Leben
09.08.2018

Kritik an neuer Serie: Diskriminiert Netflix Dicke?

Das Teenager-Drama verbreite eine gefährliche Botschaft: Schlanksein als Zauberformel für ein glückliches Leben.

Netflix sorgt für Seriennachschub – und zugleich für hitzige Debatten in den sozialen Netzen. Die Kritik an „Insatiable“ („Unersättlich“) fußt auf einem knapp zweiminütigen Trailer, den der Streamingdienst im Vorfeld veröffentlichte: Die Protagonistin, Patty, wird von ihren Mitschülern wegen ihres Übergewichts gemobbt. An sich ja löblich, alltägliche Diskriminierungen Dicker („Fatshaming“) zu thematisieren. Doch dann nimmt die Handlung eine Wendung. Nach den Sommerferien kehrt Patty als schlanke Schönheit zurück („schuld“ ist ein Kieferbruch, der sie zu einer Hungerkur zwingt) und ist fortan das begehrteste Mädchen der Schule. Mental erstarkt, beginnt sie einen Rachefeldzug gegen ihre einstigen Peiniger.

Petition gegen Start

Die überzeichnete Darstellung soll die Folgen von Bodyshaming aufzeigen, rechtfertigten Schauspieler und Produzenten. Dass Patty erst abspecken muss, um beliebt und selbstbewusst zu sein, stieß einem Gros der Twitter-Nutzer aber sauer auf. Die Aktivistin Florence Given startete auf Change.org gar eine Petition, die den Serienstart am 10. August verhindern soll. Schon der Trailer würde Essstörungen triggern und Frauen in Selbstzweifel stürzen, schreibt sie. „Sie werden denken, dass sie abnehmen müssen, um wertvoll und glücklich zu sein.“ Mehr als 200.000 Nutzer haben die Forderung unterzeichnet.

Eine davon ist Ina Holub. Die Wienerin ist Queer-Body-Positivity-Aktivistin, arbeitete als Plus-Size-Model und setzt sich auf ihrem Blog für mehr Körpervielfalt ein. „Die Serie“, sagt sie, „stützt sich auf die patriarchale Idee, dass der Körper einer Frau gewertet und kommentiert werden darf und reproduziert Klischees über dicke Frauen, ohne diese zu hinterfragen.“ Etwa, dass ein dickes Mädchen unmöglich Schwarm der Schule sein kann und abends auf der Couch Eis in sich hineinstopft, während die anderen feiern. „Zudem fällt auf, dass Patty, bevor sie schlank ist, unstylishere Kleidung trägt, schlecht frisiert und geschminkt ist.“ Die missglückte Darstellung kurviger Frauen hat in Hollywood Tradition: von Bridget Jones, die trotz Durchschnittsfigur als dick beschrieben wird, bis zu Jack Black, der in „Schwer verliebt“ erst hypnotisiert werden muss, um sich in die im Fatsuit steckende Gwyneth Paltrow zu verlieben.

Auf diese Weise werden Stereotype verstärkt und dicke Frauen weiter angefeindet, prangert Holub an. Als fette (so beschreibt sie sich selbst) und homosexuelle Frau kenne sie solche Situationen: „Einmal hat ein Typ auf mich gezeigt und zu seinen Freunden ‚Schauts mal die blade Sau‘ gesagt. Keiner hat eingegriffen.“ Das Argument, Dicke würden ihre Gesundheit gefährden, lässt sie nicht gelten. „Erstens spiegelt das die aktuelle Studienlage nicht wider, zweitens spielt es keine Rolle in der Body-Positivity-Bewegung. Da geht es darum, sich selbst lieben zu lernen, auch wenn man zu verstehen bekommt, ‚du bist nicht richtig so‘.“

Auch Gabriele Haselberger, Beraterin bei der Hotline für Essstörungen von der Wiener Gesundheitsförderung (0800 / 20 11 20), sieht die Serie kritisch. Immer wieder hat sie Mädchen wie Patty am Telefon, die wegen ihrer Figur gemobbt werden und in eine Essstörung rutschen. „Gerade in jungen Jahren sind Mädchen sehr sensibel, was ihr Äußeres betrifft – da können einspurige Botschaften wie ‚schlank = beliebt‘ kritisches Essverhalten fördern.“

Strukturen aufbrechen

Durch die per Beauty-Filter perfektionierte Bilderflut auf Instagram und Snapchat sei der Druck, dem derzeitigen Ideal – schlank und durchtrainiert – zu entsprechen, ohnehin erhöht, warnt die Expertin. In einer US-Umfrage von 2017 berichteten 55 Prozent der befragten plastischen Chirurgen von Patienten, die sich unters Messer legen wollten, um auf Selfies besser auszusehen – 13 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Solange die Werbung hauptsächlich auf Frauenkörper setzt und Magazine Kiloschwankungen Prominenter zum Titelthema machen, werden Dicke angefeindet werden, meint Ina Holub. So wie Patty. Es ist unwahrscheinlich, dass sich Netflix der Kritik beugen wird. Ähnlich heftigen Widerstand gab es beim Start der Serie „Tote Mädchen lügen nicht“, in der ein Teenager Suizid begeht. Kürzlich kündigte das Portal eine dritte Staffel an.