Leben
10.06.2017

Laufrad oder Stützrad: Womit Kinder besser Radfahren lernen

Eine Bewegungsexpertin verrät, wie Kinder auf zwei Rädern Gleichgewicht trainieren.

Früher war Fahrradfahren einfach: Auf das erste Kinderrad wurden Stützräder fixiert, dann mehr und mehr gelockert, schließlich abmontiert. Heute sind Stützen verpönt, stattdessen sind Laufräder im Trend.

Bewegungswissenschafterin Veronika Pinter-Theiss: sieht das durchaus differenzierter: "Fahrradfahren ist eine sehr komplizierte Angelegenheit: Gleichgewicht halten, treten, bremsen und das Umfeld beobachten. Diese Fähigkeiten kann man auch einzeln trainieren."

Gleichgewicht

Genau das macht das Laufrad: "Es hilft Kindern, ihr Gleichgewicht zu üben. Sie können damit beginnen, sobald sie gehen können. Ein Laufrad ist ein gutes Geschenk für einen zweiten Geburtstag", erklärt sie. Aber die motorische Entwicklung könne man nicht unbedingt an die Altersangabe koppeln. Die kleinen Modelle sind ab eineinhalb Jahren empfohlen. Auch ein Roller fördert das Gleichgewicht.

Ordentlich in die Pedale zu treten lernen Kinder mit einem Dreirad. Wer aber nicht noch ein weiteres Fahrzeug kaufen will, kann dafür die Stützräder auf dem Fahrrad verwenden, erklärt Pinter-Theiss. Das Problem dabei: "Kinder gewöhnen sich daran, dass sie am Rad nicht auf das Gleichgewicht achten müssen und können dann nicht so leicht umdenken. Aber wir haben es alle so gelernt – es kann also nicht ganz falsch gewesen sein", fügt Pinter-Theiss hinzu.

Wann geht es los?

Die studierte Sportwissenschafterin gibt einen weiteren wichtigen Faktor zu bedenken: "Eltern müssen den richtigen Moment abwarten, an dem das Kind reif für das Radfahren ist. Dann kann es in einem Nachmittag fahren lernen. Nur beim Losfahren braucht es anfangs Hilfe, denn das ist das schwierigste." Entgegen der Ängste von Eltern wäre es ratsam, auf einer ganz leicht schiefen Ebene zu beginnen: "Gleichgewicht halten ist einfacher beim Schnellfahren. Also nicht immer hinterherrufen ‚Langsam fahren!‘." Lieber dafür sorgen, dass es Platz für ein ungefährliches Ausrollen gibt. Bremsen kommt später. Dafür ist wichtig, dass das Rad über eine Felgenbremse – den sogenannten "Rücktritt" – verfügt. Und eine Handbremse, die nicht zu groß für kleine Kinderhände ist. Zu bedenken sei, dass Kinder leicht abgelenkt sind, so Pinter-Theiss. Kein Wunder also, dass sie auf den Spielplatz an der Seite oder eine Blumenwiese schauen, anstatt auf den Weg. Deshalb ist besonders im Straßenverkehr Vorsicht geboten. "Auf einem Radweg oder Radfahrstreifen sollte das Kind immer vorne fahren, damit die Eltern es sehen können", erklärt sie und erzählt ein amüsantes Beispiel: "Die Mutter hat zu ihrem Kind gesagt, es solle auf der Straße genau hinter ihr fahren. Das hat das Kind gemacht – in Schlangenlinien."

Sie hält die Initiative der Radfahrlobby, dass Kinder mit acht Jahren die Radfahrprüfung machen und alleine auf der Straße fahren dürfen, für sinnvoll (mehr dazu unten): "Mit dem Schulalter lernen die Kinder, ihre Umgebung besser einzuschätzen".

Die meisten Verletzungen von Kindern passieren im Haushalt, gefolgt vom Straßenverkehr. Als aktive Verkehrsteilnehmer am Fahrrad müssen auch Kinder die Verkehrsregeln einhalten. Wer zehn ist und alleine unterwegs sein will (ohne Begleitperson über 16 Jahre), braucht daher einen Rad-Führerschein. Die Kreuzungsbeispiele bei der „Freiwilligen Radfahrprüfung“ sehen aus wie beim echten Führerschein für Erwachsene. Der Test besteht aus einem Theorie- und einem Praxisteil und ist nicht so einfach. Schließlich müssen Kinder den Straßenverkehr richtig beurteilen lernen. Viele Volksschulen, vor allem am Land, treten gesammelt mit ihren vierten Klassen an. Einen Durchgang kann man auf www.radfahrprüfung.at ausprobieren.

Nicht legal

Viele Familien bewegen sich im Alltag am Rand der Legalität, betont Armin Kaltenegger vom Kuratorium für Verkehrssicherheit: „Kinder unter zwölf Jahren oder ohne Radausweis dürfen mit Fahrrädern oder mit Rollern nicht alleine unterwegs sein, nicht einmal 200 Meter am Gehsteig zur Schule ums Eck. Wir fordern, dass Kinder ab acht Jahren mit dem Roller alleine am Gehsteig fahren dürfen. Derzeit dürfen sie selbstständig gar nichts.“
In einer Umfrage der Radlobby stimmten 70 Prozent dafür, dass Kinder am Gehsteig mit dem Rad fahren dürfen. Bis jetzt geht das nur mit Kleinkinderrädern und Microscootern, die gelten als Spielzeug und nicht als Rad.