Irak: Fahrradfahren für Frauenrechte

Marina Jaber auf ihrem Fahrrad
Die irakische Künstlerin Marina Jaber setzt als "Mädchen auf dem Fahrrad" ein politisches Statement in Bagdad.

Die langen Haare wehen im Wind, wenn Marina Jaber mit ihrem leuchtend roten Fahrrad durch Bagdad fährt. Viele Menschen im Irak kennen die Künstlerin nur als "das Mädchen auf dem Fahrrad". Denn radfahrende Frauen sind in der irakischen Hauptstadt heute die große Ausnahme. Das war nicht immer so: "Meine Mutter und meine Großmutter fuhren Fahrrad. Früher war das normal", sagt die 25-Jährige.

Jaber entdeckte das Fahrradfahren vergangenes Jahr bei einem Besuch in London für sich. Zurück zu Hause probierte sie es auch in Bagdad - im Rahmen eines Kunstprojekts. Ein Foto zeigt Jaber auf dem Rad, ein alter Mann, selbst mit dem Fahrrad unterwegs, starrt sie missbilligend an. Dieses Foto stellte die Künstlerin ins Internet. Schnell verbreitete es sich in den sozialen Medien, und immer mehr Frauen trauten sich auf den Drahtesel. Inzwischen treffen sie sich regelmäßig zum gemeinsamen Radfahren.

"Verbietet uns die Gesellschaft bestimmte Dinge, oder akzeptiert sie sie nicht mehr, weil wir aufgehört haben, sie zu tun? Über diese Frage habe ich lange nachgedacht", erzählt Jaber. Durch die Begegnung mit dem alten Mann fand sie die Antwort. "Anfangs fuhr er neben mir her, starrte mich an und es schien ihm nicht zu gefallen. Dann hörte er auf zu glotzen und kümmerte sich wieder um seine eigenen Angelegenheiten." Ihr sei klar geworden, dass sie selbst die Gesellschaft sei. "Und wenn ich etwas will, dann sollte ich einfach damit anfangen", sagt die Künstlerin.

Landesweites Vorbild

Marina Jaber wurde zum Vorbild für viele Mädchen und Frauen im ganzen Land, die selbstbestimmt leben wollen und sich weder durch religiöse noch gesellschaftliche Vorschriften einschränken lassen wollen. "Ich habe so viele Rückmeldungen bekommen, die meisten von jungen Mädchen. Vielleicht brauchten sie jemanden, der sich für ihre Rechte stark macht", sagt Dschaber.

Irak: Fahrradfahren für Frauenrechte
Iraqi Marina Jaber (C-L), 25, rides a bicycle among others in Baghdad during an event in defiance of a conservative culture that disapproves of the practise and calling for peace on December 9, 2016. To many Jaber is known as "the girl on the bike", a young Baghdad artist inspiring Iraqi women to exercise their rights one pedal at a time. / AFP PHOTO / Ahmad Mousa

Das rote Fahrrad stand im Zentrum ihrer Installation, die Jaber vergangenes Jahr auf einer Ausstellung in Bagdad zeigte. Fahrradfahren als Zeichen der Emanzipation - das taten schon die Suffragetten vor mehr als hundert Jahren in England. Jabers Fahrradtouren inspirierten Frauen im ganzen Land, die nun Bilder von sich auf dem Rad ins Internet stellen. Auch die Fotografin Buschra al Fusail tat es der Irakerin nach und gründete den ersten Frauen-Rad-Treff im Jemen - eine Demonstration für Frauenrechte und gegen den Krieg.

"Das Bagdad, das wir kennen"

Inzwischen sperrt die Polizei in Bagdad Straßen und eskortiert die radelnden Frauen auf ihren Demonstrationsfahrten. "Es gab anfangs auch negative Reaktionen", sagt Marina Jaber. "Aber am häufigsten höre ich 'Ah, das ist das Bagdad, das wir kennen!'" Der junge Offizier Mustafa Ahmed hat sich den fahrradfahrenden Frauen angeschlossen. "Das ist auch für Männer befreiend", sagt er. "Alle sehen so glücklich aus und die Stadt wirkt schöner. Das fühlt sich nach dem normalen Leben an, das wir uns wünschen."

Irak: Fahrradfahren für Frauenrechte
Iraqi cyclist Durra Ahmed (C) arrives for a gathering during the second Baghdad Marathon for Peace in Iraq, in the Iraqi capital Baghdad on February 4, 2017. Marina Jaber, a young Baghdad artist who is known to many as "the girl on the bike", is inspiring Iraqi women to exercise their rights one pedal at a time. In Iraq's conservative society, the young woman cuts an unusual figure when she rides her red bicycle in the streets of the capital, in what started off as an art project and became a social media meme and then a civil society movement. / AFP PHOTO / Jean Marc MOJON

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