Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur

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Leben
05/19/2019

Warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben

Was Menschen erzählen, die sich in Verschwörungsmythen verlieren, haben zwei deutsche Autoren recherchiert.

von Gabriele Kuhn

Der Brand von Notre Dame in Paris war noch nicht gelöscht, als die ersten rechtspopulistischen Verschwörungsmythen im Netz kursierten. Man sprach vom französischen 9/11 und den Untergang des Christentums.

Konspirative Thesen existieren seit Jahrhunderten, aktuell erleben sie eine Renaissance. Da geht es um die wahren Drahtzieher der Anschläge auf das World Trade Center, genauso wie um Chemtrails, die Klimawandel-Lüge oder um Reptiloide, die die Welt beherrschen würden. Und so manche Politiker und deren Fans denken, dass Geheimdienste Interesse am Sturz der österreichischen Regierung hätten.

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Absurd? Verschwörungsmythen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen – das zeigt eine aktuelle Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung: 46 Prozent meinen etwa, geheime Organisationen würden politische Entscheidungen beeinflussen. Jeder zweite Befragte traut den eigenen Gefühlen mehr als einer Expertenmeinung.

Manches davon mag man belächeln, doch viele Behauptungen sind gefährlich, zumal sie durch die Neuen Medien rasend schnell verbreitet werden. Aber weshalb glauben so viele Menschen an solche Mythen? Um das herauszufinden, haben der deutsche Wirtschaftsjournalist Ingo Leipner und der Filmemacher Joachim Stall mit Menschen geredet, die an Verschwörungen glauben. Dabei ging es auch um die Frage, wie man systematisch Verschwörungstheorien erkennt. Zum Buch ist ein Film in Arbeit, der von Joachim Stall gedreht wird.

KURIER: Sie hatten für Ihr Buch Kontakt mit Verschwörungstheoretikern. Was hat Sie dabei am meisten irritiert?

Ingo Leipner: Wir haben intensiv mit Menschen gesprochen, die wir der verschwörungstheoretischen Szene zuordnen. Besonders schockierend war ein Musiklehrer, der freundlich und friedlich über christliche Werte, Transzendenz und Engel sprach und plötzlich einen Wutanfall bekam: Moslems raus, das christliche Europa wird durch „Islamisierung“ zerstört! Da habe ich gemerkt, wie tief gewisse Ressentiments und verschwörungstheoretische Konzepte vom rechten Rand in unsere Gesellschaft eingesickert sind und an Stellen aufleuchten, wo man sie nicht vermuten würde.

Über Verschwörungstheorien gibt es viele Bücher – was war Ihr Anliegen?

Uns war der persönliche Zugang zu Menschen wichtig, die in Verschwörungstheorien versunken waren und sind. Wir haben versucht, uns diesen Personen ohne Konfrontation zu nähern, um Raum für Verständnis zu schaffen. Wir wollten verstehen, was sie antreibt und was psychologisch dahinter steckt.

Was haben Sie dabei herausgefunden?

Viele Verschwörungstheorien, gerade am rechten Rand, arbeiten mit einem enormen Wahrheitsanspruch. Da ist viel von „Erwachten“ die Rede oder von „Schlafenden“. So kann man sich über das dumme Volk erheben, das noch „schläft“. Psychologen haben in Studien herausgefunden, dass das mit unserem Wunsch nach Einzigartigkeit verknüpft ist. Je stärker dieses Bedürfnis bei Menschen ausgeprägt ist, desto eher sind sie bereit, Verschwörungstheorien in der Öffentlichkeit zu vertreten.

Es gibt kaum ein Thema, das nicht mit Verschwörung in Zusammenhang gebracht wird, zuletzt der Brand von Notre Dame. Wann wird’s gefährlich?

Bei unseren Recherchen wurde deutlich, dass es in Verschwörungstheorien vielfach zu einer Art Entmenschlichung kommt, wenn von Flüchtlingen die Rede ist. Sie werden als „Sprengstoff“ bezeichnet, oder als „Migrationswaffe“. Aus der Geschichte wissen wir, dass die propagandistische Entmenschlichung, also die Herabstufung und Diskriminierung von Menschen in der Öffentlichkeit, einst die Vorstufe zu deren Vernichtung gewesen ist. Mein Eindruck ist, dass viele Verschwörungstheorien am rechten Rand genau da anknüpfen, wenn sie mit Begriffen wie „Islamisierung“ oder „großer Austausch“ arbeiten. Dabei will ich aber diesen Verschwörungstheoretikern im Moment nicht den Vernichtungswillen der Nationalsozialisten unterstellen. Trotzdem halte ich das für eine sehr gefährliche Entwicklung.

Sie sprechen oft von Verschwörungstheorien am rechten Rand, gibt es auch welche am linken Rand?

Natürlich. Es gibt etwa bestimmte Vorstellungen zum Thema Verschwörung des Kapitals zur Unterjochung der Welt, die eher aus linken Kreisen oder linksalternativen Kreisen gespeist werden. Mein Eindruck ist aber, dass das in der Öffentlichkeit nicht so dominant in Erscheinung tritt. Es gibt gerade im Bereich der Kapitalismuskritik eine gewisse Vermischung. Da haben oft linksradikale oder alternative Ansichten eine gewisse Ähnlichkeit mit Ideen am rechten Rand.

Sie haben anhand des Verschwörungstheoretikers Manfred gezeigt, dass Verschwörungstheorien wie Ideologien wirken, denen etwas Sektenartiges anhaften kann. Einmal drin – nie mehr raus?

Ja – das hat mit dem bereits erwähnten Wunsch nach Einzigartigkeit zu tun. Die Idee, mit einer Verschwörungstheorie über der dummen Schafsherde zu schweben, und höhere Einsichten zu haben als andere, ist verführerisch. Damit kann ich meinen Selbstwert wunderbar stabilisieren und ausbauen. Dazu kommt die Problematik der Filterblase, in der wir alle stecken, über soziale Netzwerke und verschiedene Informationskanäle. Wenn ich in solche Blasen hineingerate, rotiere ich nur um den eigenen Bauchnabel.

Laut einer aktuellen Studie glaubt in Deutschland jeder zweite an Verschwörungstheorien. Ist das wirklich alles mit den erwähnten Selbstwertdefiziten zu begründen?

Es sind zwei Prozesse, die einander bedingen: die technische Möglichkeit, alles zu verbreiten, was sich per Video oder Text darstellen lässt, ohne jede Qualitätskontrolle. Auf der anderen Seite eine wachsende Bereitschaft, diese Dinge zu akzeptieren, weil viele Menschen verunsichert sind, ob das ökonomische Modell noch tragfähig ist, mit dem wir die Welt gestalten. Man denke an die Verteilungspolitik oder die Schere zwischen Reich und Arm, die Angst um den Arbeitsplatz und die Zukunft. Das sind starke kollektive Gefühle, die die Gesellschaft beherrschen und für Verschwörungstheorien empfänglich machen. Das bedingt einander: die gesellschaftliche Unsicherheit, die Komplexität moderner Gesellschaften und der Wunsch nach einfachen Erklärungen, plus Internet als Brandbeschleuniger wirrer Ideen.

Sie sagen, dass es bei allen Verschwörungstheorien bestimmte Muster gibt, welche sind das?

Joachim Stall und ich haben 12 Kriterien entwickelt, die sich auf viele Fälle anwenden lassen. Der Anspruch auf Wahrheit ist ein wichtiges Kriterium. Oft haben wir es auch mit einem „großen Plan“ zu tun. Ein weiterer Aspekt sind „anonyme, dunkle Zentren“, die nicht genau beschrieben werden. Wie zum Beispiel Globalbestimmer, die Hochfinanz und ähnliche Konstrukte, die angeblich im Hintergrund arbeiten und das weltweite Geschehen zentral lenken. Dann haben wir den Begriff der „Täuschungsmaschinerie“ eingeführt: Wir werden über große Verschwörungen im Unklaren gelassen und bewusst getäuscht. Das ist ein wichtiges Motiv und passt zum Begriff der „Marionette“ – also jenen, die das nicht durchschauen, manipuliert werden und an den Fäden der Mächtigen zappeln.

Warum fallen Menschen auf solche Theorien herein?

Wir sind evolutionär geprägt, Muster in unserer Umgebung schnell und einfach zu erkennen. Wenn uns einst ein Tiger im Dschungel entgegenkam und mit den Zähnen fletschte, kletterten wir schnell auf den nächsten Baum. Wir retteten uns durch das blitzschnelle Auffassen der Situation und erkannten ein Muster der Gefahr. Das ist positiv, kann aber auch ganz schön schiefgehen, weil wir Muster in Dinge hineindeuten, wo es kein Muster gibt.

Ein Beispiel bitte ...

Etwa jener Haufen Steine auf dem Mars, der auf einem Foto zufällig wie ein Gesicht aussah. 20, 30 Jahre lang gab es eine rege Diskussion, ob das der Kern einer marsianischen Zivilisation sein könnte. Dazu entdeckte man noch Formen auf dem Mars, die an Pyramiden erinnerten. Das führte zur Theorie, dass außerirdische Raumfahrer erst auf diesem Planeten gewesen seien, dort eine Zivilisation begründet und schließlich auf der Erde die Pyramiden gebaut hätten. Durch eine falsche Mustererkennung lassen sich wahnwitzige Geschichten entwickeln.

Aus Ihren Erfahrungen heraus: Wie begegnet man Verschwörungstheoretikern am besten?

Es geht darum, ein offenes Ohr zu haben, Fragen zu stellen. Die Offenheit zum Gespräch ist das A und O. Wenn man gleich draufhaut, mit Satire kommt oder mit dem Aluhut winkt, gehen die Kanäle ganz schnell zu. Man verliert den Zugang zu den Menschen. Ich denke, das ist der Weg, wie wir solche Leute ein Stück weit erreichen. Sie sind ja oft in ihrer Weltsicht eingemauert. Auf der anderen Seite brauchen wir klare Kante, wenn zum Beispiel unverhohlener Rassismus auftritt: „Nein, lieber Mensch, das ist eine rassistische Grundhaltung – und diese verstößt gegen unsere Werte, mit denen wir in unserer Demokratie leben wollen.“

Buchtipp: Verschwörungstheorien. Eine Frage der Perspektive. Von Chemtrails, UFO’s, Reptiloiden und Reichsbürgern.“/Ingo Leipner, Joachim Stall, erscheint am 22. 5. im Redline Verlag, 19,99 €

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