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Leben
12/01/2019

"Last Christmas" & Co.: Warum Weihnachten immer gleich klingt

Mit dem Advent startet die vorweihnachtliche Dauerbeschallung – Über geliebte Nervtöter und den Zauber gewohnter Töne.

von Julia Pfligl

Last Christmas? Ein frommer Wunsch. 2019 wird wohl kaum das letzte Weihnachten sein, in dem der poppige 80er-Jahre-Hit über gebrochene Herzen wochenlang rauf- und runtergespielt wird. 35 Jahre nach der Veröffentlichung erscheint uns „Last Christmas“ sogar in Form einer weihnachtlichen Kinoromanze, die George Michael 2016 kurz vor seinem Tod persönlich absegnete. Ohne Schulterpolster, dafür mit einer hochkarätigen Hauptdarstellerin („Game of Thrones“-Star Emilia Clarke),  Londoner Christmas-Kitsch und, natürlich, dem passenden Soundtrack.

Der geliebte Nervtöter mit dem simplen Refrain im gemütlich dahinplätschernden 4/4-Takt ist nicht kleinzukriegen, überstand sogar eine Plagiatsanklage (von Barry Manilow) unbeschadet. „Das Besondere an dem Song ist, dass er – und das sehr ausgeklügelt – nichts Besonderes ist, sondern all das nutzt, was ein Lied zum Hit für die Massen macht“, analysiert der Musikwissenschafter Volkmar Kramarz, Experte für Popularmusik. „Wobei in diesem Fall noch Weihnachtsstimmung mit eingebracht wird.“ Konkret in Form des immer wiederkehrenden Vokabels „Christmas“, Glockenspiel und Schellenkränzen plus einem Musikvideo mit Schnee und fröhlichen jungen Leuten. „Weihnachten ist einfach die schönste Zeit im Jahr“, fasst Kramarz die Botschaft zusammen.

Psychologischer Kniff

„Last Christmas“ mag ein herausragendes Beispiel sein, doch die Playlist der alljährlichen Dezember-Pop-Ohrwürmer ist lang. „All I Want For Christmas“ etwa erobert seit 25 Jahren verlässlich die Charts und ist heute (auch durch den Kultfilm „Tatsächlich... Liebe“) beliebter denn je.

Joe Bennett, Uni-Professor am Berklee College of Music, begab sich 2017 auf die Suche nach der Erfolgsformel für einen Weihnachtshit und analysierte die 200 beliebtesten Christmas-Songs Englands. Dabei fand er etwa heraus, dass die Wörter snow, party, tree, Santa, love, home und cold besonders oft vorkommen. Die psychologische Erklärung für die musikalische Dauerschleife zu Weihnachten geht so: Unser Gehirn sehnt sich nach Wiederholung, wenn ein Lied mit einer emotionalen Erinnerung verknüpft wird, etwa einer Wanderung im Schnee oder Keksebacken mit der Oma. „Gewohntes wird positiver aufgenommen als Neues“, sagt die Psychologin Dunja Radler. „Oft gehörte Lieder sind häufig mit intensiven Erinnerungen besetzt. Dazu kommt der ‚Früher war alles besser‘-Effekt, der uns die Vergangenheit verklärter in Erinnerung ruft, als sie war.“

Der Inhalt wird zur Nebensache, weiß Kramarz: „Jeder kann seine eigenen Bilder damit verbinden und einen Standard-Song zu seinem Soundtrack formen, der erst so richtig Weihnachten bedeutet.“

Gemeinschaftsgefühl

Für einen der wenigen österreichischen Pop-Weihnachtsohrwürmer zeichnen Edina Thalhammer und Christof Straub alias Papermoon verantwortlich. Inzwischen geht das Duo getrennte Wege, doch die Klänge von „On The Day Before Christmas“ aus dem Jahr 2004 hallen noch lange nach. Wie komponiert man einen Advent-Evergreen?

„Ein Weihnachtslied sollte die göttliche Seite in uns zum Schwingen bringen, die wir um die Weihnachtszeit besonders intensiv empfinden“, beschreibt es Thalhammer. „Weihnachten ist die mystischste Zeit des Jahres, das Thema eines Weihnachtsliedes sollte unsere tiefsten und reinsten Empfindungen wachrufen. ‚On The Day Before Christmas‘ scheint diese Kriterien zu erfüllen – ich denke, dass es deshalb noch so gerne gespielt wird.“

Jedes Lied sollte mehr vom Herzen als vom Verstand kommen, sagt die Musikerin, Weihnachtslieder jedoch besonders. „Text und Melodie sollten eine Stimmung in einem selbst auslösen, während man daran arbeitet. Dann weiß man, man kann damit auch andere erreichen. Bei Weihnachtsliedern ist das noch wichtiger, da es bei Weihnachten um ein Gemeinschaftsgefühl geht.“

Dass man dieses auch überstrapazieren kann, führte 2015 ein Radiomoderator in Kärnten vor: Er verschanzte sich im Studio und spielte „Last Christmas“ 24-mal hintereinander. Das hätte nicht einmal George Michael gewollt.

Meistgestreamt

10,8 Millionen Mal wurde Mariah Careys „All I Want For Christmas Is You“ vergangenen Dezember innerhalb von 24 Stunden auf Spotify angeklickt – so oft wie kein Lied zuvor.

Meistverkauft

„White Christmas“ in der Version von Bing Crosby verkaufte sich laut dem Guinness Buch der Rekorde seit 1947 über 50 Millionen Mal und ist damit die meistverkaufte Single der Musikgeschichte.

Meistgespielt

Die englische Verwertungsgesellschaft Performing Rights Society bestätigte den subjektiven Eindruck vieler: Von allen Weihnachtssongs  lief „Last Christmas“ in den vergangenen Jahren am öftesten im Radio, gefolgt von „Do They Know It's Christmas“ und „Fairytale of New York“.

Beliebt in Österreich

Auf der Ewigen Bestenliste der Austro-Charts schafft es „Last Christmas“ auf Platz 4, „Wonderful Dream“ von Melanie Thornton auf Platz 11 und „All I Want For Christmas Is You“ auf Platz 18.

Wussten Sie, dass...

... „Last Christmas“ ursprünglich gar nicht als Weihnachtslied gedacht war? Weil seine Plattenfirma spontan einen Weihnachtshit auf den Markt werfen wollte, passte George Michael sein bis dato unveröffentlichtes Lied „Last Easter“ kurzerhand an die Jahreszeit an.

... es die Single trotz Mega-Erfolgs nie auf Platz 1 der britischen Charts schaffte? Gegen „Do They Know It’s Christmas“ von Band Aid (wo George Michael ebenfalls mitsang) hatte Wham! 1984 in seinem Heimatland keine Chance. In Deutschland hält der Song dafür seit vergangenem Jahr einen Allzeit-Rekord: Kein anderer Titel schaffte es so oft – 130-mal – in die Single-Charts.

... die damals 24-jährige Mariah Carey beim Schreiben ihres fetzigen Gute-Laune-Hits „All I Want For Christmas Is You“ traurige Hintergedanken hatte? Der Text bezieht sich auf ihre schwierige Kindheit und das perfekte Weihnachtsfest, das sie  sich stets gewünscht hatte. Angeblich entstand das Lied 1994 in nur fünfzehn Minuten.

... die Sängerin Melanie Thornton den großen Erfolg ihrer Weihnachtshymne „Wonderful Dream (Holidays Are Coming)“ nicht mehr erlebt hat? Die US-Amerikanerin kam am 24. November 2001 bei einem Flugzeugabsturz auf dem Weg zu einem Live-Auftritt ums Leben, zwei Tage, bevor ihr Lied veröffentlicht und  im Coca-Cola-Weihnachtswerbespot gespielt wurde. Seitdem  feiert „Wonderful Dream“ jedes Jahr ein Comeback in den Charts.

... sich die Dauerbeschallung auf die Gesundheit schlagen kann?  Laut einer Studie der US-amerikanischen psychiatrischen Gesellschaft steigt beim wiederholten Hören von „Last Christmas“ & Co. der Stresspegel deutlich an. Der Grund: Musik und Text würden daran erinnern, dass man noch Geschenke besorgen und die Feiertage organisieren muss.