Leben
12.03.2014

Revolution der Evolution

Die ersten mehrzelligen Lebewesen der Erdgeschichte sind derzeit im Naturhistorischen Museum Wien zu sehen: Die Gabonionta, benannt nach ihrem Fundort Gabun. Ihre Entdeckung 2010 war eine Sensation. Warum ihre Herrschaft über den Planeten nur von kurzer Dauer war, lesen sie hier.

Dinosaurier seien einfacher zu „verkaufen“, die Bedeutung der in unscheinbare schwarze Steinplatten eingebetteten Fossilien erschließe sich nicht sofort, sagte Mathias Harzhauser von der Geologisch-Paläontologischen Abteilung des NHM. Dabei musste nach ihrer Entdeckung in Gabun im Jahr 2008 und der wissenschaftlichen Beschreibung im Fachjournal „Nature“ 2010 das erstmalige Vorkommen komplexen, vielzelligen Lebens um 1,5 Mrd. Jahre nach vorne verschoben werden, „vielzelliges Leben entstand offensichtlich mehr als ein Mal“, sagte Köberl.

Deshalb werden die Fossilien in der von morgen, Mittwoch, bis 30. Juni geöffneten Sonderschau „Experiment Leben - Die Gabonionta“ wie Juwelen in zwei Vitrinen in einem völlig abgedunkelten Saal präsentiert.
Vor rund 4,5 Mrd. Jahren entstand die Erde, das Leben darauf ist etwa 3,8 Mrd. Jahre alt. Die ersten Organismen waren Bakterien und Archaeen, die mächtige Matten bilden konnten - ihre in 3,5 Mrd. Jahre alten Gesteinen in Australien gefundenen Überreste stellen auch die ältesten bekannten Fossilien dar.

Bis vor kurzem dachte man, dass diese Mikrobenwelt erst vor 580 Mio. Jahren durch die ersten mehrzelligen Lebewesen, die Ediacara-Fauna, abgelöst wurde. Doch 2008 entdeckte der marokkanisch-französische Geologe Abderrazak El Albani von der Universität Poitiers in dem westafrikanischen Land Gabun nahe der Stadt Franceville die hervorragend erhaltenen Fossilien. Eingebettet waren die bis zu 17 Zentimeter großen Mehrzeller in 2,1 Mrd. Jahre alten schwarzen Tonschiefer.

Die „Gabonionta“ weisen, wie die 3-D-Rekonstruktionen auf Basis von Computertomographie-Untersuchungen zeigen, eine komplexe Morphologie auf. Unter den bisher entdeckten 450 Individuen finden sich Formen mit kreisförmigen Umriss ebenso wie gestreckte, an abgeflachte Würmer erinnernde Typen. Alle haben aber einen ellipsoiden oder kugeligen Zentralkörper, der von einem Saum mit radialer Struktur und gelapptem Rand umgeben ist. Das deutet auf koordiniertes Wachstum und interzelluläre Kommunikation hin, man könnte auch der Meinung sein, dass es Zellspezialisierung gegeben habe, sagte Harzhauser.


Parallelen zu heutigen Lebewesen gibt es laut Harzhauser keine. „2,1 Mrd. Jahre ist so lange her, da ist die Evolution drübergegangen. Möglicherweise ist das ein Experiment des Lebens, das völlig erloschen ist.“ Gut weiß man dagegen über den Lebensraum der „Gabonionta“ Bescheid: ein sehr seichtes Meer, im Tonschiefer sind sogar noch die charakteristischen Wellenrippel erkennbar. Der Fund ist dem geologischen Glücksfall zu verdanken, dass das Gebiet so lange Zeit praktisch unverändert erhalten geblieben ist. Fast alle anderen so alten Becken mit Meeresablagerungen seien durch Plattentektonik, Gebirgsbildung, Subduktion, Druck und Temperatur völlig verändert bzw. zerstört worden.


Die Entstehung der „Gabonionta“ fällt in eine Zeit einer der größten Umwälzungen der Erdgeschichte: Vor 2,4 bis 2,3 Mrd. Jahren kam es zu einem sprunghaften Anstiegs von freiem Sauerstoff in der Atmosphäre, dessen genaue Ursache noch nicht geklärt ist. Eine entscheidende Rolle dürften Cyanobakterien gespielt haben, die über Photosynthese Sauerstoff produzierten. Dieses Sauerstoffhoch schuf „die Möglichkeit für Größenwachstum und Mehrzelligkeit, das Leben nutzte diese Bedingungen sofort“, sagt Harzhauser. Doch nur etwa 100 Mio. Jahre nach dem Aufblühen der „Gabonionta“ sank der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre wieder, die „Gabonionta“ starben aus und beendeten dieses Experiment des Lebens.