Leben
28.05.2017

Eine Liebeserklärung an den Sommer

Am 1. Juni ist meteorologischer Sommerbeginn. Zeit für Sommer-Feste, Sommermärchen - und Sommer-Gedanken.

Jedem Sommer wohnt ein Zauber inne, vor allem aber – ein Superlativ. Weil ein Sommer ja niemals nur Sommer sein darf, sondern – bitte, mindestens! – ein Jahrhundert-Sommer, wenn nicht gar Jahrtausend-Sommer. Einer also, der als heißester, schlechtester oder schwülster Sommer in die "Ich weiß noch, was ich letzten Sommer gefühlt habe"-Liste eingeht.

Auf ein Menschenleben heruntergebrochen sind Sommer also meist besonders intensiv, arg, verrückt, anstrengend, irre oder mega. Gut so. Denn nur im Sommer feiern wir Sommer-Feste und Sommermärchen, selbst Begräbnisse sind im Sommer ein wenig anders. Weil dann halt irgendwo ein Vogerl sitzt und vom Leben zwitschert oder eine Rose Aufblühen verspricht, während der warme Wind die Tränen trocknet. Weil nur im Sommer vieles weiter reicht, als man den Rest der Jahres zu denken wagt. Interessant ist auch, dass alle fragen: "Welcher war dein schönster Sommer?" Niemand käme jemals auf die Idee, dieselbe Frage in Bezug auf den Herbst oder gar den Winter zu stellen. "So und jetzt leg los, wie war das, mit dem schönsten Herbst deines Lebens?"

Grillen bis zum letzten Wurstzipfel

Wer Sommer sagt, meint Leben und Licht – ein allumfassendes Ja zu Leichtigkeit und Freiheit. Nach der Frühjahrsmüdigkeit folgt die Sommerparty: hypertones Feiern langer Nächte in kurzen Kleidern und Hosen. Dazu grillen bis zum letzten Wurstzipfel.

Es war der Existenzialist und Philosoph Albert Camus, der in seinem Tagebuch 1951-1959 notierte: "Antwort auf die Frage nach meinen zehn bevorzugten Wörtern: Die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer, das Meer." Im Drama "Der Belagerungszustand" schrieb er: "In Wahrheit ist alles in Ordnung, die Welt im Gleichgewicht! Wir stehen im Zenit des Jahres, die Zeit ist hoch und reglos! Glück! Glück! Der Sommer ist da! Was kümmert uns der Rest?" Ja. Wo Sommer ist, ist vieles möglich, sogar das Unmögliche.

Warum gerade Camus, werden Sie an dieser Stelle fragen. Die Frage ist berechtigt, daher kurz Persönliches: Camus assoziiere ich stets, wenn ich an den beliebten Superlativ "intensivster Sommer meines Lebens" denke. Der fing mit einer Enttäuschung an. Bei der Matura im Fach "Philosophie" hatte ich mich mit Verve an Camus’ "Mythos des Sisyphos" versucht und – rein existenzialistisch betrachtet – so gut wie alles gegeben (mich sogar eine Zeit lang, trotz großer Vorsommerhitze, ganz in Schwarz gekleidet). Doch die Professorin meinte nur: "So richtig verstanden haben Sie das alles nicht. Leider nur Befriedigend."

Zeit der Sehnsucht

Der Sommer, der danach folgte, veränderte vieles, wie das oft geschieht, wenn zwischen Ende (Matura) und Anfang (Arbeiten gehen), eine Zeit der Sehnsucht liegt. In der es um alles geht, weil womöglich das Nichts droht. Was Sehnsucht angeht, ist der Sommer eine große Zeit, auch weil er uns Freiheiten schenkt, von denen wir den Rest des Jahres nur träumen können. Und wenn es nur die Freiheit ist, sich mit Freunden ein Twinni-Eis und das Badetuch zu teilen. Spontan Tretboot fahren, statt in der Tretmühle zu strampeln. Und der Wurstsalat besser schmeckt als Basensuppe und Detox-Drink. Oder die Freiheit, einen Sommer lang mit nur zwei Paar Flip-Flops auszukommen – warum? Weil’s wurscht ist und das alternative Barfuß-Gehen auf Wiesen- und Waldböden uns genau dahin führt, wo wir öfter sein sollten: mit beiden Beinen auf dem Boden, während sich der Blick im blauen Horizont verlieren kann.

Apropos verlieren: kein Sommer ohne die Idee von Liebe, ohne dieses bisschen "Herzverlust". "Sommer war's, wir lagen hinterm Haus und zogen uns mit Anmut die Hosen aus", singt Konstantin Wecker. Es ist der Sommer, in dem die Vernunft im Sommerloch verschwindet und es ist der Sommer, der vor allem eines ist: der Beweis dafür, dass wir noch lebendig sind.