Leben
15.06.2018

Märtha Louise: Die hochsensible Prinzessin

© Bild: Kurt Gaasø

Mit ihrer Geschäftspartnerin hat Märtha Louise von Norwegen ein Buch über ihre Hochsensibilität geschrieben.

In den europäischen Königshäusern gilt sie als Rebellin: Prinzessin Märtha Louise von Norwegen brauchte lange, um ihren Platz zu finden. Anders als ihr Bruder Haakon wusste sie, dass sie wohl nie den Thron besteigen würde, dennoch stand sie unter ständiger Beobachtung. Repräsentieren war ihr zu wenig, also startete sie eine Karriere als Springreiterin und ließ sich zur Physiotherapeutin ausbilden. Nach ihrer Heirat mit dem Schriftsteller Ari Behn (die beiden sind mittlerweile geschieden und haben drei Töchter) verzichtete sie auf ihre Apanage und gründete mit ihrer Freundin Elisabeth Nordeng das spirituelle Zentrum „Astarte Education“, das die Norweger bald als „Engelsschule“ verspotteten.

„Viele haben warme und gute Hände, aber Märtha Louise hat in ihren geradezu eine kleine Sonne“, schwärmte Kronprinzessin Mette-Marit einst vom Einfühlungsvermögen ihrer Schwägerin. Schon als Kind war sie empfindsamer als andere, spürte, wenn es Menschen in ihrem Umfeld schlecht ging – eine Belastung für die Königstochter: „Ich fühlte mich wie Freiwild in einer ungeschützten Landschaft.“ Erst vor fünf Jahren fand sie durch einen Test der Psychologin Elaine N. Aron heraus, dass sie zu jenen 20 Prozent zählt, die hochsensibel sind – so wie ihre Freundin Nordeng. Über die ständige Reizüberflutung haben die beiden nun ein persönliches Buch geschrieben. Und dem KURIER ein Telefon-Interview gegeben.

Woran haben Sie gemerkt, dass Sie hochsensibel sind?

Prinzessin Märtha: Wir fühlten uns beide oft anders und einsam. Als Kind reagierte ich zum Beispiel extrem sensibel auf Gerüche. Eines Tages sagte mir Elisabeth: Oh Gott, du musst diesen Test machen! Tatsächlich hatte ich fast überall ein „Ja“. Danach ergab alles Sinn. Es erklärte, warum wir die Welt so anders, so intensiv wahrnehmen.

Was unterscheidet einen sensiblen von einem hochsensiblen Menschen?

Elisabeth Nordeng: Man nimmt alles, was um einen passiert, viel intensiver wahr, etwa Gerüche und Geräusche. Es ist, als würden sieben Filme gleichzeitig ablaufen.

Märtha: Ich vergleiche es mit einer App, die ständig aktualisiert wird. Man bekommt alle Gefühle von anderen Menschen mit. Dann öffnet sich eine neue App und noch eine und man weiß nicht, wie man die anderen abschalten kann. Sind zu viele Apps offen, wird der Akku leer. So ist das bei uns auch. Wir neigen dazu, für alle da zu sein, weil wir spüren, was sie brauchen. Dadurch vergessen wir auf uns selbst.

Worauf achten Sie heute?

Märtha: Wir sind nicht so gut darin, von einem zum anderen zu switchen, also brauchen wir Pausen dazwischen. Wenn ich ein Essen mit Freunden habe oder ein Meeting, öffne ich in meinem Kopf symbolisch einen Raum, danach schließe ich ihn wieder. Es ist wichtig, dass man sich im Kalender Pausen einträgt, in denen man gar nichts macht, auch nicht am Handy. Wir nennen das unsere Auflade-Zeit.

Märtha Louise, Sie sind die Tochter des norwegischen Königs. Wie ist es, als Hochsensible vor den Augen der Öffentlichkeit aufzuwachsen?

Märtha: Es war oft schwierig. Mein Albtraum als Kind war es, durch Mittelgänge in Kirchen zu gehen. Jeder starrte mich an und ich dachte, ich hätte etwas ganz Falsches gemacht und würde es nicht überleben. Reden zu halten war auch schwierig, da vom Publikum so viel Energie auf einen zuströmt. Das hat mir Angst gemacht.

Das heißt, Sie fühlten sich nicht wohl als Prinzessin?

Märtha: Ich hatte immer das Gefühl, für diese Rolle nicht gut genug zu sein, und war sehr unsicher. Meine Pferde retteten mich durch meine Teenagerzeit. Sie waren immer ehrlich zu mir, es war eine Herz-zu-Herz-Kommunikation.Wenn ich Menschen gefragt habe, wie es ihnen geht, sagten sie immer: Gut, danke! Dabei spürte ich, dass es ihnen nicht gut ging. Ich begann, Menschen zu misstrauen. Es war einfacher für mich, bei Tieren zu sein.

Märtha Louise (re.) mit Ex-Mann Ari Behn und Schwägerin Mette-Marit © Bild: REUTERS/TT NEWS AGENCY

Sie sind beide Mütter – haben Sie in dieser Rolle von Ihrer Hochsensibilität profitiert?

Elisabeth: Es ist viel einfacher für mich, meine Kinder zu „lesen“, zu sehen, was sie wirklich brauchen. Ich denke, dass wir Vorbilder für unsere Kinder sind, indem wir ihnen zeigen, dass man nicht 24/7 „on“ sein muss. In unserer Gesellschaft wird das immer wichtiger, weil die Menschen glauben, sie müssen alles machen. Es geht darum, ein Bewusstsein für die eigenen Bedürfnisse zu entwickeln.

Märtha: Meine Kinder machen das schon selber. Wenn sie mit anderen spielen und es ihnen zu viel wird, ziehen sie sich kurz zurück und stoßen dann wieder dazu. Je früher man lernt, auf sich zu achten, desto besser.

Wie sollen Partner mit Hochsensiblen umgehen?

Elisabeth: Wenn wir sagen, wir brauchen Zeit für uns, darf es der andere nicht als Zurückweisung sehen. Es heißt nicht, dass wir den anderen nicht sehen wollen, sondern dass wir Zeit für uns selbst brauchen. Für Hochsensible ist es wichtig, darüber zu sprechen, wo ihre Grenzen liegen. Es ist toll, wenn man einen Partner hat, der sagt: Vielleicht solltest du das auslassen, ich merke, dass du müde wirst.

Welches Vorurteil über Hochsensible stört Sie?

Märtha: Viele denken, dass es eine Diagnose ist, aber Hochsensibilität ist ein angeborener Teil der Persönlichkeit.

Elisabeth: Die meisten reden über die Schattenseiten, dabei gibt es auch Vorteile: die Kreativität, die Empathie, die Möglichkeit, so viel zu empfinden.

Märtha: ... oder dass man bei Musik und Filmen so intensiv mitleben kann. Es ist eine tiefgründigere Art zu leben.

Prinzessin Märtha Louise, Elisabeth Nordeng: „Hochsensibel geboren – wie Empfindsamkeit stark machen kann“ Goldmann Verlag. 288… © Bild: Goldmann

Hochsensibilität: Keine psychische Störung

Hochsensibilität ist ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, bei dem Betroffene stärker und intensiver auf Umweltreize, also Geräusche, Gerüche und die Stimmung anderer Menschen, reagieren. Es tritt Schätzungen zufolge bei 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung auf, bei Frauen und Männern gleichermaßen. Bis jetzt gibt es keine neurowissenschaftliche Erklärung für die Ursachen – fest steht jedoch, dass es sich um keine psychische Störung oder Krankheit handelt. Als Pionierin auf diesem Gebiet gilt die   kalifornische Psychologin Elaine N. Aron, die den Begriff in den 90er-Jahren etablierte und einen Test für mögliche Betroffene entwickelte (https://hsperson.com). Das Phänomen Hochsensibilität ist jedoch nicht unumstritten: Die Forschung sei noch nicht ausreichend, kritisieren Neurologen.