Wie verrückt kann man sein?

David Lama - Action
Foto: WWW.REDBULLCONTENTPOOL.COM/Lincoln Else/Redbull Content David Lama am 21. Jänner 2012 am Cerro Torre in Patagonien.

Extremkletterer David Lama spricht im KURIER-Interview über den gefährlichsten Berg der Welt

Der Cerro Torre ist ein 3133 m hoher Granitpfeiler an der Südspitze Patagoniens. Kein Mensch, der an seinem Leben hängt, käme auf die Idee, diesen Berg zu besteigen. 1952 nannte der französische Alpinist Lionel Terray die Besteigung "unmöglich". Zu steil, zu ausgesetzt ist der Gipfel. Mit ungebremster Wucht rollen Orkane vom nahe gelegenen Pazifik heran. Der Wind pfeift an den meisten Tagen mit Spitzen von 200 bis 300 km / h. Das Fenster für einen Aufstieg ist nur wenige Tage im Jahr offen. Und ausgerechnet hier wollte sich der talentierte junge Kletterer David Lama 2009 ein Denkmal setzen, als er hinausposaunte, den Granitobelisken in Argentinien im freien Stil ersteigen zu wollen. Haken und Seil dienen bei dieser Kletterart nur als Sicherung.

In der gestrengen Kletterszene löste Lamas Ankündigung Kopfschütteln aus. "Du hast nicht den Hauch einer Chance", sagte US-Altmeister Jim Bridwell, der selbst auf der sogenannten "Kompressor-Route" (nach den Haken, die mithilfe eines Kompressors 1970 in der Wand verankert wurden, um sich hinaufzuziehen) auf den "Torre" geklettert ist. Diese abschätzige Bemerkung an höchster Stelle machte aus Lamas Ankündigung das, was Medienleute eine "G’schicht" nennen.

… Foto: Red Bull David Lama, Peter Ortner, Toni Ponholzer und Jim Bridwell: Cerro Torre. Nicht den Hauch einer Chance. Red Bull Media House. Regie: Thomas Dirnhofer. Filmstart: 21. 3. Die Spannungen zwischen dem Kletteridol aus dem Yosemite Valley, Bridwell, und dem genialen Boulderer aus Tirol, Lama, bildet die Basis für den Bergfilm "Cerro Torre – Nicht den Hauch einer Chance" aus dem Hause Red Bull: (Kinostart: 21. März). Die Dramaturgie erinnert nicht zufällig an ein anderes Red-Bull-Gespann, Felix Baumgartner und Joseph Kittinger – und es packt einen auch hier. Der KURIER traf David Lama in Wien. Er ist ein ruhiger Mann, der sich nur einmal aus der Reserve locken ließ.

KURIER: Im O-Ton sagt Jim Bridwell über Ihre Erfolgsaussichten, sie hätten "a snowball’s chance in hell". Im Film wirkt dieser Spruch einstudiert und unecht, war Bridwell wirklich so pessimistisch?

David Lama: Das kann ich nicht beantworten, das müsste man ihn oder den Regisseur fragen, weil ich bei den Dreharbeiten nicht dabei war. Ich habe auch danach erst von seinen Statements erfahren, aber es war so, dass die meisten Leute gesagt haben, Freiklettern ist dort oben unmöglich. Alexander Huber (Extremkletterer, Anm.) schreibt, dass er es für ein, für ihn, zu großes Unterfangen halte. Das heißt schon was, der Alex Huber zählt zu den ganz Großen der vergangenen 10 Jahre. Es braucht schon einigen jugendlichen Leichtsinn und Frechheit, so was in Angriff zu nehmen.

Huber hat in einem "Spiegel"-Interview über sein Tun gesagt, er muss sich mit dem Risiko, mit der Todesangst auseinandersetzen. Sie auch?

Ich gebe dem Alex recht. Jeder, der nicht darüber nachdenkt, ist eigentlich ein Idiot, weil er die Realität nicht anerkennt. Man setzt sich da einer Gefahr aus, aber man muss sich des Risikos bewusst sein. Das Bewusstsein ist der erste Schritt, und der wichtigste, weil man sich dann die Frage stellen kann: Ist es mir das wert? Und wenn man sich mit dem Risiko auseinandersetzt, kann man probieren, es zu minimieren und zu umgehen.

David Lama war fünf, als ihn Himalajaveteran Peter Habeler zum ersten Mal beim Klettern beobachtete. Sein Urteil: Der Bub habe ein außergewöhnliches Gefühl für den Felsen (Im Bild: Qualifikation der Kletter-EM in Imst 2010). Aufgewachsen ist Lama in Tirol. Sein Vater, ein Bergführer stammt aus dem Mount-Everest-Gebiet in Nepal, seine Mutter ist Krankenschwester und kommt aus Innsbruck. KURIER-Redakteurin Maria Gurmann besuchte den Sportkletterer 2008 zu Hause in Götzens. Der damals 18-jährige war zu diesem Zeitpunkt schon zweifacher Europameister und Gesamt-Weltcupsieger in der Kombination.  Als Bub lernte er in der Kletterhalle seinen späteren Trainer Reini Scherer kennen, mit dem er heute noch zusammenarbeitet. Durch das Hallenklettern perfektionierte er seine Technik außergewöhnlich schnell und talentiert. Seine erste 8a-Route, "Kindergarden" in Slowenien kletterte Lama im Alter von 10 Jahren. 2006 war er der erste Kletterer, dem es gelang in seiner ersten Saison im Weltcup sowohl einen Boulder-Weltcup als auch einen Vorstieg-Weltcup zu gewinnen. Seiner Statur verdankt der 1,65 Meter große Kletterer den Spitznamen "Fuzzy": „Das ist ein uralter Spitzname, weil ich immer der Kleinste im Team war“. Neue Herausforderungen suchte Lama am Felsen. Neben seinem dichten Wettkampf- und Trainingsprogramm in der Halle arbeitet er sich im alpinen Bereich voran. Seit 2010 konzentriert er sich hauptsächlich auf den Alpinismus. Dabei wird dem 23-Jährigen eine buddhistische Ruhe nachgesagt. Der Spitzensport und alpine Abenteuer im Extrembereich bewertet er nur als Teil des Ganzen, als Teil vom Gesamterlebnis. Sein Motto: „Es geht nicht um die Leistung - Es geht ums Erlebnis.“

Im Ernst: Sie ziehen sich an Quarzkanten die Wand rauf, die 1 bis 2 mm wegstehen?

Am Torre gibt es die Ice Towers (Eistürme, stellenweise 80), da bricht immer wieder Eis runter, wenn die Sonne rauskommt. Man darf nicht um die Mittagszeit unter ihnen herumspazieren oder ein Mittagsschläfchen machen, weil da ist die Chance am größten, dass mich so ein Eisbrocken erwischt. Wenn ich in der Früh gehe oder in der Nacht, dann minimiere ich Risiko. Ich glaube, das ist eine gesunde Annäherungsweise.

Wie detailliert waren Ihre Vorbereitungen, bis hin zu jedem einzelnen Griff am Fels?

So weit kann man mit Fotos nicht reingehen, aber man kann gröbere Strukturen erkennen, man erkennt an der Struktur vom Fels, ob da kleine Hinterschneidungen, kleine Leisten sind, Schuppen. Das Auge des Kletterers sieht das. Mit viel Erfahrung. Ich klettere seit 18 Jahren.

Sie sind 23, haben im Grunde nichts anderes gemacht in Ihrem Leben als Klettern.

Das dafür sehr gut. Ich glaube, ich habe mich mein ganzes Leben lang auf den Cerro Torre vorbereitet. Weil, wie wir gerade festgestellt haben, habe ich mein Leben lang nichts anderes gemacht. Ich musste am Torre nämlich nicht nur klettertechnisch ans Limit gehen, sondern auch charakterlich und menschlich.

(kurier) Erstellt am
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