Leben 11.06.2018

KURIER-Leser erinnern sich an ihr 1968

Hier demonstriert KURIER-Leser Rudi Seidl mit seinem Bruder gegen Zwentendorf © Bild: Privat (2)

Am Dachboden versteckte Miniröcke, Soldat sein während des Prager Frühlings, verpasste Studentendemos: Erinnerungen an '68.

KURIER-Leser Rudi Seidl schreibt: „Gerne bin ich bereit, ihnen einige Lebenseindrücke aus dieser ,bewegten’ Zeit mitzuteilen. Ich (Jahrgang 1951) habe  die ,68er’ zwar als Bauernbub nicht direkt miterlebt, aber die unmittelbare Zeit danach. Sie müssen wissen: Als 17-Jähriger war ich noch glühender Volkstänzer, in meiner dörflichen Umgebung fast ein Muss.

Erst Anfang der 70er-Jahre kam durch die Pop-, Psychodelic- und Underground-Musik ,Leben’ in mein Bewusstsein. Ein entscheidender Schritt war es, mit zwanzig ein Kellerwirtschaftspraktikum in Deutschland zu absolvieren.

Dort lernte ich eine frauenbewegte 18-Jährige kennen, meine spätere Lebenspartnerin, mit der ich dann in Österreich auf Dutzenden Demos für die Fristenlösung und Emanzipation der Frau mitmachte. Ich wurde quasi über die Frauenbewegung politisiert.

Auch der Mief auf dem Land (ich bin in einem  300-Seelendorf geboren und aufgewachsen) wurde mir immer mehr bewusst. Die damalige Kreisky-SPÖ-Regierung gab uns damals Rückenwind, vor allem die spätere Ministerin Johanna Dohnal.

Zur Studentenbewegung bin ich erst, nachdem die ersten größeren, bewegten Momente vorbei waren, gestoßen. Vor allem der Putsch in Chile und die Anti-AKW-Bewegung haben mich dann endgültig geprägt.“

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Hortete die neueste Mode auf dem Dachboden: Waltraud Grömmer © Bild: Privat

KURIER-Leserin Waltraud Grömmer schreibt: „Ich bin im ländlichen Salzburg aufgewachsen, daher kam bei uns die 68er-Bewegung etwas später in Gang. Damals war  es üblich, die Kinder streng zu erziehen und bei Nichtbefolgung der Vorschriften zu züchtigen.

Trotzdem war in der Pubertät damals wie heute die Abgrenzung vom Lebensstil der Eltern vorrangig. Natürlich war es mein Ziel, den Jungens zu gefallen. Konservative Geschöpfe waren einfach zu uninteressant (das ist mir geblieben). Ich wollte provozieren und zog Miniröcke oder Hosen an, die ich von meinen Schwerstern entwendetet oder mir heimlich selbst genäht habe.

Das war natürlich aus der Sicht meines Vaters verboten. Trotzdem: Ich wollte Freiheit, Selbstbestimmung und Toleranz signalisieren und aus dem Korsett der Strenge und Härte ausbrechen.
Ich war noch zu jung um ein eigenständiges Leben führen zu können, legte mir daher eine eigene, versteckte Garderobe am Dachboden unserer Wohnung zu. So ging ich  seriös gekleidet aus dem Haus.

Kaum war die Wohnungstür hinter mir zugefallen, eilte ich zu meiner versteckten Garderobe, um mir den kürzesten Minirock (eigentlich nur breitere Gürtel) oder eine Glockenhose überzustreifen. Plateauschuhe waren unerlässlich. War es  kalt, wurde mein bodenlanger Mantel aktiviert, den ich am Dachboden gefunden hatte.

Danach war es wichtig, so unbemerkt wie möglich das kleine Dorf zu verlassen und per Autostopp das Weite zu suchen – was nicht immer gelang. Wurde ich von meinem Vater erwischt, war klar: diese Klamotten werden dem Feuer übergeben. Haus- und Fernsehverbot war die logische Folge meines ,unangemessenen und anstößig‘ Verhaltens.“

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Per Autostopp in die weite Welt: Signe Anita Fuchs © Bild: Privat

KURIER-Leserin Signe Anita Fuchs erinnert sich: „Meine erste Bekanntschaft mit den neuen Impulsen dieser Zeit machte ich bereits 1965, als ich als Einundzwanzigjährige Geschichte- und Geografie-Studentin zur Verbesserung meiner Englischkenntnisse den Sommer  in London, Südengland und Cornwall verbrachte. Von den unkonventionellen Denkweisen der dortigen Jugend tief beeindruckt, versuchte ich, zurück in Wien, den Kontakt zu ähnlichen Gesellschaftsschichten  zu finden, was mir im Café Hawelka und im Café Sport gelang.

Wir wollten nicht nur die Gesellschaft verändern, sondern auch hinaus in die Welt, um andere Länder und Kulturen kennenzulernen. Also begab ich mich trotz der Bedenken meiner Eltern mit meinem damaligen Freund auf Reisen – rund ums Mittelmeer, über Frankreich, Spanien nach Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Libanon, Syrien, Türkei, Griechenland und über Jugoslawien wieder zurück.  1967 ging es über den Balkan und die Türkei in den Iran, nach Afghanistan, Pakistan, Indien bis nach Nepal und zurück über Belutschistan, Süd-Iran, Kuwait, Irak, Türkei, Griechenland und Jugoslawien. Diese Reise öffneten uns die Augen für die Schönheit der Welt, aber auch für die Armut und die Bedingungen, in denen andere Völker leben mussten.     

Im Jahr 1968 zog ich mich dann zurück, um meine Dissertation zu verfassen. Nach meinem Studienabschluss arbeitete ich am Institut für Ost-und Südosteuropa. Alle die Erlebnisse und Eindrücke aus jener Zeit veranlassten mich aber, meinen ursprünglichen inneren Wunsch zu verwirklichen und Malerin zu werden, und ab 1971 studierte ich Malerei in der Meisterklasse Wolfgang Hutter auf der Akademie für Angewandte Kunst.“

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Viel verpasst: Hildegund Miller-Barton am Stadtrand von Steyr   © Bild: Privat

KURIER-Leserin Hildegund Miller-Barton erinnert sich: „Meine Eltern (aus Steyr) waren eifrige KURIER-Leser, nur mir zwölfjährigem Mädchen war es nicht gestattet, einen Blick in die Zeitung zu werfen. Das einzige, was ich – kontrolliert – lesen durfte, war ,Fritz, der Fratz’.

So habe ich erst nach vielen Jahren realisiert, was ich damals alles versäumt habe, es tut mir jetzt noch leid.“

( kurier.at ) Erstellt am 11.06.2018