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Future Baby
04/10/2016

Albtraum Wunschbaby - die Geschäfte mit dem Kinderwunsch

Künstliche Gebärmütter könnten die Schwangerschaft übernehmen. Ein Film über die Auswüchse der Reproduktionsmedizin rüttelt auf.

von Laila Daneshmandi

"Kinderlosigkeit hat immer schon schmutzige Geschäfte nach sich gezogen", sagt Maria Arlamovsky im Interview mit dem KURIER. Die Regisseurin ist um die ganze Welt gereist, um hinter die Kulissen der Traumfabrik Wunschbaby zu blicken. In ihrem verstörenden Film "Future Baby" (ab Freitag, 15. April, im Kino) trifft sie Eizellspenderinnen vor der Eizell-Entnahme. Sie spricht mit Kliniken über die Sonderwünsche von Klienten. Und ist dabei, als ein Kind aus dem Bauch einer Leihmutter geschnitten und in die Arme eines Paares gelegt wird.

Geht es nach Wissenschaftlern wie dem Stanford- Professor Hank Greely, werden Kinder künftig ohnehin nur noch im Labor gezeugt und nach Haar- und Augenfarbe sowie nach genetischen Krankheitsrisiken selektiert. Feministinnen wie die Britin Laurie Penny gehen sogar weiter und sagen: "Wenn es eine technische Alternative zur Schwangerschaft gäbe, würde ich sie wählen. Ich möchte mir die körperliche Arbeit nicht antun."

Social Freezing

Pillen-Erfinder Carl Djerassi hat vor seinem Tod propagiert, dass die Zukunft der Reproduktionsmedizin im Einfrieren von Eizellen, im sogenannten Social Freezing liegt. "Er hat kapiert, dass das der wahre Markt ist. Es geht um die vielen, denen man einreden kann, dass sie so auf Nummer sicher gehen können, obwohl statistisch die Chancen bei 13 Prozent liegen, dass aus so einem Ei etwas wird", sagt dazu Arlamovsky. Was unterschätzt wird, ist, wie viel Leid auf der Strecke liegt. Wie oft es nicht funktioniert. Die Baby-Take-Home-Rate war in Österreich im Jahr 2013 noch immer bei 23 Prozent – das heißt, in 70 Prozent der Fälle klappt es nicht. In einer Studie wurde unlängst empfohlen, künstliche Befruchtung nicht unter sechs Versuchen aufzugeben. Die Hormonbehandlungen sind aber irrsinnig anstrengend und eine psychische Belastung.

KURIER: Sind wir mehr gleichberechtigt, wenn Kinder neun Monate in einer Wanne statt in einem Bauch heranwachsen?

Maria Arlamovsky: Es gab schon immer ein Machtverhältnis: Die Männer waren zwar die Starken, aber nur Frauen können Kinder gebären. Das ergab einen gewissen Gebärneid bei den Männern. Ich glaube für die Kinder wäre so etwas eine Katastrophe, weil man weiß, wie viel Kinder im Bauch der Mutter mitbekommen und das fehlt dann alles. Aber für das Thema Gleichberechtigung ist es ein Denkansatz. Weil Frauen über ihren Körper selbst entscheiden können. Da gibt es keine einfachen Antworten.

Was hat Sie bei der Recherche zum Film am meisten bewegt?

Das Schockierendste war die Zusammensicht dieser Einzelteile. Die Medizin rückt in den Hintergrund, was es heißt, Eizellspender zu sein. Oder Leihmutter und das Kind wird einem aus dem Bauch geschnitten und einer anderen Frau in die Arme gelegt. Das sind Bilder, die man nicht bedienen will, weil sonst wären viele Leute schockiert. Wir dürfen nicht die Augen zumachen und sagen, ich will unbedingt ein Kind, aber ich übernehme nicht die Verantwortung, mir bewusst zu machen, was das für jemanden anderen heißt. Dass junge Frauen für relativ wenig Geld viel auf sich nehmen – auch in Europa. Das sind keine Patientinnen, sondern Lieferantinnen.

Reproduktionsmedizin als Wirtschaftsfaktor...

Wenn man die Branchen der Medizin ansieht, dann sind Schönheitsmedizin und Reproduktionsmedizin die boomenden Märkte. Es wird nicht geforscht, warum wir immer unfruchtbarer werden, warum die Spermienqualität immer mehr abnimmt. Stattdessen forscht man, wie das genetisch fremde, befruchtete Ei besser in den Uterus einer Leihmutter eingeklebt werden kann.

Auch für das ungeborene Kind hat das Folgen, oder?

Ja, das ist ein riesiges Thema. Man steckt neun Monate in einem Bauch, hört die Stimme, teilt das Blut und wird dann jemandem komplett Fremden in die Arme gelegt. Das sind Beziehungsabbrüche. In der Adoptionsforschung ist das eine Traumatisierung für ein Kind. Das ist alles zu wenig erforscht. Die Mittel für Forschung fließen nur in Bereiche, die für das Geschäft gut sind.

Dazu kommt, es gibt keine Stelle, die für die Rechte der Kinder eintritt. Bei Pflege- oder Adoptivkindern kümmert man sich darum, wo die Kinder hinkommen. Bei Reproduktion mit Hilfe Dritter gibt es das nicht. Das heißt, ich kann irgendwo hinfahren und ein Arzt entscheidet, ob er ein Kind macht oder nicht – und das gegen Geld.

Im Extremfall könnte sich ein Pädophiler also ein Baby bei einer Leihmutter bestellen und es gehört dann ihm?

Ja, sogar mehrere. Vor zwei Jahren hat sich ein reicher Japaner mit 13 Leihmüttern 15 Kinder machen lassen – das ist dann aufgeflogen. Theoretisch könnte man eine Organfarm aufziehen oder Pädophilenringe bestücken. Man kann so viel und es gibt keine Instanz auf internationaler Ebene, die sich zuständig fühlt. Reproduktionsmedizin macht nie an der Grenze halt.

Wo soll man die Grenze ziehen? Bei der Forschung, den Gesetzen, bei der Beratung der Paare?

Die Beratung halte ich für das Um und Auf. Ein Angelpunkt ist auch, dass man sich viel bewusster werden muss, dass Kinder, die mithilfe Dritter geboren wurden, ein Recht darauf haben zu wissen, wie sie gemacht wurden und durch wen. Das müsste ein Menschenrecht sein. Wir machen ja nicht nur Kinder. Sie sind sehr kurz Kinder und den Rest ihres Lebens sind sie erwachsene Menschen, die sich damit herumschlagen müssen, dass sie nicht wissen, woher sie genetisch stammen und das aber gerne wüssten. In "Future Baby" wurde das wenig berücksichtigt, es wird einen TV-Teil darüber geben.

Was muss also passieren?

Es muss international Gremien geben, die Regulationen erstellen. Es gibt keine Register für Eizell- und Samenspender oder welche, wo sich Kinder erkundigen können, woher sie abstammen. Es gibt auch keine Regulationen, wie oft Spender spenden können – es gibt tatsächlich Fälle, wo ein Mann Hunderte Kinder gezeugt hat. Diese Themen werden uns in Zukunft beschäftigen. Es gibt auch kaum Bücher, mit denen man diese Dinge den Kindern kindgerecht erklären kann.

Soll man das den Kindern im Kindesalter erklären?

Je früher, desto besser. Dann ist es für die Kinder normal und es ist kein Schock, mit 13, 16 oder 18 an den Kopf geworfen zu bekommen, dass alles ganz anders ist. Damit schlagen sich viele herum, weil dann die Vertrauensbasis Eltern-Kind enorm in Mitleidenschaft gezogen wird. Es schützt die Eltern, wenn sie ihren Kindern nicht sagen, dass eine Eizell- oder Samenspende im Spiel war. Sie haben Angst vor dem Liebesverlust. Diese Angst ist aber unbegründet, weil Offenheit und Ehrlichkeit die Beziehung zum Kind stärkt.

Wie kommen Paare in diesen Strudel, nicht mehr aufzuhören, es weiter zu versuchen?

Ich kann das jetzt nur aus Frauensicht beantworten. In den Medien sieht man, dass Schauspielerinnen mit Anfang 40 noch ein Kind bekommen können. Da weiß man nicht, wie viele Behandlungen die hinter sich haben. Anfangs versucht man es noch mit alternativen Methoden, irgendwann landet man doch in der Fertilitätsklinik und bekommt ein Angebot nach dem anderen, wie man es noch versuchen könnte.

Was hoffen Sie mit dem Film zu bewirken?

Wir sind biomedizinisch viel weiter als in unseren Köpfen. Das, was es jetzt alles gibt, ist ja schon irrsinnig verrückt – vieles konnte ich gar nicht im Film zeigen. Wir müssen uns damit auseinandersetzen damit wir wissen, was auf uns zukommt. Ich hoffe, damit eine Diskussion auszulösen. Und ich hoffe, dass viele junge Menschen sich den Film anschauen und sich selbst fragen: Wie weit würde ich gehen?