Leben | Kiku 09.01.2012

"Wir werden uns viel zu erzählen haben..."

Klavierspielende Nina Edtinger und einer der Briefe der vertriebenen Ex-Schüler © Bild: Heinz Wagner

Geschichte lebendig gemacht in Briefen vertriebener Schüler/Projekt im Gymnasium Stubenbastei (Wien)

Frau Hechter, ihr Sohn, die Tafel, die an Vater/Ehemann erinnert, die Schuldriektorin und Schülerin Lea Duxler
© Bild: Heinz Wagner

Wir werden uns viel zu erzählen haben, wenn wir uns einmal wieder sehen", schrieb Alfred Hechter in einem Brief vom 27. Juli 1939 aus Peta Tiqua, Palästina, an seinen ehemaligen Mitschüler Wilhelm Mandl. Es ist dies einer von 675 erhaltenen Briefen von einem Dutzend Schülern, die 1938 das Gymnasium Stubenbastei in der Wiener Innenstadt verlassen mussten. Es war eine der Aktionen des an die Macht gekommenen Naziregimes gegen jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Hechters Sohn kam vor wenigen Wochen in die alte Schule seines Vaters. Mit dabei seine Mutter. Berührend verlief die Begegnung mit heutigen Schülerinnen und Schülern. Die hatten sich im Wahlpflichtfach "Centrope" mit vielen der Briefe auseinandergesetzt.

Historische Fakten plus persönliche Eindrücke

Schüler_innen lesen aus Briefen
© Bild: Heinz Wagner

"Es war ein wirklich interessantes Projekt, weil historische Fakten mit persönlichen Eindrücken verbunden wurden und man richtig nachfühlen konnte, wie es den Menschen damals gegangen ist. Die waren ja ungefähr gleich alt wie wir jetzt." So wie es Paul Bashir hier gegenüber dem Online-Kinder-KURIER beschreibt, formulieren es ähnlich seine Kolleginnen und Kollegen. Rund ein Dutzend Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Stubenbastei haben sich im genannten bilingualen Wahlpflichtfach mit einer Fülle von Briefen ehemaliger Schüler auseinandergesetzt. Die zählten zu jenen, die 1938 als Jüd_innen die Schule verlassen mussten, weil das bereits herrschende Nazi-Regime jüdischen Jugendlichen den Besuch normaler Schulen nicht mehr erlaubte. Und es sollten – wie wir leider wissen – noch härtere Verfolgungen bis hin zu massenhaften Ermordung folgen.

Rund ein Dutzend dieser damaligen Stubenbastei’ler verabschiedeten sich am Schwedenplatz in böser – oder realistischer Vorahnung - "für immer", beschlossen aber, so lange als möglich in Briefkontakt zu bleiben. Sie tüftelten ein System von Rundbriefen aus – abschreiben und weiterschicken – und sorgten so für (manche auch damals schon bewussten) zeitgeschichtliche Dokumente.

Fast die Hälfte vertrieben

Tafeln im Schulhaus
© Bild: Heinz Wagner

Die Originale der 675 Einzelbriefe, verpackt in 106 Rundbriefe liegen im Grazer "Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich". Über einen Umweg, nämlich die Germanistin Jacqueline Vansant, Professorin an der University of Michigan-Dearborn, erfuhr die Stubenbastei von der Existenz der Briefe. Und bekam Zugang zu den digitalisierten Jahrgängen (1938-42). Diese haben die Schüler_innen im bilingualen Centrope (viele der Briefe sind ab Kriegsbeginn auf Englisch) intensiv gelesen, besprochen und analysiert.

Bei einer Festveranstaltung war unter anderem der schon genannte Sohn Hechters anwesen, einer der damaligen Schüler, der erst nach England, später in die USA geflüchtete Hans Kautsky sandte eine Videobotschaft.

Die Jugendlichen gestalteten auch schlichte, knapp formulierte Infotafeln zu den zwölf Briefschreibern, die über das ganze Schulhaus verteilt neben Klassenzimmern hängen. Und so heutigen Kindern und Jugendlichen Geschichte lebendig vor Augen halten.

Dabei stehen die 12 "nur" stellvertretend. Immerhin betraf die Vertreibung – wie eine informative Tafel im Erdgeschoß erwähnt – mit 274 von 634 Schülern nicht viel weniger als die Hälfte aller damaligen Gymnasiasten der Stubenbastei.

Einfühlen, wie`s jugendlichen Flüchtlingen gegangen ist/geht

Schüler_innen am Info-tisch mit den Audio-CDs mit den gelesenen Briefen
© Bild: Heinz Wagner

Charis Qarar Xochil war sozusagen Patin der Briefe Arthur Kupfermanns. "Er hat am meisten geschrieben, da konnte ich mich stark und gut in seine Persönlichkeit hineinfühlen. Dafür war es nicht leicht, dann Stellen fürs Vorlesen auszuwählen", schildert die Schülerin. Bei der Projektpräsentation, die von Nina Edtinger gefühlvoll musikalisch begleitet wurde, lasen die Jugendlichen aus den Briefen. Mehr davon gibt es auch auf einer Audio-CD, die sie aufnahmen und die in der Schule erworben werden kann.

Alex Kulo meinte, "durch diese Briefe konnte man sich eher einfühlen, wie es diesen Jugendlichen damals gegangen ist" und die schon genannte Charis Qarar Xochil ergänzte, "dadurch kann man sich vielleicht auch heute leichter in die Situation von Jugendlichen versetzen, die flüchten müssen".

"Besonders spannend" fand Lea Duxler das Projekt, "weil ich selber aus einer jüdischen Familie komme. Wenn du so einen Brief liest, dann kommt dir diese Person sehr nahe". Seit zwei Jahren besucht sie erst die Stubenbastei, "hier wurde ich sofort sehr offen aufgenommen und fühl mich auch sehr wohl, weil ich mich selber für jede Religion und alle Kulturen interessiere."

Erstellt am 09.01.2012