrscheinlich war es weniger der Glaube, als viel mehr die Struktur, die Religion im Alltag zur Verfügung stellt – der Festkalender oder das Ministrieren, das auf dem Land dazugehört. Ich habe das nie als Belastung empfunden. Und das, was ich nicht wollte, habe ich in einem Alter abgestreift, in dem es notwendig ist, Dinge abzustreifen.

Gehen Sie regelmäßig in die  Kirche?

Wir haben ein kleines Refugium  im Waldviertel. Da gehen wir manchmal in die Kirche. Einfach, weil’s nett ist und das dort auch Gemeinschaft bedeutet. Es ist eine Möglichkeit, sich zugehörig zu zeigen.

Aufgewachsen sind Sie in Amstetten, das nach dem Fall Fritzl, in den Sie beruflich involviert waren, zu trauriger Bekanntheit gelangt ist. Tut Ihnen das leid?

Ich bin nun mal in Amstetten geboren und keinen Kilometer vom Fritzl-Haus zur Schule gegangen. Diese Realität gehört zu mir, wie vieles andere auch. Ich verstehe gerade mein letztes Buch als deutliche Willenskundgebung, mich auch zur historischen Realität dieses Ortes und der Umgebung in der ich aufgewachsen bin, zu deklarieren. Die hatte mit den Fritzls zu tun und im 2. Weltkrieg mit amerikanischen Piloten, die umgebracht oder deutschen Deserteuren, die erschossen wurden.  

Ich könnte mir vorstellen, dass der Fall Fritzl, der nicht alltäglich ist, für einen Psychiater sehr interessant ist. Nun ist ein Psychiater aber auch ein Mensch. Überwiegt da nicht das Mitgefühl für die Opfer?

Aus der Distanz ist er auf einer abstrakten Ebene interessant. Es geht um die Frage, wie sich der Mensch unter Bedingungen extremer Isolation verhält und sich vor allem Kinder in einem Keller ohne regelmäßige Beziehung zur Außenwelt entwickeln. Also diese ganze Kaspar-Hauser-Geschichte. Aber wenn man mit diesen Menschen real konfrontiert ist, ist natürlich vor allem augenblicklich interessant, wie man ihnen helfen kann.

Als Außenstehender denkt man, dass Menschen nach so extremen Einschnitten kein normales Leben mehr führen können.  Aktuell kommt einem bei  Flüchtlingen dieser Gedanke.

Das ist ein wichtiger Punkt. Die Flucht hat irgendwann ein Ende, aber aus den Menschen kriegst du sie nie wieder raus. Das ist das Gleiche wie mit Amstetten und mir: You can get the boy out of Amstetten, but you can’t get Amstetten out of the boy.  Andererseits hätte ich in Bezug auf Menschen mit Traumata meinen Beruf verfehlt, würde ich nicht glauben, dass man den Menschen trotzdem helfen könnte.

Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos?   

Aussichtslosigkeit darf nicht die Konsequenz von Traumatisierung sein. Wie komplett die Integration des Traumas in die eigene Lebensgeschichte gelingen wird, kann man nie im Vorhinein sagen. Aber wenn der Rahmen stabil ist und es konstante Bezugspersonen gibt, gelingt irgendeine Form der Integration immer. Die Leute können ein Leben führen, in dem wichtige Dinge Platz haben. Beziehung, Arbeit, Zufriedenheit und ab und zu so etwas wie Glück, um dieses große Wort zu gebrauchen. Das heißt aber nicht, dass die schlimmen  Ereignisse verschwunden sind.

Raubt Ihnen die  ständige Beschäftigung mit dem Unglück anderer nicht sehr viel Energie?

Es ist eine Frage der Balance. Einerseits ist der Schrecken im Zusammenhang mit Kindern  immer ein ganz besonderer Schrecken, andererseits ist die Begegnung mit Kindern auch etwas Besonderes.  Die Arbeit mit ihnen ist ständige Herzerfrischung, weil sie hochemotional, spontan, unmittelbar, herzlich und teilweise irrsinnig lustig ist. Das bringt Energie. Zusätzlich ist es notwendig, zum Ausgleich auch ganz andere Sachen zu machen.

Schreiben zum Beispiel.  

Oder lesen, im Kaffeehaus sitzen oder ans Meer fahren. Normale Dinge tun.

Sie sind Psychiater, Autor und haben mit Ihrer Frau einen Sohn großgezogen. Viel für ein Leben. Welchen Bereich mussten Sie vernachlässigen?  

Muss man das? Wenn ich das alles betrachte, könnte ich sagen, dass ich immer drei Bereiche hatte, die ich mit Begeisterung versucht habe auszufüllen.

Angenommen Sie müssten selbst zum Psychiater: Würden Sie sich von sich selbst behandeln lassen?

Vermutlich nicht, wenn ich mir vor Augen führe, bei wem ich real Rat gesucht habe, sind das eher Kollegen, die ganz unterschiedlich sind. Ich glaube, es ist wie in einer Partnerbeziehung. Wenn man sich selber verwundbar macht, ist zu viel Ähnlichkeit nicht gut.

Ist man als Psychiater gefährdet, alle Menschen, die man trifft, zu analysieren?

Das mache ich nicht immer. Ich frage mich jetzt nicht, warum Sie ein rotes Tuch mit weißen Tupfen im Haar haben.

Die Gründe dafür sind banal. Daraus lässt sich  nichts Psychologisches ableiten.  

Doch. Mann kann Mut zur Farbe erkennen und eine gute Beziehung zur eigenen Kindheit. Sonst hätten Sie vielleicht gedecktere Farben oder ein spießigeres Muster ausgesucht.

Der Friseur ruft – sehr laut sogar.

Na gut, dann ist es die weibliche Eitelkeit. Das kenne ich von meiner Frau. Die wird auch immer nervös, wenn der Friseur ruft.

Paulus Hochgatterer Foto: KURIER/Gilbert Novy

Barbara Reiter im Interview mit Paulus Hochgatterer: Das rote Tuch mit weißen Tupfen faned sein Interesse

War Ihre Frau je eifersüchtig auf Ihre zweite Liebe, die Schriftstellerei?  

Im Gegenteil. Sie liebt die  Bücher, ist meine erste Lektorin und unerbittlich in ihrem Urteil.

30 Jahre verheiratet zu sein, gelingt wenigen. Was ist das Geheimnis Ihrer Ehe?

Gibt’s das? Ein Geheimnis? Ich glaube, es muss ausreichend gemeinsame Interessen geben, aber auch genügend Unterschiede. Sonst wird’s fad. Es hat mit der Bereitschaft zu tun, auf den andern einzugehen und die Schnurren des Partners zu akzeptieren, außerdem natürlich einfach mit der Lust aneinander. Letztlich gehört auch eine Portion Glück dazu. Und ich habe Glück gehabt, das muss ich sagen.

PSYCHIATER MIT DOPPELLEBEN

Paulus Hochgatterer, 56, wurde 1961 in Amstetten geboren und hat zwei Schwestern. Sein Vater war Deutschlehrer.  Hochgatterer
stammt aus einer, wie er sagt, „Familie, in der gerne Geschichten erzählt wurden“. Darin sieht er auch den Grundstein für seine Liebe zum Schreiben, mit dem er schon in der  Volksschule begann. Seine ersten Geschichten veröffentlichte er schließlich als Gymnasiast und 1990 sein erstes Buch „Der Aufenthalt“. In seinen Romanen lässt der Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie Tulln, auch immer wieder seine beruflichen Erfahrungen einfließen. Vor Kurzem ist sein elftes Buch erschienen.  Hochgatterer ist seit dreißig Jahren mit einer Ökonomin verheiratet und Vater eines 28-jährigen Sohnes. Johannes studiert Filmregie in Los Angeles. 

Info: „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“ von Paulus Hochgatterer ist im Deuticke Verlag erschienen und kostet 18 Euro. Der Handlung, die in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges spielt, liegt eine persönliche Geschichte aus der Familie des Autors zugrunde.

(KURIER freizeit) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?