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Interview
03/06/2016

Was wir von Adam und Eva lernen können

Paartherapeutin Susanne Pointner über die Wunderwaffe Humor und die Macht von Bildern.

von Julia Pfligl

Ist es sinnvoll, dass wir noch zusammenbleiben? Eine Frage, die sich viele Paare eines Tages stellen, weiß Susanne Pointner. Die Psychologin und Therapeutin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Paaren, die sich in Problemen verstrickt haben. In ihrem Ratgeber "Adam, wo bist du? Eva, was tust du?" verrät sie, wie man wieder herausfindet – und stellt fest: "Paare mit Schwierigkeiten glauben oft, dass sie zu wenig Nähe haben – tatsächlich ist aber meist fehlende Autonomie das Problem."

KURIER: Was passiert, wenn man die Autonomie in der Beziehung verloren hat?

Susanne Pointner: Wenn man immer den anderen beschuldigt und von seinen Reaktionen abhängig ist, gibt man die Macht und die Freiheit ab. Denn dann hat nur noch der andere die Möglichkeit, etwas zu verändern. Ich zum Beispiel fühlte mich immer arm, weil mein Mann keine Fernreisen mit mir gemacht hat. Ich musste lernen, dass er nicht überall dabei sein muss. Wenn ich die Freiheit habe, ohne ihn zu fahren, setze ich ihn nicht mehr so unter Druck – dann kann er auch viel leichter "Ja" dazu sagen. Er kann mich in meiner Veränderung unterstützen, aber ich kann nicht sagen, ändere du dich, dann wird alles besser.

Wie erlangt man diese Autonomie?

Manchmal ist in einer Paartherapie so sehr ein altes Trauma präsent, dass eine Einzeltherapie sinnvoller ist. Wenn die Menschen erkennen, dass nicht nur der Partner das Problem ist, sondern vielleicht eine alte Geschichte, ein Rucksack, den man mit sich herumschleppt, fällt es leichter, sich nicht so sehr von der Reaktion des Partners abhängig zu machen. Wenn ich also merke, ich erwarte etwas von meinem Partner, das ich eigentlich von meiner Mutter oder meinem Vater gebraucht hätte – dann löst sich diese extreme Fixierung auf den Partner.

Ist das nicht ein bisschen zu einfach – zu sagen, die Eltern seien schuld?

Es ist nicht immer nur das Elternhaus, vor allem nicht immer nur Mama oder Papa. Und schon gar nicht kann man sagen, dass sie schuld sind. Aber an den Punkten, wo ein Paar so verstrickt ist – und die hat jedes Paar –, muss man auch schauen, ob es nicht irgendwelche biografischen Spuren gibt.

Warum kommen überhaupt so viele Paare an den Punkt, wo sie sich fragen: Lohnt es sich noch?

Wir haben heute hohe Ansprüche an eine Beziehung. Wir brauchen den anderen nicht mehr nur zur materiellen Absicherung und Familiengründung. Wir wollen alles: Familie, Wohlstand, eine spirituelle Entwicklung, gemeinsame Interessen. Diese Ansprüche überfrachten die Beziehung, Enttäuschungen sind vorprogrammiert. Man glaubt: Wir müssen es doch eh können, wir haben Bücher, wir haben alles zur Verfügung. Aber in Wirklichkeit ist Beziehung immer auch Scheitern. Es geht darum, das durchzustehen und auszuhalten und nicht zu denken, mit dem Richtigen wäre alles eitel Wonne. Zu lernen, dass dieses Aushalten auch eine Qualität ist – ohne in die alten Muster der Großeltern zurückzufallen. Es ist ja auch gut, dass man heute schneller gehen kann. Nur wird es danach eben nicht immer besser.

Warum verwenden Sie das Bild von Adam und Eva?

Wir alle haben eine kindliche, vernachlässigte Bilderseite in uns, die durch Mythen und Märchen sehr gut ansprechbar ist – und "Adam und Eva" ist eben der Ur-Mythos. Von ihnen können wir lernen, dass es zum Menschsein gehört, das Paradies der ersten Verliebtheit verlassen zu müssen. Und es wird bereits dargestellt, dass es die Frau ist, die die Liebe mehr auf den Boden bringen will. Nicht umsonst – immerhin ist sie die Gebärende. Heute noch sind es immer wieder die Frauen, die sagen: Diese Verliebtheit ist ja schön und gut, aber wann machen wir Nägel mit Köpfen?

Sind es also auch die Frauen, die den Weg aus der Krise suchen?

Frauen haben meistens schneller den Bezug dazu. Sie tun sich leichter, haben einen geschichtlichen Vorsprung in der Auseinandersetzung mit Emotionalität. Allerdings sind sie oft schon zu reflektiert und benutzen das als Waffe. Männer sind oft unbedarfter, kommen schwerer ran. Wenn sie sich öffnen, sind sie sehr ehrlich, authentisch und treffen den Punkt, wo Frauen oft fünf Schleifen machen.

Im Buch spielen Sie auch mit anderen berühmten Film-Paaren, z. B. Meryl Streep und Robert Redford in "Jenseits von Afrika". Was können wir von ihnen lernen?

Ich arbeite gerne mit Bildern, weil sie bestimmte Sehnsüchte wecken, die uns selber nicht bewusst sind. In "Jenseits von Afrika" gibt es diese eine Szene, in der er ihr am Fluss die Haare wäscht. Wenn eine Klientin in der Therapie sagt, das Bild ziehe sie an, merke ich: Diese Frau hat eine große Fähigkeit zur Hingabe, lebt sie aber nicht aus. Das ist ganz anders, als wenn ich sage: Wissen Sie, Sie sind halt sehr kontrolliert, Sie müssen lernen, sich Ihrem Partner mehr hinzugeben.

Im Buch skizzieren Sie Beziehungsprobleme anhand eines erfolgreichen, dynamischen Paares, dem niemand eine Krise zutraut.

Damit wollte ich zum Ausdruck bringen, dass es nicht immer so ist, wie man glaubt. Oft sind es die kultivierten, sozial kompetenten Paare, die verstrickt sind. In der Beziehung kommen oft Dinge zum Vorschein, die von außen nicht sichtbar sind. Wir sind ja heute sehr damit beschäftigt, den Schein zu wahren. Die Energie geht dann sehr nach außen und fehlt natürlich innen.

Wie gelingt es, starre Muster in Beziehungen zu lösen?

Mit Humor! Wenn es noch irgendwie möglich ist, diese Ressource zu aktivieren, ist das gut. Ich kann mich noch erinnern: Hundert Mal habe ich meinem Mann gesagt, ich möchte, dass zuhause aufgeräumt ist und nicht alles herumliegt. Und er hat hundert Mal gleich reagiert. Das war völlig sinnlos, es wurde immer nur enger. Eine Freundin meinte dann, ich solle doch die Wohnung verbarrikadieren – das wollte ich nicht, aber ich habe Klopapier über die Türen gespannt. Das hat geholfen! Weil es eine Ich-Botschaft war, aber gleichzeitig humorvoll. Wege, die man noch nicht probiert hat und die nicht aggressiv sind – wie eine Zeichnung oder ein Musikstück –, lösen Verkettungen und schaffen Bewegung. Die Botschaft kommt an, denn da schwingt ein "Ich will ja mit dir" mit. Humorvoll heißt immer auch liebevoll.

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