Leben
09.11.2018

Ein perfekter Treffpunkt für Menschen mit Demenz

Café Zeitreise: Wo sich Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen entspannen können.

Raus aus der Isolation! Für zehn ältere Ehepaare ist der Dienstagnachmittag im Krankenhaus „Göttlicher Heiland“ in Wien-Dornbach zum Fixtermin geworden. Das „Café Zeitreise“ beginnt um 15 Uhr in der Cafeteria im Untergeschoß. Dort gibt es zunächst Kaffee und Kuchen und ganz viel zu besprechen.

Danach bildet der erfahrene Sozialarbeiter Norbert Partl gemeinsam mit ehrenamtlichen Mitarbeitern und zehn Menschen mit Demenz einen Sesselkreis. Auf dem Programm stehen bewährte Übungen gegen das Vergessen. Partls Kollegin, die ebenso gut ausgebildete Psychologin Alexandra Propst, bittet zeitgleich in den Nebenraum, wo die Runde der Angehörigen in vertrauter Atmosphäre ihr Herz ausschütten kann.

Erkrankung im Gehirn

Karl Rudolf, 75 Jahre alt und Zeit seines Lebens ein mustergültiger Manager in Österreich, der Schweiz und in seinem privaten Leben, macht beim gemeinsamen Kegeln gute Figur. Er lächelt. Doch er wirkt dabei nachdenklich.

Vor fünf Jahren wurde ihm erklärt, dass Organe in seinem Gehirn gestört sind. Und dass nicht absehbar ist, wie schnell ihn seine Demenz weiter einschränken wird.

„Natürlich ist er weiterhin mein Mann“, sagt Renate Rudolf in der Angehörigen-Runde. „Aber er ist nicht mehr der Mann, der er einmal gewesen ist.“ Andere erzählen, dass sie es heute kaum mehr wagen, nur einen Schritt von ihren Partnern wegzumachen. Was zwangsläufig zu einer zunehmenden Isolation führt.

„Wir wollen unsere Teilnehmer da rausholen“, erklärt Norbert Partl, der nach seinem erfolgreichem Masterstudium Menschen mit Demenz und deren Angehörige im Auftrag der Caritas betreut. Aus vielen Gesprächen weiß er: „Für beide Seiten besteht die große Gefahr, depressiv zu werden.“

Das „Café Zeitreise“ hilft beim Loslassen. Wenn hier in der Cafeteria jemand die Milchkanne mit einem Schluck austrinkt, ist das nicht weiter schlimm. Alle im Raum sind sich bewusst, dass eine organische Störung im Gehirn niemals auf Bösartigkeit beruht. Von dieser Einsicht sind die Menschen, die von Demenz nicht betroffen sind, noch ein Stück entfernt. Was wiederum erklärt, warum Betroffene und Angehörige nicht so rasend gerne unter die Leute gehen.

„Mein Mann ist hier 90 Minuten beschäftigt“, sagt Renate Rudolf erleichtert. „Ich weiß ihn in besten Händen, und er sagt auch, dass er sich wohlfühlt.“ Im Vorjahr hat sich in ihrem Leben viel verändert: „Auch wenn wir darüber nicht offen reden können, die Kräfteverhältnisse haben sich deutlich verschoben.“ Die Zeit, in der ihr Partner und sie gleichberechtigt und gleich stark agieren konnten, rückt auf ihrer gemeinsamen Zeitreise immer mehr in die Erinnerung.

„Unser Angebot ist bewusst niederschwellig“, sagt die Klinische Gesundheitspsychologin Alexandra Propst. Auch sie kennt die Vorbehalte der Betroffenen und ihrer Angehörigen. Aber mal auf einen Kaffee ins Kaffeehaus gehen und dabei das Club-Angebot testen, auf dieses Angebot würden sich die meisten schon einlassen. „Um dann wiederzukommen.“

Propst und Partl würden ihren Treff gerne auch anderswo anbieten. Im Moment nehmen die Teilnehmer aus entfernteren Wiener Bezirken eine längere Anreise auf sich. Doch schon das bestehende Angebot wird ausschließlich durch Spenden finanziert. Sponsoren und öffentliche Förderungen sowie weitere freiwillige Helfer wären sehr willkommen.

130.000 Betroffene in Österreich

Die österreichische Demenzstrategie: In Österreich leben 130.000 Menschen mit Demenz. Schätzungen zufolge soll sich diese Zahl bis 2050 verdoppeln. Das Sozial- und Gesundheitsministerium  hat eine Demenzstrategie erarbeitet – Experten
kritisieren, dass bisher zu wenig Geld investiert wurde.

Ein Angebot: Club ZeitreiseKontakt in Wien: 0664/621 72 30 und in NÖ  0664/842 96 82; Infos unter: https://www.caritas-pflege.at/wien/angehoerige/entlastung-bei-demenz/