Menschen-Vielfalt und viel Humor

Wunderbares Plädoyer für Vielfalt: An die 60 Filme von Kindern und Jugendlichen sind bei den 21. Video- und Filmtagen im Wiener Urania-Kino zu sehen. Video: "Human Diversity" von Fiona Quadri

Fiona Quadri, "Human Diversity" Foto fürs Plakat der 21. Video- und Filmtage von wienXtra

Update 15. Oktober 2017, 20.58 Uhr: Besprechung vieler Filme des Festivals

Laura (17), Juliette (16), Julia (16), Jessica (21) – was verbindet diese vier Mädchen? Sie sind Menschen. Wie 7,5 Milliarden andere auf der Welt. Einige davon, namentlich die vier genannten Mädchen, kommen im acht-minütigen Film von Fiona Quadri vor. Die Schülerin einer der vier europäischen Schulen in der belgischen Hauptstadt Brüssel schnitt diesen Kurzfilm aus rund 70 Stunden Rohmaterial.

Video- und Filmtage 2017 Foto: Heinz Wagner Die ersten Aufnahmen von Urlaubsreisen, u.a. in Thailand waren einfach nur Urlaubsvideos – aber auch schon damals war’s der Jugendlichen wichtig, Menschen – insbesondere Kinder und Jugendliche in den Fokus ihrer Kamera zu rücken. Und mit so manchen von ihnen zu sprechen. In ihrer Schule wie in Brüssel überhaupt erlebt(e) sie Vielfalt genau so normal wie in Wien. Die Tochter einer Wienerin und eines Nigerianers war diesen Sommer erstmals im nigerianischen Ibadan. „In Europa werde ich oft als Afrikanerin angesprochen. Ich hab geglaubt, endlich werde ich jetzt dazugehören. Aber ich wurde als „Weiße“ bezeichnet.“ Das war der Punkt, wo endgültig die Idee zum Film Menschen-Vielfalt gereift ist. Den hat sie für die Video- und Filmtage eingereicht, wo er als einer von fast 60 Filmen ausgesucht wurde und am Samstagnachmittag zu sehen war. „Ich liebe Filmen“, sagt sie, die mit Französisch und Deutsch aufgewachsen ist, in der Schule Englisch und Spanisch lernt und im Sommer auch ein wenig Yoruba (eine der mehr als 200 Sprachen Nigerias) zu lernen begonnen hat und beim Film bleiben will. Nach der Schule will sie dieses in London studieren, „dazu aber auch noch was Bodenständigeres wie Politikwissenschaften, damit ich auch eine fundierte wissenschaftliche Basis habe“.

Fiona Quadris Film ist ein wunderbares, unaufgeregtes, unaufdringliches Plädoyer für die wunderbare Vielfalt unterschiedlichster Menschen gelungen – wovon Publikum aber auch die Jury von Profis aus der Filmbranche begeistert war.

Gesellschaftspolitische Filme

Video- und Filmtage 2017 Foto: Video- und Filmtage 2017 Auch etliche andere junge Filmemacher_innen griffen gesellschaftspolitische Themen auf wie Fremdenfeindlichkeit und Flucht bzw. vor allem aber Ankommen („Widerspruch“ von Marie Luise Lehner, „Augen auf“/Timo Tatzber, „Grenzen“/Thomas Guggenberger, „Begegnung“/Harald Schweidler/Isidor Dietrich/ Tobias Sieber, „Meine Geschichte“ von Ataullah Sherzad/Amir Hossaini/Mahdi Hussan/Isa Hazara/Walid Walizada/Nisar Nazari) oder die Geschlechterfrage („Starke Frauen/Schülerinnen der 3 AS der HAK Polgarstraße vor allem aber „Walk of Shame“, in dem Judith Dornetshuber und Jana Fitz mit dem „Trick“ der Rollenumkehr spielen – Frauen drängen Männer im öffentlichen Raum an den Rand, machen sie prolo-mäßig an bis hin zu einer versuchten Vergewaltigung).

Die/das Zombie

Video- und Filmtage 2017 Foto: Video- und Filmtage 2017 Obwohl nicht direkt und - wie die jungen Filmemacherinnen zugaben - gar nicht bewusst, schufen ein Dutzend sehr junger Mädchen in der Regie der 12-jährigen Marie Wolkenstein mit dem Zombie-Film „Death Dreams – Träume des Todes“ fast ein feministisches Statement. Mädchen waren nicht nur hinter und rund um die Kamera, sondern spielten auch davor – und keine männlichen Zombies. Hingegen war Sarah Maria Gruber und Lisa Marie Hanzl in ihrem an sich wunderbaren Film, der Atmosphäre und Menschen auf der Donauinsel hautnah einfing, wie sie meinten, „erst danach aufgefallen“, dass alle fünf Personen, die in „Men an a manmade Island“ sehr berührend nahe gebracht werden, männlich sind. Lea Rössle thematisiert in „Womit habe ich das verdient“ Mobbing eines Mädchens durch etliche Jungs. Als sie sich ihrer Leidenschaft und Stärke – tanzen – bewusst wird, tritt sie auch selbstsicherer in der Schule auf. Leider verschenkt die 15-Jährige den Schluss: Die Protagonistin kommt nun im Kleidchen in die Schule, einer der vormaligen Mobber lächelt sie nun an und sie küsst ihn.  

Das Festival des jungen Films

Video- und Filmtage 2017 Foto: Video- und Filmtage 2017 Der schönste Liebesfilm, die schrägste Kritik am Postulat von Effizienz, ein wunderschönes poetisches Reisetagebuch und mehrfache, ganz unterschiedliche Plädoyers für vielfältiges zusammenleben statt stumpfer Einfalt – das war der erste Abend des aktuellen Festivals jungen Films in der Wiener Urania. Zum 21. Mal fanden die Video- und Filmtage von wienXtra statt. An die 60 Filme, gemacht von Kindern und Jugendlichen, sind bis Sonntag zu sehen – am Montag findet die Preisverleihung statt.

Bei dem erwähntem Liebesfilm handelt es sich um „Mia“. Adriana Mrnjavac lässt im knapp mehr als viertelstündigen Spielfilm mit oft sehr langsamen Bildern zwischen einem Jungen und einem Mädchen (12 Jahre) einen Bogen von Gefühlen entstehen: Von der anfänglichen Ablehnung des neuen Mitschülers mit Handicap durch die wegen ihrer kranken Mutter überforderte Mia über eine zaghafte freundschaftliche Annäherung bis hin zu starkem Vertrauen. Am Ende spielt ein gemaltes Bild von dem Mädchen eine zentrale Rolle. Das Bild hat die Filmemacherin selbst gemalt. Dafür hatte sie die nunmehrige Hauptdarstellerin vor vier Jahren in einem Bus angesprochen.

Eine andere Freundschaftsgeschichte – zwischen dem Mädchen Mint und dem Jungen Noah – verpackten Cézanne Leuwers und Sarah Radosević in eine „besoffene“ Episode einiger Mädchen samt gefährlichem Unfall.  

Poetische Filme

Video- und Filmtage 2017 Foto: Video- und Filmtage 2017 In „Indien“ verknüpfte Katharina Wenty einen eigenen lyrischen Texte mit eindrucksvollen, stimmungsvollen Bildern ihres Indien-Trips zu einem poetischen Reisefilm. Sehr poetisch allerdings in der Art ganz anders, nämlich experimentell und sehr kurz ist Anja Suchomels „Flower“. Sehr poetisch auch die Freundschafts- bzw. Liebesgeschichte zweier Mädchen „Sensations“ (Empfindungen) von Katharina Maunz. Gleiches gilt für „Noch einmal“ der Geschwister Lisa und David Maresch – ein berührendes Musikvideo zu einem von David Maresch geschriebenen und komponierten Song.

Humor

Video- und Filmtage 2017 Foto: Video- und Filmtage 2017 Auch experimentell, aber in eine ganz andere Richtung geht „Das Manifest der Ineffizienz“. Die drei Minuten von Elisa Frey, Merle Kreuzaler, Gabriel Pointner und Philipp Quel sorgten mit ihren skurrilen Einfällen wie Speckscheiben in einen Toaster halten, Haare mittels eines an die Wand gehaltenen Blasebalgs zu föhnen usw. für sehr, sehr viel Lachen im cinemagic, dem Kinder- und Jugendkino in der Wiener Urania. Für herzhaftes Lachen sorgte auch eine Szene in „Mission: Lightsaber“ von Julian Schnizer und Elis Zuleger als in der actionreichen Suche nach dem Lichtschwert dieses selbst als Messer plus Toaster in einem eingesetzt wird. Verblüffend auch die Schlusspointe des 100-sekündigen Videos von Mahmoud Mousavi „Fantasy Love“: Die ursprünglich stimmungsvoll scheinende Liebes-SMS entpuppt sich als automatisiert um 3 Uhr früh an mehrere Empfängerinnen abgeschickte Kurznachricht.

Video- und Filmtage 2017 Foto: Video- und Filmtage 2017 Durchgängig sehr witzig ausgefallen ist das Parodie-Musik-Video zu Katy Perrys „Unconditionally“ von Silvio Gasser und Laurenz Artner. Humorvoll vor allem die Idee aber auch die filmische Umsetzung von Lucia Wagner, Benjamin Wagner, Marie Spangler, Emil Spangler und Luis Spangler in „Der Märchenmix“. Vor fünf Jahren hatten sie als Kinder einen Mix mehrerer Märchen als Hörspiel aufgenommen – und dieses nun mit bewegten Bildern in einem dazu passenden Stil  versehen – samt Bebilderung aller seinerzeit aufgenommen Versprecher.

Viele Lacher

Video- und Filmtage 2017 Foto: Video- und Filmtage 2017 Sehr viel, fast durchgängiges Lachen gab’s Sonntagnachmittag auch bei „Episode in Real Life“ von Annika Grondinger und Nora Gössinger. Die beiden gingen von einer spielerischen App aus, die immer Entscheidungen verlangt und „übersetzten“ diese spontan an einem Nachmittag in eine sehr humorvolle Mädchen-Jungs-Beziehungs-Geschichte. Für noch mehr – und vielleicht die meisten Lacher des gesamten Festivals – sorgte der jüngste der Filmemacher_innen. Der achtjährige Luca Potskhishvili hatte eineinhalb Jahre an seinem sehr, sehr witzigen Zeichnetrickfilm „Der Cosmospinguin in Sushiland“ gearbeitet. Hauptsächlich animierte er seine Bunt- und Filzstiftzeichnungen im Computer, dazu aber auch Spielzeug wie kleine Autos, Flugzeuge und vor allem einen Stehauf-Pinguin und einen Frosch. Allein schon die Figuren, aber vor allem die sehr schräge Geschichte ließen noch im Kinosaal die Forderung nach einer Fortsetzung aufkommen.

Filmgespräche

Dieses Festival zeichnet sich aber nicht nur dadurch aus, dass es jungen und jüngsten Filmemacher_innen die Leinwand zur Verfügung stellt, sondern durch den Dialog mit dem Publikum sowie das Live-Feedback einer Fachjury aus Profis der Filmbranche.

Infos

Was? Wann? Wo?

21. Video- und Filmtage
Bis 16. Oktober 2017
cinemagic in der Urania
1010, Uraniastraße 1
www.videoundfilmtage.at/2017/

(kiku) Erstellt am
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